33

Der Mann hinter dem Vorhang starb, ich aber zählte die Löcher in den Deckenpaneelen. Siebzehn quer, fünfunddreißig längs. Graue Deckenpaneele, zwölf Stück bis zum Vorhang. Sie hatten gesagt, dass keine Hoffnung mehr sei. Seine Lunge verpilzt, sein Körper in Auflösung. Es mache keinen Sinn, weitere Maßnahmen zu ergreifen, Angehörige sollten benachrichtigt werden.

Der Vorhang war hellgrau mit weißen Streifen, er trennte die beiden Behandlungseinheiten in Raum 2 der Neurointensiv. Ich hoffte, dass der Vorhang die Pilzsporen davon abhalten konnte, in meinen gelähmten Körper einzudringen. Ich hoffte, dass der alte Mann bald sterben würde, damit sie ihn und die Pilze fortbrächten.

Sie hatten meine Spritze vergessen. Ich zählte die Löcher ein letztes Mal, dann schob ich die Klammer vom Finger, der Alarm fiepte. Normalerweise brauche hier keiner eine Klingel, hatte die Stationsärztin gesagt. Ihr Blick über den Rand der Brille, eine Augenbraue hochgezogen.

Schwester Hedda kam an mein Bett. Sie legte die Hand auf mein schweißnasses Laken und sah mich fragend an.

„Einmal wenden und einschläfern bitte.“
Sie lachte. Ich konnte nicht mehr viel, aber jemanden zum Lachen bringen, das würde gehen bis kurz vor dem Koma.

„Eigentlich müssten Sie mal wieder ein frisches Laken bekommen, aber das geht jetzt gerade schlecht.“

Sie deutete mit dem Kinn in Richtung Vorhang, dann fasste sie mich an Schulter und Hüfte, drehte mein Fleisch in Rückenlage. Das reglose, rohe Fleisch. Ich schrie nicht, ihr zuliebe. Schwester Hedda konnte die Kissen unter meinen Kniekehlen so knuffen, dass sie stundenlang die Form hielten.

Dann schoss sie den Schmerz ab. Erst spürte ich nur ein Ziehen im Oberschenkel rings um die Einstichstelle, danach hoben meine Beine ab, der Rumpf, der Rest, auf die Zuckerwatte Insel Wolke. Der gestreifte Vorhang flatterte im Wind, mein Schiff nahm Fahrt auf, der Chefarzt ernannte mich zum ersten Offizier, an seiner blauen Kapitänsuniform fehlte ein Knopf. Ich winkte und segelte ins Nichts.

Der Schmerz wachte als erster wieder auf. Ärzte und Schwestern waren hinter dem Vorhang versammelt, das hörte ich, aber sie waren still, es gab nichts mehr zu sagen oder zu tun. Es war, als würden alle den Atem anhalten in professioneller Beklommenheit.

Tropfen, Pumpen, Piepen, immer langsamer, immer lauter. Immer leiser der Rest. Kein Todeskampf, kein letzter Atemzug mit großer Geste. Der Tod war banal und bestand im Wesentlichen aus dem Ende des Lebens.

Sie hatten einen Paravent zwischen mein Bett und den Rest der Welt gestellt, aber er hielt die seltsam bleierne Stimmung nicht ab. Schlurfende Schritte, kein Schluchzen, wer sollte bei einem alten Mann schluchzen, Worte, gemurmelte Satzfetzen, nicht länger leiden, an einem besseren Ort, Zeit.

Als die letzten Angehörigen des alten Mannes gegangen waren, machten sich die Schwestern hinter dem Paravent zu schaffen, der Tote wurde weggebracht, das Pilzvernichtungskommando räumte ab, warf weg, desinfizierte, dann wurde ein neues Bett hereingeschoben mit einem neuen Patienten.

Ich selbst bin dann doch nicht gestorben, aber ich weiß eines ganz sicher über meinen Tod: Er wird banal sein.


Ute Weber

*

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20

Das erste Mal erschien der weiße Vogel gegen Ende Juni. Nie zuvor hatte ich ein ähnlich großes Tier in den Wipfeln des Mischwaldes gegenüber unseres Hauses gesehen. Was für ein Vogel es war, konnte ich nicht bestimmen. Er erschien ähnlich groß wie ein Storch, aber der Schnabel passte nicht. Ein weißer Reiher, ein Albino-Raubvogel? Ich wusste es nicht.

Auch das Fernglas, das ich mir auslieh, half mir nicht weiter, ich konnte keine spezifischen Einzelheiten erkennen. Immer waren Äste oder Laubwerk im Blickfeld. Es schien fast so, als wolle der Wald seinen Besucher vor allzu neugierigen Blicken verstecken.

