130

Wir sind sterblich, wo wir lieblos sind, unsterblich, wo wir lieben. (Karl Jaspers)

Oktober 2005: Urlaub mit den Enkelkindern. Julius ist vier, sein großer Bruder fast acht Jahre alt. Es ist wunderschön mit den beiden und es ist anstrengend. Julius ist immer noch nicht richtig sauber. Julius spricht kaum – er möchte es, jedoch mehr als zwei Worte bringt er nicht heraus. Er will auch mit mir singen, aber es geht nicht und er schaut mich mit einer unendlichen Traurigkeit an. Was ist mit diesem Kind los? Ist Julius einfach nur etwas verzögert in seiner Entwicklung? Vielleicht liegt es an den Medikamenten gegen Epilepsie – diese Krankheit hat er wohl von seiner Mama geerbt.

November 2005: Die Ärzte haben nun die endgültige Diagnose und unser Sohn überbringt sie uns. Julius hat NCL – Neuronale Ceroid-Lipofuszinose. Ein seltener Gendefekt, eine Hirnabbauerkrankung – Alzheimer bei Kindern. Derzeit noch nicht heilbar. Julius wird blind werden, die Krampfanfälle werden sich häufen, er wird nach und nach alle bisher erlernten Fähigkeiten verlieren, er wird vielleicht noch zwei Jahre leben.

Der Himmel stürzt ein, die Welt bricht zusammen. Trauer, Wut, Ohnmacht, Verzweiflung, Tränen sowieso. Meine Beine werden zu Blei, meine Arme werden zu Pudding. Irgendwann wenigstens eine SMS an die Schwiegertochter: „Wir drücken dich – wir sind für dich da!“

Im Radio läuft bald unentwegt: „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg ist steinig und schwer.“ Ja, das wissen nun auch wir. Die eigene Traurigkeit muss jetzt unwichtig sein. Wir werden erst einmal stets für Julius, seinen Bruder und ihre Eltern da sein. Die beiden leben schon seit einem Jahr getrennt – alles wird noch komplizierter werden – „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg ist steinig und schwer.“

Die Krankheit läuft wie vorhergesagt, der Abbau geht schnell. Kann Julius in einer Woche noch einen Keks greifen und zum Mund führen, so greift er in der nächsten Woche schon mühsam ins Leere. Ich gebe ihm den Keks und er steckt ihn in den Mund. In der dritten Woche findet er seinen Mund erst beim dritten Anlauf.

Es tut so weh.

Die Familie, die eigentlich keine mehr ist, rückt wieder mehr zusammen. Alle wollen nur noch eins: Julius soll es gut gehen. Wir machen neue Erfahrungen: Alte Freunde gehen verloren – sie können mit unserem Unglück nicht umgehen. Neue Freunde werden gewonnen – sie finden die richtigen Worte – sie fragen einfach. „Wie geht es dem Kind?“ Ich ziehe mich in mich zurück – sinnloses Geschwätz in meiner Nähe kann ich nicht mehr ertragen. So viel wird unwichtig – weniges wirklich wichtig.

Es tut so weh.

Die Familie schafft den Alltag nur noch mit Unterstützung durch einen Pflegedienst. Julius hat eine Magensonde, sitzt im Rollstuhl. Einmal in der Woche hole ich seinen großen Bruder von der Schule ab. Danach ist Julius dran – dann ist Kuschelstunde und ich singe ihm mein ganzes Kinderliederrepertoire vor. Er ist dement, aber er weiß, dass Oma da ist und gleich singen wird. Er bebt wie ein Baby vor lauter Freude.

Einmal legt die Mama ihn anders als gewohnt auf die Couch zu mir – sein rechtes Ohr ist nun fast taub und er soll mich besser hören. Er ist unruhig – so will er nicht liegen! Dann tut er etwas, was er schon jahrelang nicht mehr getan hat: Er versucht mitzusingen. Es geht nicht, er weint – er hat aber auch schon lange nicht mehr geweint. Was will er mir sagen? Ich verspreche ihm, nächste Woche kann er wie gewohnt auf seiner rechten Seite liegen.

