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Anmerkung: Jene, die die Priester, die Familien, die Raben und die Reden an den Gräbern kennen, werden trotzdem nichts vom Hindergrund wissen: vom Wind, der durch die frischgepflügten Ackerfurchen und die Schädel pfeift, der über die Tundra rast und jene Kälte bringt, die die Atemzüge der vielen, vielen Montagskinder von übermorgen als Nebelschwaden, deren Existenz sich an der von Regenwolken Sekunde für Stunde bemisst, verifizieren.

Warum dämmert es früher heute?
Gestorben ist mir niemand, oder?
Die, die diesen Friedhof kennen, wissen, wie riesig er ist und dass jeder, der jemals starb, hier tot liegen könnte. Da mir aber bisher niemand gestorben ist, kann mir das egal sein, und singend hüpfe und tanze ich zwischen den Steinen.

Gestorben sind mir bisher keine:
Weder jagen Wölfe Märchenkinder
in den tiefen Wäldern,
noch sticht’s ins Herz nach viel Champagner
oben im Hoteldoppelzimmer.
Lorbeeren will ich dafür keine.
Die neuen Toten sind nicht meine.

Und wieder der unwiderstehliche Sog der Dunkelheit, der mich, zwischen Feld und Friedhof, auf die kleine Straße meiner Kindheit, zu deinem Laden, wo mein erster Einkauf in Tränen endete, hinzieht. Einkaufen will ich noch einmal bei dir, die du damals (eine Zeit von Sahnebonbons, so groß, dass meine kleinen Hände keine zwei davon halten konnten) deine Milch im Glanz von warzengroßen Aludeckeln„versiegelt hieltst.

Kennst du mich überhaupt noch? Auf der Straße treffen wir uns nie und wenn du tagsüber vorbeikommst, schlafe ich. Wenn ich zum Einkaufen losgeh, legst du schon die Zeitungen zurecht und stellst Milch und Bier in den Kühlschrank.

Damals trankst du Alkohol
Warst ein blasses Mädchen wohl
Merkst, dein Bauch ist nicht mehr hohl
Schwangerschaft, sagt dein Gefühl
Warst ein blasses Mädchen wohl
Damals trankst du Alkohol

Die Tür ist noch zu, wenn ich ankomme. Aus deinem offenen Mund, aus dem Schatten des Hindergrunds, spricht Angst. Ich bin die halbe Nacht gelaufen, um zu dir zu kommen. Sei bitte nicht so. Mach auf und komm nach draußen. Nimm die Münzen und leg mir Milchdeckel auf meine Augen. Wir sind Familie.

Warum dämmert es früher heute?
Geboren ist mir niemand, oder?
Nein. Der Sog ergreift mich wieder, dort im Hindergrund – unwiderstehlich – und reißt mich die Straße entlang, weg von den ersten Sonnenstrahlen zwischen Feld und Friedhof, zwischen Steinen, treibt mich durch Furchen, durch Gräber, zu den knöchernen Wänden eines Schädels in dessen Augenhöhlen die Münzen noch ruhen.

Joseph Given

 

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