Meine Mutter sah den Vogel auch, war aber an einer Identifizierung nicht interessiert. Sie sah ihn als willkommene Abwechslung, ein kleiner Zeitvertreib, eine Ablenkung von den Sorgen um meinen Vater, der zu der Zeit im Krankenhaus war; eine Routineangelegenheit, so schien es.

Gesundheitliche Probleme hatte er schon länger. Mit 17 1/2 Jahren wurde er, vom Gymnasium herunter, in die Wehrmacht eingezogen, mit 18 verlor er sein Bein durch eine Kriegsverletzung. Danach bekam er in einer Fabrik einen Schreibtischjob und blieb dort bis zu seiner Rente. Trotz aller widrigen Umstände war er ein lebensfreudiger Mensch, der sich aufopferungsvoll um seine fünf Kinder, seine Frau und die Enkel kümmerte. Er trank gerne mal Bier und rauchte seine Overstolz; später wechselte er zu Stuyvesant, bis er schließlich ganz mit dem Rauchen aufhörte und nur noch sehr selten Alkohol trank. Meist nur, wenn er seine Brüder in Prag besuchte, dann waren sie alle drei wieder jung und alberten herum, wie sich das für Wiedersehensfeiern gehört.

Kurz bevor er ohne Befund wieder nach Hause geschickt werden sollte, sprach meine Schwester die Ärztin auf die verwaschene Aussprache meines Vaters an. Die vermutete leichte Form der Altersdemenz wurde von uns heftig bestritten. Daraufhin wurden weitere Untersuchungen durchgeführt, auch in einer Spezialklinik, und dann stand fest, dass die Ärzte nichts mehr tun konnten.

Nach Wochen zuhause, in denen es ihm etwas besser zu gehen schien, verschlechterte sich sein Zustand so dramatisch, dass er wieder ins Krankenhaus musste. Vollgepumpt mit Opiaten gegen die Schmerzen starb er am vierten Tag.

Für sein Sterbebild wählten wir ein Eichendorff-Zitat:

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande
Als flöge sie nach Haus.

 

Einige Monate nach dem Begräbnis wurde meine Mutter schwer krank. Es war, als hätte sie ihrem Körper befohlen, seine Arbeit einzustellen. Ihre Körpertemperatur sank lebensgefährlich tief ab, obwohl sie in einem beheizten Haus wohnte. Die Ärzte waren ratlos, aber nach einiger Zeit auf der Intensivstation erholte sie sich wieder.

Manchmal stehen wir am Fenster und reden über den weißen Vogel und sie fragt: „Ob er wohl noch einmal wiederkommt?“ Und ich schaue über das Tal hinweg auf den Wald und denke: Wer wird ihn dann sehen?

 

Klaus Hulha

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17

Am Sonntagabend dann der Anruf. Sie frage nach mir, ob ich kommen könne. Und, ja, natürlich kann ich kommen, das heißt, eigentlich kann ich nicht kommen, eigentlich habe ich Montag Termin auf Termin, aber das wird schon gehen, sicher komme ich, morgen, am späten Vormittag. Den restlichen Abend verbringe ich mit Telefonaten, Terminverschiebungen, Onlinestellen zu bearbeitender Artikel. Das geht alles. Abfahrt 8 Uhr 32, ICE 279, Berlin-Kassel, zur Weiterfahrt über Frankfurt nach Mainz.

Montag ist Rosenmontag. Das kennt man in Berlin nicht, aber in Mainz ist Rosenmontag Ausnahmezustand. Auch in Berlin wohnen Menschen, die sich diesen Ausnahmezustand herbeisehnen. Einige Jahre lang versuchten sie, Rosenmontagszüge Unter den Linden zu organisieren. Rosenmontagszüge, die allerdings keinen interessierten, und ohne öffentliches Interesse gibt es keinen Ausnahmezustand. Also fahren sie nach Mainz. Im ICE 279. Sie trinken, frühmorgens, Trinken muss sein, ohne Trinken ist es kein Ausnahmezustand. Sie haben einen Ghettoblaster dabei. Sie sitzen im Großraumabteil, Wagen 7, zweite Klasse, fünf Stuhlreihen hinter mir. Ich versuche, einen Artikel fertigzustellen, meine Gefühle fahren Achterbahn, mir war klar, dass dieser Anruf über kurz oder lang kommen würde, „Sie fragt nach dir“, ich konnte mich auf die Situation vorbereiten, das wird schon gehen. Nichts geht.

