123

Nicht, dass ich es eilig hätte – ganz im Gegenteil. Aber irgendwann kommt die letzte Stunde und damit es dann keine Mißverständnisse gibt oder gar Streitereien um dunkles Holz und teure Messingbeschläge, um seidene Kopfkissen oder preiswerte Varianten aus Kiefernimitat, damit also niemand sagen kann: „Wenn wir das nur früher gewußt hätten!“, hier eine verbindliche Anleitung für euch:

Ich möchte in einem Schokoladensarg beerdigt werden.

Es muß dunkelglänzende Zartbitter-Schokolade sein. Nicht Vollmilch-Nuss-, nicht Kinderschokolade oder noch schlimmer Schokolade mit Erdbeerjoghurtfüllung. Auf gar keinen Fall kalorienreduzierte Diätschokolade.
Die Wände müßen natürlich schon stabil sein, der Boden soll sich schließlich nicht gleich peinlich durchbiegen bei meinem letzten Mahl.
Außen am Schokosarg sollen Trüffel kleben. Abwechselnd helle Champagnertrüffel mit sahnigperlender Füllung und pechschwarze Herrentrüffel mit cremigem Espressoschaum. Auf dem Deckel soll der Konditormeister die komplette Palette schokoladiger Geschmacksrichtungen platzieren: von „Chilipfefferschar“ bis „Extradoppeltsüß“. Und meinen vollständigen Vor- und Zunamen möchte ich aus russischem Brot mit Puderzucker aufgeklebt wissen. Das könnten vielleicht meine Enkelkinder übernehmen, wir buken ja immer so gern zusammen. Kunstvolle Ornamente aus Cognacbohnen runden das geschmackvolle Bild ab. Ein kleiner Schokoladenbrunnen plätschert am Fußende. Dort hinein tunkt ihr dann frische Früchte – je nach Jahreszeit Erdbeeren oder Mandarinenstückchen –, laßt euch alles langsam auf der Zunge zergehen.
Könnte ich noch, würde ich euch füttern.

Von innen soll mein Sarg ebenfalls geschmackvoll eingerichtet sein.
Ein Kopfkissen aus Luftschokolade, eine Decke aus fein gesponnenem Zucker mit Rosen aus Marzipan, und zwischen die Zehen stopft mir bitte Geleebananen. Über meinem Körper hängen blutrote Kirschen, hauchdünne Pfefferminztäfelchen und bunte Fruchtgummischlangen. Auf meine Wangen tropft dickflüssiger Türkischer Honig, betörend duftendes Karamel kriecht mir in die Mundwinkel.
Jeder darf lecken, lutschen und knabbern am Sarg. Aber kommt mir dabei nicht zu nahe, ihr wißt, ich mag das dann nicht mehr.
Mein Leben soll sinnlich beschlossen werden, ich möchte einen guten Geschmack hinterlassen.
Und wird der Sarg schließlich versenkt in die einsame Erde, sprüht mir letzte Grüße mit Sahne hinterher.
Wenn ich dann so gemütlich und in aller Seelenruhe genüßlich vor mich hinmodere, werden Würmer, Käfer und fette Larven sich voller Begeisterung auf meine nahrhafte Hülle stürzen. In Windeseile wird sich in Untererde herumsprechen: Hier ist der süße Tod begraben.

Auguste von Blau

 

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33

Der Mann hinter dem Vorhang starb, ich aber zählte die Löcher in den Deckenpaneelen. Siebzehn quer, fünfunddreißig längs. Graue Deckenpaneele, zwölf Stück bis zum Vorhang. Sie hatten gesagt, dass keine Hoffnung mehr sei. Seine Lunge verpilzt, sein Körper in Auflösung. Es mache keinen Sinn, weitere Maßnahmen zu ergreifen, Angehörige sollten benachrichtigt werden.

Der Vorhang war hellgrau mit weißen Streifen, er trennte die beiden Behandlungseinheiten in Raum 2 der Neurointensiv. Ich hoffte, dass der Vorhang die Pilzsporen davon abhalten konnte, in meinen gelähmten Körper einzudringen. Ich hoffte, dass der alte Mann bald sterben würde, damit sie ihn und die Pilze fortbrächten.

Sie hatten meine Spritze vergessen. Ich zählte die Löcher ein letztes Mal, dann schob ich die Klammer vom Finger, der Alarm fiepte. Normalerweise brauche hier keiner eine Klingel, hatte die Stationsärztin gesagt. Ihr Blick über den Rand der Brille, eine Augenbraue hochgezogen.

