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Da sitzt du dann, mittendrin. Eine der Stimmen aus dem Off fragt, ob’s noch ein Espresso sein darf. Du schüttelst den Kopf und die Musik spielt dazu. Big girls don’t cry. Das Jetzt klebt wie eine zu enge Bluse an deinem aufgeblähten Ich, als ob jemand all diese Menschen mit ihren Geräuschen, Gerüchen und Gedanken, von denen dir übel wird, mit hinein gestopft hätte in dein Leben. Jetzt, wo du hier mittendrin sitzt, merkst du, dass alles viel zu eng ist, um darin zu leben. Du denkst das auch, genau in dem Moment: „Darin kann man nicht leben“ und nickst dazu, weil sonst keiner hier ist, der dir folgen könnte. Deine Augenbrauen ziehen sich zusammen, als ob es später Kopfschmerzen geben wird. Und alles nur, weil jemand gestorben ist. Sonst, ja, sonst wäre es hier nicht laut und lärmend, sondern wie immer und überhaupt wärst du sonst gar nicht hier.

Keiner wird verstehen, warum du einfach gegangen bist. Du kannst es dir selbst nicht erklären, aber es war wichtig sich dem Dort zu entziehen und sich stattdessen dem Hier – ja, sogar diesem Playmobillachen in Coral Red da hinten – auszusetzen. Hier kennt dich wenigstens niemand. Das ist besser so. Obwohl dich auch hier der Ekel anfällt vor all dem Leben, das keines ist und das sich dessen noch nicht einmal bewusst ist. Wie sie alle Handgriffe des Lebens vollführen und nichts davon spüren. Womit du nicht gedacht haben willst, dass man sich nur im Angesicht des Todes lebendig fühlen kann. Das wäre kitschig. Als ob es extremer Gegensätze bedürfte, um das Gebiet dazwischen zu kartographieren. Blödsinn. Es bedürfte lediglich dieses einen Augenblicks, in dem das Bewusstsein sich über das Dasein erhebt, in die Hände klatscht – oder deinetwegen auch auf den Fingern pfeift – und sagt: „Hey, das hier ist ein Leben.“ Aber vor lauter Getue kommt es nicht dazu. Es hätte die Zeit gar nicht, so unermüdlich ist es im Einsatz, all die Formalien des Am-Leben-Seins am Laufen zu halten. Augenkontakt nicht zu lang halten, aber auch nicht sofort angewidert wegschauen. Nicht den Mund offen stehen lassen. Haltung aufrecht, bloß nicht öffentlich mit zuckenden Schultern in sich zusammensinken. Das gehört sich nicht. Du musst weghören, bloß immer schnell weghören oder zumindest nicht sichtbar auf das Gehörte reagieren.

Halten diese Menschen die grellen Farbfotos auf der Plastikspeisekarte für appetitlich? Hat jemals einer von ihnen auf einer echten Bruschetta solche Rot-, Orange- und Gelbtöne erblickt? Natürlich nicht. Und falls doch, sie hätten nicht reingebissen. Mettkuchen, denkst du, Omas Mettkuchen mit Lauch. Den können auch olle Lüt noch beißen, sagte Oma immer. Du siehst, wie sie sich über das Backblech beugt, um die steingraue Masse in Rechtecke zu schneiden, während hier, mittendrin in dir, Ruhe einkehrt. Über die Musik hinweg rufst du ins Off: „Einen Espresso, bitte!“ und, wer weiß, vielleicht lächelst du sogar ein bisschen dabei.

 

Simona H.

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