Es geht aber auch deswegen nicht, weil es scheppert und grölt, fünf Reihen hinter mir. Warum ist es am Rhein so schön. Zieh dich aus, kleine Maus, mach dich nackig. In München steht ein Hofbräuhaus, warum auch immer. Wir bauen eine U-Bahn, von Frankfurt bis nach Auschwitz, meine Güte. Hinter Braunschweig platzt mein Kopf. Ich drehe mich um, brülle den erstbesten Karnevalisten an, „Könnt ihr vielleicht mal still sein? Ich versuche, zu arbeiten!“ Ein Fehler: von diesem Moment an haben sie mich auf dem Kieker. „Och, der Arme, er muss arbeiten!“, „Seid doch mal still, da vorne muss einer arbeiten!“ Ein paar Karnevalisten wanken nach vorn, um mir über die Schulter auf den Bildschirm zu linsen. Zuerst denke ich, dass sie mir gleich eine reinhauen, wäre mir egal, aber sie drehen gleich wieder um. Wahrscheinlich haben sie gesehen, dass mir die Tränen übers Gesicht laufen, wahrscheinlich haben sie kapiert: Das ist jetzt ernst. Von nun an lassen sie mich in Frieden, was nicht heißt, dass sie still sind, sie singen und saufen und grölen weiter, aber sie ignorieren mich dabei. Irgendwann übergibt sich einer, irgendwann fangen zwei einen Streit an. Ich liege in Watte.

Hildesheim. Göttingen. Kassel-Wilhelmshöhe. Raus, ich habe nichts gearbeitet. Hinter mir noch ein paar einsame Rufer: „Viel Spaß beim Arbeiten!“ Viel Spaß. Ich will, dass sie, ach, nein, ich will eigentlich gar nichts. Nur weil ich einen schlechten Tag habe, muss ich ihnen nicht auch den Tag verderben. Auf Gleis 2 zurückbleiben bitte, Ihr Zug fährt jetzt ab. Straßenbahn, Krankenhaus. Kannst du kommen?

Falk Schreiber

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10

Es war im Sommer 2005, bei einem Besuch in Innsbruck. Die Großmutter meiner Freundin Julia lag im Krankenhaus. Die Ärzte gaben ihr noch ein paar Tage. Sie war verwirrt, hilflos wie ein Kind, bettelte ständig darum, nicht allein gelassen zu werden. An mich konnte sie sich, obwohl wir uns einige Male vorher begegnet waren, nicht erinnern, zeitweise vergaß sie ganz, wo sie war und was mit ihr los war. Mir machte die Situation Angst, deshalb hielt ich mich abseits, meist stand ich, wie ein Bauer beim Schach, schräg hinter Julia. Einmal merkte ich, dass die alte Frau mich offenbar mit Blicken suchte, zumindest reckte sie den Kopf und deutete in meine Richtung. Ich erwiderte ihren Blick und versuchte, freundlich zu lächeln. Plötzlich veränderte sich ihr Gesicht und sie zischte wütend: „Lach mi net aus!“ Ich erstarrte. Julias Mutter beruhigte sie und erklärte ihr noch einmal, wer ich war, aber die alte Frau schüttelte nur den Kopf über die erlittene Beleidigung. Ein Blick, den man nicht vergisst: hasserfüllt, verzweifelt, in tiefster Würde verletzt. „Er lacht mi aus!“, erklärte sie ihrer Tochter. Sie weinte. „Wer is der? Wer is der?“ Man tröstete sie. Eine Krankenschwester war da und wiegte, da keiner der Verwandten mehr als eine Hand der alten Frau ergreifen wollte, sich kurz mit ihr hin und her; solche Menschen gibt es. Über die Ellenbeuge des Krankenschwesterarms starrte sie mich an, hielt dem entsetzlichen Anblick stand, so lange sie konnte, dann presste sie ihre Augen gegen den Stoff. Ich bot an, rauszugehen, aber man hielt mich zurück und wiederholte die Sätze, die meine Anwesenheit erklären sollten. Nach dem Besuch gingen wir – ich weiß nicht mehr, weshalb – in den Hofgarten.

Es regnete ein wenig. Wir wanderten unter den finsteren Bäumen herum. Für einen Moment dachte ich tatsächlich: Sie wird es vielleicht noch einsehen, ihren Irrtum, sich erinnern, wer ich bin. Dummkopf.

