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ich sterbe gerade jetzt. man sieht es nicht. ich atme, ich sehe die Dinge klar. bald werden wir unsere Decke zusammenrollen und davongehen. ich werde dann noch ein wenig gestorbener sein. es ist 14 Uhr, après-midi. man riecht Autoabgase, Brot, das stinkende Wasser der Seine. es stinkt, als würde der Luftdruck sich verändern. du weißt, dann regnet es bald. atme tief ein, Kanalgestank. morgen bleiben wir im Hotel, den ganzen Tag.

bald ist es ein Jahr her, da sagte ich dir, ich würde bald sterben. du hast mich lange und so ganz eigentümlich angesehen. dein Blick verriet: du dachtest an deinen toten Hund. du hast dich an das Gefühl erinnert. an den Moment, an den Schnitt in der Realität. zwei Wochen lang gingst du apathisch durch eine völlig neue Welt. ich weiß noch, wie das bei meinem Hund war. der Tierarzt prognostizierte ein natürliches Organversagen, es läge an uns, dem Hund das Leiden zu ersparen. meine Mutter war bei mir, einer musste es aussprechen. ich gab schließlich den Befehl, meinen Hund töten zu lassen. und der letzte Herzschlag unter meiner Hand. das geht nie mehr weg von mir.

als ich mich entschied, dich nach Paris mitzunehmen, lud ich dir die Last auf, mich bis an meinen Moment

ich darf bestimmen. auf diesem Trip bestimme ich das Tempo. du bist völlig leer und offen, du bist eine breite Schale, die ich mit mir herumtrage. das Licht fällt in dich, der Schall der Stadt prallt an deine Seiten, du bist voll mit Klang. morgen wird es regnen, wir bleiben im Hotelzimmer, wir essen Brot und Käse und Trauben, wir trinken Wein, wir lassen einen französischen Trash-TV-Sender laufen, dazu lieben wir uns, auf den Baguettekrümeln, verstehst du, ich wollte dir das zeigen. in einem Jahr wirst du sagen: vor einem Jahr war ich mit Annemarie in Paris.

der Moment, in dem du gewaltsam geöffnet wirst, ohne dich dagegen wehren zu können. ich liege im Bett, du sitzt an der Seite, die Ärzte sagen, dass es soweit ist. alles stiert auf einen Fluchtpunkt, der plötzlich rasant näher rückt. du hast das schon so oft gesehen, im Fernsehen. und weißt du noch, als dein Hund starb? nichts konnte dich darauf vorbereiten. es entsteht ein Bild in dir, das alle anderen Bilder vernichtet. du, in diesem Raum, mit mir. all die Szenen aus Filmen und Büchern, in denen ein Mensch im Sterben liegt. sie alle sind plötzlich nicht mehr existent, denn nichts davon ist jemals bedeutsam gewesen. alles, was nicht echt und nicht bedeutsam war, alles Erdachte, Inszenierte, alles verdampft angesichts der Konturschärfe, der sengenden Klarheit des Jetzt. von nun an keine Einhörner, keine sprechenden Bäume, nichts dergleichen mehr. das einzige fiktive Wesen, das einzige, woran du fortan glauben wirst, das werde ich sein. eingebrannt in dir, für immer, in dieser einen Szene, an einem Ort mit einer Weggabelung. dies ist ein Übertritt und ein Verfehlen, das du für immer auf- und ablaufen lassen wirst, immer und immer wieder, in dir werde ich ewig sterben. das und weißt du noch, Paris? das geht nie mehr weg von dir.

 

 

Ianina Ilitcheva

 

 

 

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