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„Lebst du auch noch?“, begrüßte mich S. naiv freudestrahlend.

Sicher wusste ich, wie er es meinte – S. war kein guter Freund, jedoch ein Mensch, den ich sehr mochte, und lange nicht mehr gesehen hatte. Genau sechs Monate: Meine Zeit auf der Kinderkrebsstation von Pfaundler in der Freiburger Uni-Kinder-Klinik.

„Frag das nie einen Krebser!“, erwiderte ich streng, wohl damit rechnend, dass ihm die Kinnlade herunterklappte.

Es war mehr eine Frage des Prinzips, ihm so etwas entgegen zu schleudern, vielleicht eine Art Statuieren eines Exempels – damit er und die Freunde um uns herum ihrer Sprache bewusster werden. Und natürlich des Todes, der Teil unseres Lebens ist und überall lauert. Auch auf junge Menschen, die sich noch nichts haben zu Schulden kommen lassen. Nein, ich wollte ihn nicht diffamieren, ich wollte ihn nicht abweisen, zum Beweis lächelte ich ihn an, sagte, dass ich nur scherzte, und drückte ihn fest an mich. Ich hatte doch bemerkt, dass seine Freude nicht gespielt war, sondern ernst gemeint, und sein Michnichtmehrloslassenwollen bewies dies erst recht.

So viele Dinge passierten mit mir in diesen sechs Monaten: Ich nahm meinen Körper ganz anders wahr, mein Geschmackssinn spielte verrückt, ich roch anders, ich veränderte gar meine Weltsicht – und die Sprache, die wir täglich nutzen, wurde mir plötzlich fremd. Ich hinterfragte einzelne Floskeln, Allgemeinplätze, Worte, die ich tausende Male gedankenlos gebraucht hatte, brannten plötzlich lichterloh in meinem Kopf, wollten in ihrem ganzen Ausmaß verstanden werden.

Ein anderes Missverständnis hatte bereits zuvor in der Klinik noch mehr Bestürzung hervorgerufen: Ich hatte mir etwas zu trinken aus der Küche geholt, schwer humpelnd, eine Flasche und ein Glas balancierend, immer bedacht, dass weder der Apfelsaft noch ich auf dem Boden landeten. An meinem Zimmer, das am anderen Ende des Flurs lag, angekommen, wurde mir mitgeteilt, dass ich Besuch habe und dieser im „Fischzimmer“ wartete. Ohne mein Getränk abzustellen, humpelte ich also weiter, platzierte Flasche und Glas auf dem Tisch und begrüßte meine Freunde. Diese schauten abwechselnd das Getränk und mich an, verwirrt, was mich dazu brachte ihnen giftig zu erklären:

„Krebs ist übrigens nicht ansteckend!“

Wieso war ich so gereizt? Mir war bewusst, dass sie nichts Böses von mir wollten, lediglich überrascht waren und ich etwas hinein interpretierte, was gar nicht da war. Durch meinen Ton verletzte ich sie. Durch meine Sprache grenzte ich mich von ihnen ab.
Ich bekämpfte als einziger den Krebs, führte ich, führte ich hier stellvertretend Krieg gegen ihn? Sprache. Ein Tumor ist eine „böse Masse, die wuchert“, gegen die ein Arzt mit einem Skalpell als „Streitaxt“ angeht, der Körper wird zum „Schlachtfeld“. Nicht nur Susan Sontag verweist auf Krebs als Metapher und darauf, dass häufig Kriegsmetaphern im Sprechen über Krebs benutzt werden. Bin ich „dem Tod von der Schippe gesprungen“, als ich den „Krebs besiegte“?

Ich lebe noch, schreie ich S. entgegen, obwohl ich nicht schreie. Meine Sprache hat sich verändert, ebenso mein Bewusstsein. Der Tod lauert mir überall auf. Noch. Immer.

 

Jannis Plastargias

 

 

 

 

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