Schwester Hedda kam an mein Bett. Sie legte die Hand auf mein schweißnasses Laken und sah mich fragend an.

„Einmal wenden und einschläfern bitte.“
Sie lachte. Ich konnte nicht mehr viel, aber jemanden zum Lachen bringen, das würde gehen bis kurz vor dem Koma.

„Eigentlich müssten Sie mal wieder ein frisches Laken bekommen, aber das geht jetzt gerade schlecht.“

Sie deutete mit dem Kinn in Richtung Vorhang, dann fasste sie mich an Schulter und Hüfte, drehte mein Fleisch in Rückenlage. Das reglose, rohe Fleisch. Ich schrie nicht, ihr zuliebe. Schwester Hedda konnte die Kissen unter meinen Kniekehlen so knuffen, dass sie stundenlang die Form hielten.

Dann schoss sie den Schmerz ab. Erst spürte ich nur ein Ziehen im Oberschenkel rings um die Einstichstelle, danach hoben meine Beine ab, der Rumpf, der Rest, auf die Zuckerwatte Insel Wolke. Der gestreifte Vorhang flatterte im Wind, mein Schiff nahm Fahrt auf, der Chefarzt ernannte mich zum ersten Offizier, an seiner blauen Kapitänsuniform fehlte ein Knopf. Ich winkte und segelte ins Nichts.

Der Schmerz wachte als erster wieder auf. Ärzte und Schwestern waren hinter dem Vorhang versammelt, das hörte ich, aber sie waren still, es gab nichts mehr zu sagen oder zu tun. Es war, als würden alle den Atem anhalten in professioneller Beklommenheit.

Tropfen, Pumpen, Piepen, immer langsamer, immer lauter. Immer leiser der Rest. Kein Todeskampf, kein letzter Atemzug mit großer Geste. Der Tod war banal und bestand im Wesentlichen aus dem Ende des Lebens.

Sie hatten einen Paravent zwischen mein Bett und den Rest der Welt gestellt, aber er hielt die seltsam bleierne Stimmung nicht ab. Schlurfende Schritte, kein Schluchzen, wer sollte bei einem alten Mann schluchzen, Worte, gemurmelte Satzfetzen, nicht länger leiden, an einem besseren Ort, Zeit.

Als die letzten Angehörigen des alten Mannes gegangen waren, machten sich die Schwestern hinter dem Paravent zu schaffen, der Tote wurde weggebracht, das Pilzvernichtungskommando räumte ab, warf weg, desinfizierte, dann wurde ein neues Bett hereingeschoben mit einem neuen Patienten.

Ich selbst bin dann doch nicht gestorben, aber ich weiß eines ganz sicher über meinen Tod: Er wird banal sein.


Ute Weber

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29

Nichts rechtfertigt den Gedanken an den Tod, weder mein Alter noch meine Gesundheit noch meine Eindrücke von den anderen Kurgästen in Marienbad: sächsische Rentner. Höchstens geben sie Anlass zu der Behauptung, der Tod sei wie eine lange Ehe. Doch Behauptungen zur Ehe stehen mir genauso wenig zu. Ich bin hier suspekt, werde aber wie die anderen behandelt, mein Körper wird gewaschen und geölt und zurechtgelegt.

Man schickt mich zur Paraffinbehandlung. In der Wintersonne sitzen vier ältere Frauen um den Tisch: sie haben die Ellenbogen aufgestützt und halten die seltsam behandschuhte Hände starr vor sich. Ich frage, wozu das gut sein soll. Es hilft gegen Arthritis. Dann weiß ich nicht, warum es mir verordnet wurde, aber schaden wird es wohl nicht. Ja, es macht die Haut auch schön weich.

Ich tauche die Hände wie verordnet dreimal ins Paraffinbad und erschrecke über sie: dick und bleich, blau angelaufen. Die Frauen, die auch nicht wissen, wohin mit diesen Leichenteilen, unterhalten sich über damals, als ob nichts wäre. Ich kann mich am Gespräch nicht beteiligen und schaue aus dem Fenster auf gelb-weiß gegliederte Fassaden. Tiefer Schnee, gekappte Bäume säumen die Straße. So viel weiß ich: in Kurorten wachsen Kopfbäume. Vor den schönen großen Villen sticht die Verkrüppelung der Bäume erst recht ins Auge. Die Bäume sind arthritischer noch als die Kurgäste, als würden sie Saison für Saison den Menschen das Gebrechen nehmen: die Menschen gehen wieder aufrecht und ohne Schmerzen, die Bäume bleiben verkümmert zurück.

