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ich kann diese stelle nicht wiederfinden

 

 

 

 

nur schemen nur ihre blanken gesichter
überbelichtet sie richteten lampen aus
ich kannte die hand nicht

die mich ans bett band linke hand rechte hand
linker fuß rechter fuß fixiert mit versiertem griff dann
die maske der schlauch das schneidende
licht ich lag hinter den scheiben sah stirnen
gestalten mit mundschürzen die mich meinten
die meine entzweiung begingen geschäftige finger
trainierter begriff während ich schlief und ich schlief
lang

jahre als hätte ich niemals davon gesprochen was
wächst denn wenn schweigen wächst wie das gras
vor den scheiben was bedeutet dir hoffnung sag
war ich je so voller hoffnung wie da ich
ihr unterlag

 

 

 

 

ich kann diese stelle nicht wiederfinden ich weiß nicht
erinnere ich mich oder stelle ich mir ihre gesichter bloß vor
und was sag mir machte den unterschied

habe ich eingewilligt in meine entzweiung hat mich wer oder
war ich dann vorbereitet und müssten meine hände nicht
immer noch zittern dass die fixierung sich endlich löst

 

 

 

 

dieser schmerz kennt keinen anfang
kein ende nicht dreißig sekunden
bäumen des munds dann ruhe
nur runde um runde hinüber

über die schwelle dessen
was möglich schien

taubheit in rücken und füßen
gerüche spürbar als übelkeit
willen versiegt schließlich stimme
kein ich verfügt über mich

aber verstand setzt nicht aus
angst setzt nicht aus ich

kann sich nicht dahin bringen in ohnmacht zu sinken
kein bewusstsein zu haben noch bewusst
zu sein

 

 

 

 

kannte ich denn die hand die die maske führte das schweigen
das atemlos schlafen macht warten wachen
wann kannte ich dich und erkannte dich nicht schlaf
im schlaf

die meine hände banden als bänden sie mich begründeten nicht
das war ich als ich schlief mit zitternden fingern als wären es meine hände
die dies begingen als begriffen sie mich

ich kann diese meine hände nicht wiederfinden warten sie noch
schlafend das wachen zu lernen das lösende wort
in ihrer mitte

 

 

 

 

nie hielt ich dich
nicht als ich schlief
nicht als durch mich
und durch mich hindurch
ging tod
dein tod
und mich übrigließ

 

 

 

 

wie kann ich die lampen löschen die stellungen lösen ich höre
mein heiseres jauchzen das wächst wie das gras
vor den scheiben wie sollte ich schweigen wollte ich schlafen bein
an bein als wüsst ich zu weinen als wär keine schwerkraft
mich zu halten mich zu entbinden vom fall
ins erwachen

 

 

 

 

sie könnten ruhig etwas mithelfen warum ist die noch wach
jahrelang diese fordernde stimme der schwester
im ohr den vorwurf der ärztin an den anästhesisten

als sei es das leichthin gesagte mit dem man nicht fertig wird
winziger stachel aus demütigung schuld scham was tun wir
einander lächelnd an ich frage noch einmal was tun wir
einander gutes und wann

 

 

 

 

steh ich auf vom tisch der kein bett war und finde das wort
für tod

 

 

 

 

sag es sags noch mal markier diese stelle da
das reißende mich übersteigt nenn schwerkraft
was mich weinen lässt atmen
atmen

markier wiederholung als ort wohin ich
zurückkehren kann der empfindlichkeit
bindet

 

 

 

 

habe entzweite zwei hände entzweite zwei füße
augen zu sehen beine zu gehen höre dich atmen
im schlaf erwachend erinnere ich mich
und erinnere von dieser stelle das gras

 

 

 

daniela seel

 

 

 

 

 

 

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