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Stille umgab ihn. Er hielt die Augen fest geschlossen. Die warme Sommersonne, die ihm ins Gesicht schien, machte aus dem Schwarz ein angenehmes Orange. Er genoss diese Momente der Einsamkeit auf seinem Lieblingsfriedhof. Wann immer es seine Mittagspause zuließ, besuchte er diesen besonderen Ort. Diese grüne Oase inmitten der pulsierenden und lärmenden Großstadt. Hier war er ganz bei sich, konnte ungestört seinen Gedanken nachhängen. Hier fühlte er sich geborgen.

„Geborgen unter Toten?“, dieser Gedanke erschreckte ihn manchmal. Was war es, was ihn hier immer wieder hinzog? Er dachte zurück. Zurück an die Menschen, die er in seinem Leben schon auf ihrem letzten Weg begleitet hatte. Familienmitglieder, entfernte Verwandte, Freunde, Kollegen. Keine Beerdigung war wie die andere gewesen. Manches Mal hatte ihn die Situation des endgültigen Abschieds überfordert. Andere Male fand er sich in der Rolle des nahezu unbeteiligten Besuchers wieder.

Die Beerdigungen, die ihn an Grenzen gebracht hatten, waren die der Menschen, die er auch Jahre später noch immer vermisste. Die Menschen, mit denen er an diesem Ort immer wieder die stille Zwiesprache suchte. Diejenigen, in die er sich hineinzudenken versuchte, um zu ergründen, wie sie mit seinen Fragen und Herausforderungen umgegangen wären.

Er schlug die Augen auf und blickte auf das vollkommen verwahrloste Grab vor sich. Über und über war es mit Wildwuchs bedeckt und die Friedhofsverwaltung hatte bereits ein mahnendes Schild angebracht, dass man die Fläche einebnen würde, sollte nicht bald wieder Ordnung ins Grün einkehren. Er betrachtete den stark vermoosten Grabstein. In großen, aber kaum noch lesbaren goldenen Lettern prangte darauf das Wort „Unvergessen“.

Er schmunzelte angesichts der stummen Dialektik des Ortes. Wie war das mit dem Vergessen? Wen hatte er bereits vergessen? Wer war für ihn unvergessen und in welchen Situationen erinnerte er sich? Unwillkürlich erinnerte er sich an seine schon vor vielen Jahren in hohem Alter verstorbene Lieblingsoma, eine starke, lebenskluge Frau. Dreiundzwanzig gemeinsame Jahre waren ihnen vergönnt gewesen. Jahre, in denen sie ihn immer mit ihrer Herzenswärme und ihren vielen klugen Alltagsweisheiten beeindruckt und geprägt hatte. Ihr legendärer Satz „Junge, es gibt Tage, da tust du bei“ hatte sich so eingebrannt, dass er Tage, an denen bei ihm nichts zusammenlief, liebevoll „Ommatage“ nannte. Wie oft schon hatte er diesen Satz im Freundes- und Kollegenkreis erzählt. Mittlerweile führten die „Ommatage“ ein Eigenleben und wurden auch von anderen adaptiert.

Schon lange gab es kein Grab mehr, an dem er seiner Oma gedenken konnte. Ihre Ruhestätte war bereits vor vielen Jahren eingeebnet worden. Und doch war sie im wahrsten Wortsinn der lebende Beweis, dass Gedenken keinen Ort braucht. Er hing dem Gedanken einen Moment nach und kam dann für sich zu dem Schluss, dass Erinnerung lediglich eine Ursache kennt: die Weisheit des Herzens, die Liebe. Diese banale Erkenntnis zauberte ihm ein Lächeln ins Gesicht. Und auf einmal war ihm klar, warum er Orte wie diesen so gern besuchte.

 

Mehr Liebe für alle. Bitte.

 

 

Johannes Korten (†)

 

 

 

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