Die fünfzehn Minuten sind um, ich streife die Wachsfinger ab und werfe sie in den roten Eimer auf den Haufen zerknüllter weißer Hände. Auf ihnen heben sich die Linien ab wie Adergeflecht auf Laub.
Kurorte gleichen Nekropolen. Sie sind keine Städte, sondern kunst- und absichtsvolle Anlagen. Das Wetteifern der Prachtbauten täuscht darüber hinweg, dass alle ein und demselben Zweck dienen. Man liest im Vorbeigehen die Namen der Villen – weit oben auf den Giebeln, vergessen – wie Inschriften auf Familiengrüften. Einer solchen Stadt entschläft man, um in einer jenseitigen aufzuwachen. Eine Grenzstadt, in der man verblüfft feststellt, dass die gleiche Sprache gesprochen wird wie zu Hause.

Im Kurpark steht das Bauwerk, das am meisten einem Mausoleum gleicht. Die Menschen versammeln sich unter der weißen Kuppel am kreisförmigen Geländer und schauen hinab. Dort steht kein Sarkophag: eine Quelle sprudelt. Es ist nicht kalt, sondern warm, und das eisenhaltige Wasser riecht nach Blut. Der Grenzfluss fließt in der Mitte, auf der Stelle.

Früher kam man, um von der Quelle zu trinken, bis man starb. Diese Zeiten sind vorbei. Es ist vorbei mit der Schwindsucht. Ein junger Mensch hat hier heutzutage nichts zu suchen. Will ich hier sein, will ich mir Gedanken über den Tod machen, muss ich mir eine gute Geschichte einfallen lassen. So entsteht jede Geschichte: als Vorwand, sich Tatsachen zu stellen.

Isabel Fargo Cole

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19

Die Sicht gen Himmel ist verdeckt. Überall hier liegen Tüten. Jungen drehen sich im Kreis. Die Jungen stehen vor dem Block. Die Jungen gehen in den Keller, da ist in der Nacht ein Hundekampf. Ein Junge verliert dabei Geld und schon geht es los mit all den Fäusten. Wie die Pflanzen hier leben, so wie sie übergossen sind mit Kotze. Oder mit Schnee, das tötet jeden hier, die Aussicht nach Stunden einfach nur noch da. Nach Stunden am Fenster. Nach Stunden am Block. Als warte man darauf, an der Luft zu ersticken.

Sie sagten zu mir, du holst dir noch den Tod, steh nicht so da in der Winterluft. Steh nicht im Regen. Hörst du? Lass das! Nicht das und mach das nicht, ich fragte, was dann? Es gab die Luft. Jeden Tag nur die Luft. Es gab nichts zu tun. Ich musste losziehen.
Ich lache und ich setze auf den schnellsten Hund. Sie sagen, gewonnen. Ich verstehe das nicht. Es war nicht mein Hund. Ich lasse das Geld liegen. Ich gehe hinaus vor den Block. Ich weiß, morgen bin ich wieder hier. Oder übermorgen. Jedenfalls bald.

Zwischen Wohnungswänden, im Keller mit den Jungen, an der Luft mit Hunden, die hier ihre Leben lassen. Die Hände der Jungs auf den Mündern der Kinder. Pssst, sei ruhig. Alles ist in Ordnung. Es ist o. k., auch wenn die Hunde bellen oder irgendeiner aus dem Fenster springt. Geh schon, Junge, spiel ruhig, Mädchen. Und keine Angst. Die Hunde bellen nur.


Magdalena Jagelke

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Auf dem Weg zum U-Bahnhof liegt eine kleine Ladenstraße. Viele Geschäfte stehen inzwischen leer, seit vor zehn Jahren eine große Einkaufspassage ein paar Straßen weiter aufgemacht hat. Zwischen zwei Imbissen, einem Koreaner und einem Pizzaladen, liegen zwei Bestattungsinstitute. Es gibt keine Bestattungsinstitute in Einkaufspassagen, dort ist kein Platz für sie. Wer einen solchen Ort betritt, dem ist schwierig zu vermitteln, dass Konsum Glück verheißt. Wer hier kauft, hofft, nicht noch einmal kommen zu müssen. Und nirgendwo fühlt man sich weniger als Kunde als hier.

