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Tabletten. Papa telefoniert. Ich bin sechs und noch auf dieser Welt. Die unbekannten Tabletten und die ferne Oma sind es nicht mehr. Niemand sieht mich hier stehen, hören, begreifen. Sie sehen nur das, was ihnen am Telefon gesagt wird. In der weit entfernten Wohnung von Opa und Oma ist jetzt nur noch ein Opa und keine Oma mehr und das hat etwas mit Tabletten zu tun.

Eine Woche lang wohne ich bei einer Freundin. Meine Eltern sind fort. Ohne mich. Ich bin zu klein für eine Beerdigung. Ich bin zu klein, um alleine trauern zu können, aber schon so groß, dass das keiner merkt. Mit meiner Schulter ist etwas. Sie tut mir weh. Die fremde Mutter sticht mit einer Nadel hinein. Teersalbengeruch an meinem Geburtstag. Nach ein paar Tagen gehöre ich wieder zu meiner Familie. Ich soll in mein Bett, will aber ohne Schlafanzug nicht hinein und in den kann ich nicht, weil mein Arm sich nicht bewegen lässt. Will meinen Eltern keine Last sein. Still auf der Bettkante sitzen und warten. Entdeckt werden. Krankenhaus. Die Entscheidung zwischen Vollnarkose mit Krankenhausübernachtung und einer örtlichen Betäubung ist leicht. Ein dunkelblaues muffiges Tuch über mir. Darin ein Loch, eine Schulter, eine Spritze, ein Schnitt, eine Nadel, ein Faden. Fertig. Wieder zu Hause. Jetzt darf ich. Ich lasse mich und meine ersten Tränen ins Kopfkissen fallen.

Nun mein bester Mensch. Der Anruf ist noch nicht beendet, da weiß ich es schon und laufe hinaus. Sitze unter leeren Kastanienbäumen. Solange ich weg bin, ist Opa nicht tot. Noch hat es mir niemand gesagt. Da waren ein Telefonhörer, das Gesicht eines Mannes, das seinen Papa verloren hat, und Beine, die mich forttrugen. Es ist kalt. Ich warte, bis ich größer bin und gehe zurück. Krebs. Sie wollten kein Kummerkind und haben verschwiegen. Was ich zuvor belauscht habe, behalte ich für mich. Ich bin elf Jahre alt und kenne kein selbstbestimmtes Sterben. Keine Sterbehilfe. Aber ich versuche zu verstehen und beobachte den Sohn, der vom Krankenhaus vor die Wahl gestellt worden ist. In Opas Zimmer war Besuch und als der ging, ging auch der Opa. Wenn Sie keine Fragen stellen, ist er seinem Krebsleiden erlegen. Fragen Sie, ist alles anders und amtlich. Mein Vater ist riesengroß. Er fragt nicht. Er ist wie mein bester Mensch. Ein Beschützer. Denn auch der geht nicht einfach so von mir fort. Steige ich aus dem Schulbus, sehe ich ihn mit dem Rücken zu mir die Straße entlanglaufen. Er ist es nicht. Ist es doch. Tag für Tag geht er für mich. Eines Mittags blicke ich ihm nach, bis er hinter einer Kurve verschwindet, und lasse ihn ziehen. Der Faden zwischen uns spannt sich und zerspringt.

Er geht zur Bushaltestelle. Will die Straße überqueren. Ein Knall. Blaulicht. Auf dem Asphalt eine gelbe Einkaufstasche. Die Ärzte können die Blutungen nicht stoppen und sagen, dass er sterben wird. Zeugen gibt es nicht. Samstag, 11:41 Uhr. Ich war bis fünf Uhr morgens in der Disko. Der Anruf hat mich geweckt. Solange er operiert wird, soll ich zu Hause bleiben und warten. Das Telefon klingelt. Ein Freund, den ich liebe oder nur sehr mag oder lieben könnte, wenn er mich lieben würde, ist seit einer Woche verschwunden. Ist er bei mir? Nein, bei mir ist keiner. Selbst ich bin nur als Floh hier, so klein. Ich muss wachsen. Warten. Größer werden. So wie ich jetzt bin, kann ich nicht bleiben.

Der eine taucht wieder auf, der andere treibt auf der Wasseroberfläche und geht nach vier Monaten unter.

Scherze auf der Intensivstation. Aus lachenden Augen die Werte auf dem Monitor checken. Normal sein. Blut in Beuteln. Oben läuft es rein, unten wieder raus. Ein nicht gelähmter Körper, der sich nicht bewegen will. Augen, die mich ausdruckslos ansehen. Ein nahes Gesicht, das mir plötzlich ganz fremd ist. Das weint, weint, weint. So viele Tränen habe ich noch nie gesehen. Ein Schnitt. Er könnte nun sprechen und gibt weiterhin keinen Laut von sich. Das Nichtwissen bleibt. Nicht wissen, ob er versteht, uns erkennt, ob er leben oder sterben will. Kann ich Sterbebegleitung? Ich nicke.

Allein mit mir zerfalle ich, erbreche mich nach jedem Krankenhausbesuch, gehe frierend ins Bett, zittere meine Augen zu. Dann geht meine Zimmertür auf und er kommt herein. Er steht an meinem Bett, blickt auf mein schlafendes Ich und die Lungenmaschine pumpt. Luft rein. Luft raus. Luft rein. Luft raus.

Aus.
Drei Nächte lang trinken, drei Nächte lang irgendwen küssen.

Sie ist krank.
Ich muss das übrig gebliebene Kind sein können.
Wir wanken lauschend durch die Tage, leben drüber, drunter, mittendrin.

 

W.

 

 

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