Sechs Tage später kommt der Anruf – Julius ist tot!

Wir haben ihn alle noch einmal gesehen: seine Eltern, sein Bruder, Großeltern, Tante, Onkel und die Betreuer. Er war so kalt und so klein. Ein bisschen roch er noch nach Julius. Er hatte es geschafft. Wir noch nicht. Wie viel Trauer wird noch in uns sein? Wir hatten schon dreieinhalb Jahre lang getrauert.

Jeder von uns ist in dieser Zeit tausend kleine Tode gestorben und jeder von uns hat in dieser Zeit unendlich viele Momente des vollkommenen Glücks empfunden – immer dann, wenn Julius uns angelächelt hat


Karola Sasse

 

*

 

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon, das ePub u. a. bei bol.de/.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.ch/.de, weltbild.at/.ch/.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr*e Buchhändler*in kann Frohmann-E-Books ganz einfach über Libri bestellen. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

74

»Drei Stunden hab ich gebraucht, um sie so wieder hinzukriegen!« Mitten in der Beerdigungsfeier, am offenen Sarg, flüstert mir der Bestatter diesen Satz zu, fleht geradezu um ein Wort des Trostes für sich selbst. Und ich, der Pfarrer, kämpfe noch mehr um Fassung, als ich auf dieses kleine, süße, immer noch etwas ramponiert aussehende Mädchengesicht sehe. Was für ein sinnloser, geradezu irrwitziger Verkehrsunfall. Drei Jahre war sie alt. So alt wie meine eigene Tochter. Und nun stehen wir hier und ringen um Worte und Trost.

Der katholische Kollege hatte mich angerufen: »Lass uns das gemeinsam durchstehen! Das geht das ganze Dorf an.« Was war ich froh gewesen um seine Unterstützung in der Andacht vor der eigentlichen Beisetzung. Seine Worte des Gebets. In der Predigt hatte ich gefragt, wo Gott denn war, wo er jetzt ist. »Gott wohnt gerade jetzt im Steinweg 7«, so hatte ich gesagt. Aber ob es den Eltern helfen wird?

In der Sakristei waren wir uns heulend in die Arme gefallen, zwei gestandene Männer, Pfarrer, die schon manches erlebt hatten, aber nicht das. Gemeinschaft und Nähe: Nie wieder habe ich das so sehr mit diesem Kollegen gespürt wie in diesem Augenblick.

Irgendwie geht die Beisetzung vorüber. Irgendwie finden wir uns alle ein im Steinweg 7, der in Wirklichkeit natürlich anders heißt. Auf der Kaffeetafel brennt die Taufkerze des kleinen Mädchens. Ein Anblick, den ich nie vergessen werde. Ein Moment der Hoffnung, irgendwie, verzweifelt, klein, trotzig. Ein Zeichen: »Du bist dabei, auch wenn du nicht da bist.« Und ein Zeichen: »Gott wohnt jetzt wirklich hier bei uns.«

Geradezu demonstrativ sind sie alle da, die Verwandten und Freunde der Eltern. »Wir lassen euch nicht allein! Wir gehören zusammen!« Gemeinschaft und Nähe: Spürbar, geradezu greifbar, hier, im Moment der größten Not und Trauer.

Warum nur, warum erlebe ich das immer wieder so: Dass nichts die Menschen so sehr zusammenschweißt wie der Tod?

 

Heiko Kuschel

 

 

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon, das ePub u. a. bei bol.de/.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.ch/.de, weltbild.at/.ch/.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr*e Buchhändler*in kann Frohmann-E-Books ganz einfach über Libri bestellen. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

57

Die Frau sitzt auf der Parkbank und betrachtet den Herbst. Rotgoldene Blätter fliegen wie plumpe Papierflieger zu Boden und tüpfeln den Rasen bunt. Die Herbstsonne durchdringt ihre Haut und erwärmt Wangen, Nase, Stirn und Hände, die sie über ihrem Bauch verschränkt hält. Der Wind lässt trockenes Laub über die Asphaltwege rascheln. In der Nähe ruft ein Kind in die Stille.