Und trotzdem sehen Bestattungsinstitute aus wie normale Geschäfte; mit ein bisschen Umgestaltung könnte man dort auch ein Versicherungsbüro eröffnen. Tatsächlich hat einer der Läden in seinen riesigen, abgedunkelten Schaufenstern aufwändig gearbeitete Schiffsmodelle stehen, die alle etwas angestaubt wirken – als würde man eine große Fahrt antreten. Natürlich ist das eine gängige Metapher, aber was macht sie aus einem Bestattungsinstitut? Ein Reisebüro für die letzte Überfahrt. Sterben als Tourismus.

Es hat etwas rührend Verzweifeltes, wie Bestattungsunternehmen versuchen, die Verstorbenen als Kundschaft zu behandeln. Aber es hilft ja nichts, wenn die Einnahmen wegbrechen; man muss sich doch anpassen. Das dachte jedenfalls irgendein Bestattungsverband, der vor einiger Zeit eine groß angelegte Kampagne startete, Titel: „Wer nicht wirbt, stirbt.“

Jahrhundertelang war das Motto von Bestattern: Ob früher oder später, tot ist tot, Hauptsache Blumen. Die Grundlage ihrer Existenz war Vergänglichkeit. Jetzt sagen sie, man könne dem Tod entgehen, wenn Plakate in der Stadt hängen.

Es gab bei diesem „Werben oder sterben“-Wettbewerb ein Motiv, das den Schriftzug „Bestimm Dein Endspiel selbst!“ trug, und ich dachte: Frankreich – Italien. Sie haben jugendliche Motive genommen; ein junger Mann, der einen Ball vor sein Gesicht hält, mit Mütze auf dem Kopf. Darunter steht „Vorsorge – eine Sorge weniger“. Der Claim selbst ist in einer lässigen Schreibschrift gehalten, so wie sich 60-jährige Lateinlehrer Graffiti vorstellen. Anfang der 90er haben Jugendbuchverlage mit ähnlicher Motivik und Gestaltung versucht, ihr Publikum anzusprechen; kurzum: das ganze Plakat ist Hilflosigkeit gewordenes Papier.

Und es war kein Ausrutscher. Es war der Gewinnerentwurf.

Kein Wunder, dass andere Bestatter, die von der Notwendigkeit der Werbung überzeugt sind, alternative Ansprachen in Betracht gezogen haben. In Berlin, auf der Frankfurter Allee, sitzt ein Institut, das auf einem großen Plakat im Schaufenster den Satz stehen hat: „Nie mehr zu viel bezahlen!“ Oh ja, das soll meine letzte Sorge sein! Nicht etwa, dass mehr Licht zu meinem Sterbebett dringt oder ich mich mit einem verlorenen Familienmitglied versöhne; nein, mein letztes Hemd soll abbezahlt sein. Als könnte es mir nicht völlig egal sein, ob mein Körper posthum Orkas verfüttert wird oder anlässlich einer Sportveranstaltung als Feuerwerk über die Eröffnungsfeier herunterregnet.

Ganz gefährlich sind jene Bestatter, die den Pakt mit dem Teufel eingehen und sich an Humor versuchen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sich ein Haufen wachsgesichtiger, steifer, tiefschwarz gekleideter Chefbestatter in einen mit kleinen Gedenkkränzen dekorierten, vollfurnierten Konferenzraum begibt, um sich von einer Agentur aus Kaufbeuren „junge, frische Ideen“ präsentieren zu lassen. So muss es bei der Vorstandssitzung des Großkonzerns welt-bestattung.de gewesen sein, der vor ein paar Jahren Zeitungsanzeigen schalten ließ, mit dem jetzt schon legendären Satz: „Bei uns liegen Sie richtig“. Ich hab ihnen sofort geschrieben, um sie zu fragen, ob sie sagen würden, ihr Service sei absolut unterirdisch. Leider hat mir nie jemand geantwortet.

Der Tod ist keine lustige Angelegenheit, jahrtausendelang wusste die Branche das. Nur der Kapitalismus hat sie vom Gegenteil überzeugen können, und das ist bedauerlicherweise noch nicht einmal sein größtes Verbrechen.

