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Bild 1

Vor dem scheinbar geordneten Schrank steht eine Frau Anfang Dreißig mit schwarzbraunem, ungekämmten Haar. Die Frisur ähnelt einem schwarzen Helm, glatt. Glänzend. Nur am Hinterkopf stehen Haarbüschel wie knorrige Äste ab, die dem repetitiven Kratzen gewichen sind. Ihren Oberkörper hat sie auf der rechten Bildseite halb aufgerichtet gegen Teile der Küchenzeile gelehnt; dabei stützt sie ihr linker Arm. Mit der rechten Hand verdeckt sie die pulsierende Schlagader am Hals. In dieser Haltung, mit leicht gesenktem Haupt, wendet sich die Frau nicht nur offen dem Betrachter zu, einem Porträt ähnlich. Ihre Beine zittern. Mit der rechten Hand erfasst sie eine Tasse.

Vor sechs Jahren stehe ich in der Küche. In der Hand halte ich erst ein Getränk, dann die Küchenarbeitsplatte, meinen Kopf, meine Ohren. Dann lange die Augen.

Bild 2

Das in dunklen Farben gestaltete Zimmer ist von oben fast ohne räumliche Tiefe dargestellt. Eine auffällige weiße Wolke bildet sich um ihren Kopf. Die Haarbüschel verschwinden im hellen Nebel. Die Frau tastet sich langsam an der Küchenzeile entlang, lässt das Telefon aus der Hand gleiten. Es fällt mit einem dumpfen Schlag auf die Fliesen, Kunststoffteile springen weg.

Ich glaube, es muss ein Telefonat gewesen sein, bei dem es ganz kurz um etwas Banales wie Einkäufe ging. Etwas später an diesem Tag möchte ich mich dann nie wieder mit Banalem befassen. Ich erzähle etwas, um nicht fragen zu müssen, wie es ihr geht. Schließlich frage ich, wie es ihr geht. Stille am anderen Ende der Leitung. Dann höre ich stoßweises Einatmen. »Sie ist tot. Es gab ein Problem.« Stille, dann langes Einatmen. »Jemand hat einen Fehler gemacht.« Ihre Stimme klingt metallisch in meinem Ohr. Dann ganz weich. Für ein paar Sekunden bleibt alles stehen. Die Welt bleibt so lange stehen, bis wesentliche Teile in meinem Kopf betäubt sind.

Bild 3

Die farbliche Gestaltung des Bildes ist auf wenige Farbtöne begrenzt. Die Palette beschränkt sich im Wesentlichen auf Weiß, das Hellgrau der Schrankreihe, das stumpfe Grau der verkalkten Spüle, das Dunkelgrau am Boden, das Schwarzbraun ihrer Haare und Augen, ein ins Blaue gehendes Moosgrün sowie sehr hellgelbes Beige für die Haut der Frau.

Ich fühle, wie ich in das große Spülbecken falle, in alle Richtungen zerfließe, zum Abfluss fahre, in die Tiefe gerissen werde. Aus dem Telefon spricht es noch, das ist mir alles zu weit weg, um zu verstehen. Mein Körper rauscht. Eine große Mütze aus weißer Watte bildet sich um Stirn und Schädel. Ich spüre, wie ich mich aufrecht im Raum bewege. Frage mich, ob es Temperatur gibt, bemerke nur noch Rauschen. Warten darauf, dass der Schmerz startet.

 

Ihr Tod verändert meine Welt. Ein Teil davon verfällt zu Ruinen. In den kommenden Jahren werde ich nicht versuchen aufzubauen, was zerstört wurde.

 

Chouxsie

 

 

 

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