Sie denkt zurück. Vor einem Jahr war der Herbst genauso golden und warm. Die Zeit stand damals für einige Wochen still, so wie sie immer still steht, wenn ein innig geliebter Mensch geht.

Sie denkt noch weiter zurück.

Der erste Verdacht, eine erste vorsichtige, abtastende Diagnose.

»Keine Sorge«, sagt die Frauenärztin, »ich überweise Sie zum Spezialisten.« Weitere Untersuchungen, noch ein Ultraschall. Das Baby im Bauch strampelt und stemmt seine kleinen Füße von innen gegen ihren Bauch. Einmal umfasst seine Hand die Nabelschnur. Im Ultraschall sieht man, wie es sein Gesicht verzieht, so gut sind die Bilder. Die Diagnose erhärtet sich. Das Kind hat keine Nieren.

Was dies bedeutet? Sie hört ihre Stimme im weißen Raum der Praxis schweben.

Alle wirbelnden Gedanken konzentrieren sich in diese eine Frage und stehen mit einem Herzschlag still. Nur diese eine Frage. Der Arzt hinter seinem Schreibtisch spricht freundlich und bestimmt. Was hat er gesagt? Die Schwangerschaft beenden?

Ihr Herz drückt aus, was ihre Gedanken nicht fassen können. Es pocht und schlägt und dröhnt. Es zieht sich zusammen und dehnt sich aus, bebt, wogt bis in den Hals, bis in den Kopf hinauf, lässt ihre Hände bei jedem Schlag zittern und ihre Knie weich werden. Es hämmert gegen die Fruchtblase, die zum Glück genügend Wasser in sich trägt, um das kleine Herz, das in ihm schwimmt, zu schützen.

»So ein Fall ist heutzutage kein Problem mehr«, die Stimme des Arztes auf der anderen Seite der Welt klingt sachlich. Will beruhigen. »Das muss heutzutage nicht mehr sein. Ich bestelle Ihnen ein Bett in der Klinik, die sind auf so etwas eingerichtet. Sie müssen sich überhaupt keine Sorgen machen.« Sie sitzt stumm und schweigt, bemerkt die Fliege am Fenster, die summend hinaus ins Sonnenlicht will. Er nickt, nimmt ihr Schweigen als Zustimmung.

Der Wind haucht eine kalte Brise durch die Falten ihres Schals. Ganz sacht zieht sie ihn mit beiden Händen enger um ihre Schultern und wendet ihr Gesicht der Sonne zu. Eine alte Frau zieht vorbei. Schwarzer Mantel, schwarze Schuhe. Hinter ihr ein alter Hund. Sein braunes altes Fell ist von Silberfäden durchwirkt. Er schnauft und hat Mühe, hinter seinem schlurfenden Frauchen herzukommen. Die gelben Blätter der umliegenden Pappeln rauschen im Wind. Das Kind ruft erneut. Ein anderes antwortet aufgeregt. Sie sieht sich um. Zwei Anoraks hüpfen als roter und blauer Punkt über das gelb getüpfelte Grün des kurz geschorenen Grases. Sie will ihnen zurufen, nicht hier rennen, dies ist doch ein Friedhof und denkt dann, na und. Das Leben und der Tod gehören zusammen, hier liegen genügend Herzen, die nicht mehr schlagen.

