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Aaron starb an seinem 12. Geburtstag. Vom »tragischen Ende eines Geburtstags-Rundflugs« sprachen die Medien an diesem 2. Juli 2006, nachdem der »Himmelsschreiber« über dem Hamburger Hafen abgestürzt und ausgebrannt war. Das 44 Jahre alte Flugzeug vom Typ Beaver DHC-2 de Havilland war regelmäßig nahe der Überseebrücke zu Rundflügen über die Hansestadt gestartet und hatte, wie die Untersuchungen der Luftsicherheit ergaben, einen Motorausfall. Deutschland war gefangen im Weltmeisterschaftsfieber, und die traurige Nachricht vom Flugabsturz mit fünf Toten und einem Schwerverletzten beherrschte nur kurz die Nachrichten.

Es war ein strahlender Julitag und ich befand mich zusammen mit einer Freundin und unseren Kindern im Strandbad Tegel, als ich vom Tod des einzigen Sohnes meines Bruders erfuhr. Der Anruf meiner Mutter erreichte mich, noch bevor die Bildzeitung Wind von dem Unglück bekommen hatte und schnell hatten wir die traurige Gewissheit, dass Aaron zu den Toten gehörte. Mein Bruder war noch auf dem Weg nach Hamburg, um seinen Sohn zum Geburtstagfeiern abzuholen – entgegen den Medienberichten überlebte nicht er als Einziger den Absturz, sondern Aarons Stiefvater. Nie werde ich den Anblick des Zimmers mit den fertig verpackten Geschenken vergessen, das unverändert geblieben war, als wir zur Beerdigung nach Hamburg fuhren.

Aaron wurde in unserer Familiengrabstätte in Stade beigesetzt, meine damals 6-jährigen Töchter haben ihm ein Fernrohr ans Grab gelegt, damit er uns besser sehen könne. Monatelang versuchten sie, »seinen« Stern am Himmel auszumachen und sprachen viel über den Tod ihres Cousins. Kinder haben einen sehr direkten, auf der einen Seite religiösen, auf der anderen Seite fast wissenschaftlich anmutenden Umgang mit dem Sterben: sie zweifeln nicht an einem Leben nach dem Tod und sind gleichzeitig neugierig, was aus den sterblichen Überresten wird.

Mir hat dieser unmittelbare Umgang mit dem Tod sehr geholfen in einer Zeit des Schmerzes, der Ohnmacht vor dem Unfassbaren und des tiefen Mitleids für meinen Bruder. Denn was gibt es Schlimmeres, als sein eigenes Kind zu verlieren, das man 12 Jahre lang geliebt hat und das kurz vor dem Erwachsenwerden aus dem Leben gerissen wird? Ohne Vorwarnung, ohne die Möglichkeit, sich zu verabschieden? Als mein über alles geliebter Großvater starb, flog ich Hals über Kopf von Venedig nach Hamburg, um ihn noch einmal zu sprechen. Schmerzhaft auch das, aber ungleich gerechter, wenn jemand im Alter von fast 90 Jahren eines natürlichen Todes stirbt. Bei Aaron war es etwas kategorial anderes und jeder, der selbst Kinder hat, kann sich vorstellen, dass es nie wieder wie vorher sein wird.

Mein Bruder hat den Verlust seines Sohnes mit erstaunlicher innerer Stärke ausgehalten und verarbeitet. Monatelang konnte er nicht arbeiten, trotzdem hat er nie versucht, Schuldige zu finden. Es ist ihm durch Entschlossenheit gelungen, sein Leben auf positive Weise weiterzuleben. Ich bewundere das sehr – noch heute denke ich, dass ich an seiner Stelle lieber mit meinem Kind gestorben wäre.

 

Gesa Noormann

 

 

 

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