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Ich bin gestorben. Mehrfach. Ein erstes Mal im letzten Jahrhundert. Ich starb, wie man so stirbt. Ich hatte keine Lust mehr. Drum las ich, wie es wohl möglich wäre, sein Leben umstandslos zu beenden. Alles Nötige besorgte ich mir. Dann führte ich es aus in einem ausreichend unbeobachteten Moment. Den Mut musste ich zusammennehmen, doch um uns herum sind kulturelle Zeugnisse zu Todessehnsucht und Selbsttötungswunsch stets quirlig in Bewegung. Ich gewann Entschiedenheit und Klarheit, mich umgehend verscheiden lassen zu wollen. Dann ging es ganz leicht. Ich war weg. Unordnung setzte erst wieder ein, als andere sich bemühten, mich dem süßen Tod zu entreißen. Versaut und verschmiert war das alles, sie kreischten und wimmerten wild und sorgenvoll, ratlos. Sehr gut konnte ich sie verstehen, einerseits. Wäre ich nicht genauso entsprechend den Gepflogenheiten in Schrecken und Abwehr gewesen? Andererseits fand ich das merkwürdig und eigenartig: Warum musste es mir so befremdlich und schwer gemacht werden? Konnten wir einander es nicht einfach gestatten, so leichtherzig aus der Welt zu verschwinden, wie wir in sie geraten waren? Das wünsche ich mir. Ich erschrak darüber, wie sehr sich andere erschraken. Es erleichterte mich doch. Es ließ mich postum leben. Ich hatte ein Freispiel. Die Welt betrachtete ich nun mit Freude, Spiellust und Liebe; mit Genuss und deutlich leichter, als es mir jemals zuvor möglich war. Ich liebte es, gestorben zu sein. Nun war alles auf Abruf, vorläufig, ein Ausprobieren, Malsehen. Vermutlich liebte ich mich selbst auch dafür; aber dieser Ichstolz ist wohl eine Nebenwirkung. Da gibt es Schlimmeres. Das zweite Mal sterben war dann weniger nonchalant. Eine gewohnheitsmäßig anstehende Untersuchung brachte eine durchaus tödliche Krankheit zutage. Vor wenigen Jahren war dies. Umgehend wurde mir dann, zwei Tage nach der abendlichen Feststellung, der Kern dieser Erkrankung entfernt. Es begann eine mehrere Monate lange Heilung, die eine Reise hinab in das Selbstverschwinden umfasste. Just die Heilmittel waren es, die mir Schmerzen, Ermüdung und Schwächung beibrachten. Doch ich konnte, ich musste ja glücklich sein: in solchem halbbewussten, halbschläfrigen Dösen und Warten und Aushalten sollte es mir gelingen, wieder zu gesunden. Ich las; ich schlief; ich aß und schrieb. Und am Ende – so scheint es bis heute – wurden keinerlei Reste der tödlichen Wucherung mehr aufgefunden. Hier starb ich zum Zeitpunkt der ärztlichen Krankheitsfeststellung. Ich entschwand darin ein Stückchen mehr. Dieser Tod war ebenso deutlich erleichternd und entlastend. Das Restleben erschien mir mit einem Mal nur noch als eine unsicher fragliche Möglichkeit, eine amüsante Gelegenheit – nicht mehr als unausweigerlich zu bewältigende Tortur. Das machte mich froh. Konnte ich doch nun noch mehr wagen, noch mehr erfinden und in die Welt setzen. War es nicht so: Bei Menschenähnlichen ist Depression die Grundeinstellung. Ich aber hatte wieder ein Freispiel gewonnen. Wie schön.

Holger Schulze

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