Die Fliege summt immer noch. Das Herz schlägt und dröhnt. Am Punkt seiner höchsten Ausdehnung verschwindet der Raum vor ihren Augen. Die Welle erfasst nun ihren ganzen Körper. Wie eine Wehe, denkt sie. Sie schließt die Augen und atmet tief. Sie atmet ein und beginnt zu zählen und weiß, wenn sie zu Ende gezählt hat, wird die Wehe gegangen sein. So hat sie geatmet, als ihr erster Sohn zur Welt kam, und so hat sie gezählt, als sich die Geburt ihrer Tochter ankündigte. Sie atmet und konzentriert sich. Das Herz wogt und wird bei jedem Schlag kleiner. Die Welle wird schwächer, die Wehe ebbt ab. Noch einen Atemzug, dann schlägt das Herz wieder an seinem Platz und lässt in ihrem Kopf einen Satz zurück: »Ich brauche noch einen Tag Bedenkzeit«.

Jetzt erst bemerkt sie, dass der Arzt den Telefonhörer in der Hand hält. Er stutzt, spricht irgendetwas hinein, schweigt, hebt die Augenbrauen und fragt: »Worüber wollen Sie denn nachdenken? Es gibt keine Chance, das Kind hat keine Nieren. Wozu wollen Sie sich das antun?«

»Ja«, sagt sie, »eben darum.«

Fragender Blick, Ungeduld, im Wartezimmer sitzen die Patienten, der 10-Minuten-Takt ist gestört.

Er begreift nicht.

»Es ist mein Kind«, sagt sie und betont das Wort »Kind«.

Versteht er denn nicht? Wie soll sie so schnell entscheiden, wo sie doch nicht einmal die Alternative abwägen kann.

»Sie können noch viele Kinder bekommen«, sagt er und denkt, begreift sie denn nicht? Das ist ein Routineeingriff.

Die Kinderrufe kommen näher. Hund und Frauchen biegen in einen der schmalen Wege ein, die die Rasenfläche durchziehen, zwischen den Steinen hindurch, die als steinerne Wächter der Erinnerung über die Toten wachen. Die alte Frau im schwarzen Mantel will ihren geliebten Mann besuchen. Der Tod hat viele Gesichter.

Eine Wolke zieht über den Himmel. Die Strahlen der Sonne verlieren für einen winzigen Moment ihre Kraft, doch dann bricht sie sich Bahn, als ob sie die Kälte der ganzen Welt wenigstens an diesem einen Tag trotzig vertreiben will.

Aus einem Tag Bedenkzeit werden zwei. Dann kommt das Wochenende. Hand in Hand zieht sie mit ihrem Mann und ihrem runder werdenden Bauch durch die Herbstlandschaft. Sie schweigen und reden und nehmen sich in den Arm, während ein roter und ein blauer Punkt vor ihnen herhüpfen.

Am Montag sprechen sie mit dem Kinderarzt, der ihre beiden Kinder schon von Geburt an untersucht hat. Ein Kinderarzt, der das Leben und die Kinder liebt. Tobias und Anna bekommen einen Piraten- und einen Prinzessinen-Stempel auf die Hand für das Warten vor dem Behandlungszimmer. Ihre Eltern bekommen einen Satz, der sich in ihre Herzen brennt. »Das Leben Ihres Kindes wird kurz sein. Machen Sie ein Fest daraus.« Der einzige Satz, der lebendiges Blut durch die kalten Venen der Krankenhausflure pumpt, ein Satz voller Barmherzigkeit, ein Satz für das Leben und für das kleine Herz, das in ihr schlägt.

So fällen sie ihren Entschluss. Der kleine Junge darf leben. Die Schwangerschaft wird fortgesetzt. Die Gespräche mit Freunden und Verwandten fallen gemischt aus. Ein Kind gebären, das sterben wird?

»Was soll das bringen?« fragt der Bruder.

»Was soll das bringen?« fragt sie sich und weiß, es ist irgendwie richtig.

Sie finden eine Hebamme, die einer Hausgeburt zustimmt.

Dann ist er da, der Tag der Geburt. Jede Geburt kündigt sich auf eine andere Art und Weise an. Der kleine Sebastian tut dies sanft, es zieht im Bauch, ganz sachte nur und dennoch weiß sie, jetzt kommt die Zeit. Sie begehen die ersten Stunden der Geburt wie eine Feier, solange noch Luft zum Atmen da ist.