Frédéric Valin

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Mord als schöne Kunst zu betrachten – das ist mein Beruf. Verlage bezahlen mich, um quasi „im Auftrag“ zu töten. Auf dem Papier.
Warum mache ich das? Bin ich krank im Kopf? Lasse ich fiktives Blut fließen, um keine echte Täterin zu werden? Denkbar. Schon als Kind schlich ich mich in die Erwachsenenabteilung der Stadtbücherei, um Agatha Christie zu lesen. Weil die Schwester eines Mitschülers aus der Grundschule erwürgt wurde und ich herausfinden wollte, wie Mörder ticken? Möglich. Aber ich tippe eher auf Größenwahn: Mit einem Mord bringe ich das Chaos ins Universum meiner Bücher – und gottgleich kann ich die Ordnung wiederherstellen, indem ich am Schluss den Schurken seiner gerechten Strafe zuführe. Das ist enorm befriedigend. So weit, so gut. Deshalb schreibe ich Krimis. Jedoch keine Spannungsliteratur.
Meine Bücher sind weder blutrünstig noch grausam – sie sind humorvoll. Ja, in der Tat. Auch den Tod betrachte ich mit einem Augenzwinkern. Nicht nur fiktiv, auch real. Mit 19 erkrankte ich schwer, hatte in den folgenden drei Jahrzehnten zwei Nahtod-Erfahrungen, und beide Male war es zwar physisch unschön, aber innerlich blieb ich ganz ruhig – und das sicher nicht aus einer durch jahrelanges Meditieren gewonnenen Gelassenheit heraus, nein, beim Meditieren schlafen mir immer die Beine ein – einfach aus dem völlig unerklärlichen, aber tiefen Wissen heraus, dass alles gut ist, so wie es ist, egal, was kommt. Zweimal spürte ich, nee, es ist noch nicht soweit. Aller guten Dinge sind drei … bin sehr gespannt, wie es beim nächsten Mal sein wird. So oder so, alles ist gut. Das gibt mir die Gelassenheit, mit dem Sensenmann zu spielen. Ihn schmunzeln zu lassen.

Always look on the bright side of life. And death.

Tatjana Kruse

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2

Vor kurzem passierte mir etwas Merkwürdiges. Ich bekam eine Lebensversicherung ausbezahlt. Das heißt, ich hatte die Wette mit dem Versicherer verloren. Wäre ich vorher gestorben, hätte sich das Sparen gelohnt.

Mein Versicherer wollte mir statt der angesparten Summe eine monatliche Rente bis an mein Lebensende zahlen. Das Motiv ist durchsichtig. Die Versicherung wollte noch mal gewinnen, und jetzt stehen die Chancen für sie noch günstiger. Indem ich die Versicherungssumme durch die monatliche Rente teile, kann ich berechnen, wie lang ich nach Meinung meiner Versicherung noch zu leben habe. Sagen wir es so: Ein in den USA frisch zum Tode Verurteilter hat eine längere Lebenserwartung.

Mittlerweile merke ich, wie ich selbst zu rechnen beginne. Kann ich mir einen Hund anschaffen? Oder wird mich das Viech überleben und einsam sein? Lohnt es sich, eine neue Küche zu kaufen? Ein Auto? Wie oft werde ich mein Haus noch streichen müssen? Die statistische Haltbarkeit meines neuen Implantats übersteigt meine sonstige Haltbarkeit erheblich. Ist dasberuhigend? Ich gehe nicht gern zum Zahnarzt. Aber lieber der Zahnarzt als das Nichts.

Man glaubt zwar nicht wirklich an den eigenen Tod, aber alle anderen rechnen damit. Man sieht es hinter den Augen des Bankberaters rattern, wenn er mit mir über einen Kredit verhandelt und wie nebenbei fragt, ob ich Kinder habe. Also Erben, die belangt werden können.

Die Jahreszeiten kommen und gehen. Früher war das egal, jetzt kann ich berechnen, wie oft ich den Frühling erleben werde. Alles wird zählbar plötzlich. Und man muss nicht lange zählen.

Die einzige Post, die ich von der Gewerkschaft bekomme, ist das Angebot einer Gruppen-Sterbegeldversicherung. Früher habe ich mich darüber lustig gemacht, jetzt ertappe ich mich dabei, wie ich die Konditionen durchlese. Sie sind erstaunlich günstig. Ich sollte so eine Versicherung abschließen. Diesmal gewinne ich vielleicht. Nein, wahrscheinlich.


Alan Posener

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Der Tod eines geliebten Menschen reißt ein Loch in das Leben, das mit der Zeit immer etwas kleiner wird, ohne je zu verschwinden.

@der_handwerk

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