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Cover_1000Tode_Frohmann Verlag_ Design Ursula Steinhoff und Christiane Frohmann

 

Ich sah den Tod in seinen Augen. Eine Woche, bevor er starb, machte ich Fotos von ihm im Garten. Es war Pfingsten und herrlichstes Frühsommerwetter. Ich legte meine Hand auf sein Herz. Es pochte und sprang unversehens los, um dann wieder zu stocken. Ich legte mein Ohr an seine Brust. War da wieder Wasser in der Lunge? Sollten wir die Dosis der Medikamente erhöhen? Er blickte mich prüfend an. Und da sah ich, dass er es wusste. Seine Nase war warm und trocken. Kein gutes Zeichen. Unser alter Familiendackel machte sich bereit für den Tod. Als wenige Tage später der Anruf meiner Mutter kam, dass alles nicht hülfe und sie nun mit ihm zum Tierarzt fahren müsse, war das ein Schock, aber keine wirkliche Überraschung. Ich fuhr mit zitternden Händen zu meinen Eltern. Fast zwei Stunden brauchte ich für die Heimfahrt. Und da lag er auf seiner Decke, noch warm. Wir begruben ihn im Garten, in dem er selbst viele Male tiefe Löcher gegraben hatte. Wenn er mit erdiger Nase, flappenden Ohren, leuchtenden Augen und Erdklumpen zwischen den Krallen zurückkehrte, war das Geschrei groß. Am Tag seines Todes schrien wir leise in uns hinein. Und seine Ohren würden nie wieder flappen, seine Augen nie wieder leuchten.

Stop all the clocks, cut off the telephone. Ist es verrückt, einen Text über den Tod mit Erinnerungen an ein Tier zu beginnen? Wann ist ein Lebewesen es wert, betrauert zu werden? Und ist es nicht so, dass man genauso wenig bestimmen kann, um wen man trauert, wie man darüber bestimmen kann, ob und wen man liebt? Aber das wäre ein Text über das Trauern, keiner über den Tod. Wenn auch die Trauer und die Angst, jemanden zu verlieren und allein zurückzubleiben, den Tod so schwer erträglich machen.

Wundersamerweise vermag der Mensch mit jedem Mittel, andere Lebewesen zu Tode zu bringen, auch ein Mittel zu erfinden, das Leben verlängert oder den Tod aufschiebt. Mit unserer Geburt ist festgelegt, dass wir eines Tages sterben. Sterben müssen, um den uns ewig scheinenden Kreislauf aus Geburt und Tod zu vollenden. Es ist ein Trost, dass wir darin alle gleich sind. Es ist wenig tröstlich, dass man in der Regel nicht weiß, wann man sterben wird. Oft erscheint der Tod (wie das Leben) ungerecht. Oft sind die Umstände ungerecht und für viele der Tod zu früh, wenn Gewalt, Unglück oder Krankheit Todesursache waren. Das Schlimmste am Tod ist dessen Unumkehrbarkeit. Im Leben gibt es immer noch Hoffnung, Hoffnung auf Änderung, auf ein Weiter. Im Tod gibt es nur das Vorbei.

Just remember that death is not the end. Tröstlich finde ich, dass im Grunde nichts verloren geht. Woraus wir gemacht sind, bleibt auf der Erde, zerfällt, nährt Gras oder Baum. Daraus werden Samen, die mit dem Wind fortgeweht werden. Wenn ich eines Tages sterbe, wünsche ich mir, dass man auf meinem Grab einen Johannisbeerstrauch pflanzt. Einen, der knallrote Beeren trägt, die von munteren Spatzen geplündert und in die Welt getragen werden. Und meine Seele? Vielleicht sind es die Seelen der Toten, die uns im Traum besuchen. Ich wache manchmal auf und habe noch das Gefühl der Dackelohren an meinen Fingerspitzen. Vielleicht husche ich auch einst durch jemandes Träume, wer weiß?

Wibke Ladwig

 

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