Natürlich war dies das letzte Bild von mir, das sie mit ins Grab genommen hat: der fremde junge Begleiter, der sie in ihrem Todesmartyrium auslachte. Eine geisterhafte Erscheinung, unerklärlich, scheinbar von niemandem bemerkt, trat gleich hinter ihrer geliebten und sehnsüchtig erwarteten Enkelin ins Zimmer, mit heiterem, schadenfrohem Gesicht. Immer wieder versuchte sie, das Phantom mit Blicken zu verscheuchen. Als sie die anderen auf es hinwies, beruhigte man sie nur und hielt sie und schaukelte sie. Vielleicht würde jemand aus ihrer Familie endlich einsehen, dass hier ein Eindringling im Raum war, der ihr Angst machte. Aber niemand unternahm etwas, nicht einmal, als ihr die Tränen übers Gesicht rannen. Wenige Tage nach unserem Besuch starb sie.
Die Todeserzählungen der Weltliteratur sind voll von solchen Figuren: eine eigenartig flackernde weibliche Gestalt auf einem Hausdach, ein starrender Hund auf einer Kreuzung, ein Kind mit grünen Handschuhen, ein seltsamer kleiner Ballon, der über einen Parkplatz treibt. Boten des Jenseits. Sie erscheinen dem Todgeweihten und erinnern ihn daran, dass das Ende nahe ist. Jedem sind solche Bilder vertraut, aber wer würde es für möglich halten, einmal selbst eines zu sein? Doch an jenem Tag geschah genau dies: Ich war der Tod, der zur Tür hereinkam. Nach mir gab es keine Rettung mehr.

Clemens Setz

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4

Vor dem Labor brummen die Monsterkühlschränke, Neonleuchten flackern. Nachts legen wir die Beine in die Kühlschränke. Aber die sind heute voll. Ich trage jede Woche ein Bein herauf. Schweiß klebt mir die OP-Kleider an die Haut. Wer noch nie ein Bein in den dritten Stock geschleppt hat, weiß nicht, wie schwer es einem werden kann. Es heißt, Herzen wären schwer. Aber das stimmt nicht. Es sind die Beine.
Mein erstes Jahr nach dem Examen. Die im Ersten schaffen die Beine weg. Oder die ganzen Toten. Sie werden durch den Park in die Pathologie gekarrt, dort muss man die Hausmeisterin herausklingeln, was dauern kann, wenn sie getrunken hat, falls sie es überhaupt hört. Falls nicht, muss man die Toten wieder mitnehmen. Man kann sie nicht vor der Tür lassen. Sonst kommen die Katzen.

Der Tag war endlos gewesen, angefüllt mit Unsicherheit, Ekel, Angst und prallen Späßen gegen all das. Abends hatten sie sich entschlossen, doch noch zu amputieren. Matzke hatte aufgefiebert. Seine Zehen waren seit einer Woche schwarz, doch über den Tag hatte sich die Entzündung nach cranial ausgebreitet. Deshalb musste ich ihn mit dem klapprigen Aufzug in den septischen OP kutschen. Ich hatte nie Angst in dem Ding, Matzke schon. Er nahm meine Hand mit seiner schweißnassen.

„Bring es mir, Mädchen“, sagte er.“

Ich mochte Matzke nicht. Ein alter Sack mit dreckigen Witzen, hinkte in den Konsum im Park, holte Goldbrand und Zigaretten für alle. Nachts war die Hölle los auf der Traumatologischen. Die Jungs, zwanzig in einem Saal, mussten tags immer geflickt werden, wenn sie sich wieder geprügelt hatten.

Heute war Matzke nicht im Konsum. Das Fieber.

„Was?“, fragte ich.

„Mein Bein. Ich kann es nicht hier lassen. Hab es durch Verdun, Stalingrad und den VEB Interdruck gebracht. Ich mag es. Ich kann es nicht im Stich lassen.“ In seinem Blick glänzte das Fieber. Es machte ihn jung.

Der Fahrstuhl rappelte und hielt.

Der erste Schnitt ist der schlimmste. Heiles gibt plötzlich sein Inneres frei.
Er verlief eine Handbreit überm Knie. Eine halbe Stunde später – grobe Nähte, Verband, Warten. Sie setzten mich neben Matzkes Erwachen.

„Bring es mir“, sagte er durch die Narkoseschleier. „Du bist die Einzige …“

„Aber …“, sagte ich.

 

Ich kann es doch nicht einfach liegen lassen, allein neben dem Monsterkühlschrank. Das ist nicht richtig. Also gehen wir, das Bein und ich, die Treppe wieder hinab.

Auf der Station ist es still. Ich winke dem Pfleger zu, sage: „Matzke“, er nickt. Schmales Licht hängt im Raum. Matzke stöhnt. Ich gebe ihm sein Bein.

Er streichelt es.

„Was wollen Sie mit ihm machen?“

„Begraben.“

„Aber Sie können nicht. Bis Sie heil sind, stinkt es.“

Morgen werden sie es ihm noch einmal nehmen, nach oben tragen zum Monsterkühlschrank.

Ich kann Matzke nicht leiden … Er legt seine Hand auf meinen Oberschenkel. Ich verstehe ihn.

„Okay“, sage ich, spüre die Wärme seines Beines durch das Tuch.

Dann gehe ich mit dem Bein hinaus in den Park, finde in der Gärtnerei einen Spaten und hoffe, dass die Katzen mich nicht gesehen haben.

 

Anne Kuhlmeyer

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