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„Mama ruft an“ meldet mein Handy, und für einen winzigen Moment bin ich tief erschrocken, denn Mama ist vor sieben Monaten gestorben.
Mama? Von wo sprichst du?
Natürlich sage ich das nicht, denn es ist Papa, der anruft, und das hat er offenbar seit sieben Monaten nicht getan. Fürs Telefon war immer Mama zuständig, darum steht da auch nicht „Eltern“ oder „zu Hause“ oder „Mama und Papa“.
Papa telefoniert nur, wenn es wirklich wichtig ist, und auch dann sehr rationiert. Als Mama damals ins Krankenhaus kam, fand er es vernünftig, erst die Operation abzuwarten und die Meinung der Ärzte zu hören, bevor er uns Kinder informiert. Panik machen liegt ihm nicht.
Wir erfahren, was geschehen ist und jetzt passieren muss und versuchen, uns auf die Veränderung einzurichten. Es wird schwierig, aber wir schaffen es.
Das letzte halbe Jahr ihres Lebens verbringt Mama im Pflegebett und wird immer weniger. Verliert nach und nach Sprache, Kontrolle, Gedächtnis, Motorik, verliert bis zum Schluss nicht ihr erfreutes Strahlen, sobald einer von uns sich über sie beugt und in ihrem Gesichtsfeld erscheint.
Wir wissen, dass sie nicht mehr lange leben wird.
Freitag abends ruft Papa an. Wärend ich noch heiter so tun möchte, als wäre nichts geschehen. Aber das Bett im Schlafzimmer ist leer, Mama ist weg, liegt im Sarg aufgebahrt in der Leichenhalle.
Es ist viel los, ein Kommen und Gehen: Cousins und Kusinen, Tanten und Onkel, Nachbarn und Freunde, Pastor, Bestatter und Postbote, wir kommen nicht zur Ruhe, und das ist auch gut so.
Still wird es erst nach der Beerdigung.
Ich mache die Wäsche, wie immer seit sie krank ist, und dann, mit einem ordentlichen kleinen Stapel ihrer Pyjamas in der Hand, weiß ich plötzlich nicht mehr weiter.
Der Tod – zu groß für meinen Verstand. Aber Pyjamas, die Mama nie mehr tragen wird – es ist ganz sinnlos, sie wieder sorgfältig in den Schrank zu legen, aber ich mache es trotzdem und weiß, dass es das letzte Mal ist.
Andere letzte Male kommen.
Der Schnabelbecher. Ihre Brille. Unvollendete Handarbeiten.
Dann erste Male: Ein Familienfest, für das ich die Marzipantorte backe. Ein Ausflug. Und schließlich dieser Anruf von Papa, der kein Unglück meldet.
Ich ändere den Eintrag im Telefon.
Wenn ich demnächst „Papa ruft an“ lese, wird es ein anderer Schreck sein.

 

Martina Minette Dreier

 

 

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