Jetzt kommen sie doch, die Tränen, heiß steigen sie in ihr hoch und rollen die Wangen herunter. Kühl und sanft bläst der Wind sie an. Tobias und Anna kommen näher, raufen sich, schreien, lachen. Sie haben sich von ihrem kleinen Bruder verabschiedet, haben ihn stolz im Arm gehalten, als er da war, nach einer Geburt, die kurz und auf eigentümliche Weise entspannt war, und haben ihm traurig »Lebewohl« gesagt, als sein Leben beendet war. Sie seufzt, lässt zu, dass der Wind sie tröstet und erhebt sich von der Holzbank am Rande des Friedhofes. Sie sieht die alte Frau, die schlurfend den Grabstein ihres Mannes aufsucht, die Schritte sind noch schwer. Am Grab ihres kleinen Sohnes steht ihr Mann, ordnet das Spielzeug und drückt die Erde um die kleinen gelben Blumen fest, die er gepflanzt hat. Fragend sieht er sie an und hebt seinen Arm. Sie drückt sich an ihn, schweigende Liebe für beide. Sie verabschieden sich von dem kleinen toten Kind und sind beruhigt, dass es einen Platz bekommen hat.

Sie ist keine mutige Frau, eher schüchtern und sie sieht oft ängstlich in die Zukunft. Aber vor einem Jahr, das spürt sie, da war sie es, mutig, todesmutig.

 

Berit Andersen

 

 

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon, das ePub u. a. bei bol.de/.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.ch/.de, weltbild.at/.ch/.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr*e Buchhändler*in kann Frohmann-E-Books ganz einfach über Libri bestellen. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

18

Als ich vier war, starb Lauri. Lauri war zweimal die Woche mit ihrer Mama in die Mutter-Kind-Gruppe meiner Mama gekommen. Ich mochte Lauri. Wenn ich abwusch, trocknete sie ab. Laura und Lauri. Ich habe nur noch eine Erinnerung an sie. Wir beide, auf Hockern und mit Schürze am Spülbecken. Da hatte Lauri schon keine Haare mehr. Ansonsten habe ich keinerlei Erinnerung an ihr Gesicht. An sie, als Freundin. Es gibt ein Foto von uns beiden, während wir abwaschen. Vielleicht ist meine Erinnerung auch davon geborgt. Mit vier habe ich jedenfalls kaum verstanden, was passierte. Das Einzige, was mir nach Lauris Tod klar war: Niemand sollte mich jemals Lauri nennen. Ich kam in die Schule und wehrte mich vehement gegen diesen einzig erdenkbaren Spitznamen meines eh schon kurzen Vornamens. Lauri bin ich nicht. Ich heiße Laura. Bis heute nennt mich kaum ein Mensch Lauri, obwohl meine Gegenwehr mit den Jahren nachließ. Nach Lauris Beerdigung weinte meine Mutter zu Hause weiter. Sie erzählte von der Ecke des Friedhofs, auf dem nur Kinder lägen. Monate später nahm sie mich mit zu Lauris Grab. Mir war mulmig zumute. Auf Lauris Grabstein war ein kleiner Engel abgebildet. Jahre später habe ich zufällig Lauris Todesanzeige gefunden. In Mamas altem Bastelschrank, in dem immer noch viel Karton, Schablonen, Kleber und Scheren lagerten, obwohl sie die Mutter-Kind-Gruppe schon nicht mehr leitete. In einer der oberen Schubladen lag sie. Ausgeschnitten aus der Zevener Zeitung. Und ich hatte auf einmal Tränen in den Augen. Anfang der 90er, in einem kleinen Dorf in Niedersachsen starb ein 4-jähriges Mädchen an Leukämie. Ich kannte sie nur kurz. Meine Freundin Lauri.

Laura Sonnefeld

*

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich, als ePub u. a. bei bol.de, buch.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.at, thalia.ch, thalia.de, weltbild.at, weltbild.ch und weltbild.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr Buchhändler kann auch E-Books bestellen. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.