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Es war im Sommer 2005, bei einem Besuch in Innsbruck. Die Großmutter meiner Freundin Julia lag im Krankenhaus. Die Ärzte gaben ihr noch ein paar Tage. Sie war verwirrt, hilflos wie ein Kind, bettelte ständig darum, nicht allein gelassen zu werden. An mich konnte sie sich, obwohl wir uns einige Male vorher begegnet waren, nicht erinnern, zeitweise vergaß sie ganz, wo sie war und was mit ihr los war. Mir machte die Situation Angst, deshalb hielt ich mich abseits, meist stand ich, wie ein Bauer beim Schach, schräg hinter Julia. Einmal merkte ich, dass die alte Frau mich offenbar mit Blicken suchte, zumindest reckte sie den Kopf und deutete in meine Richtung. Ich erwiderte ihren Blick und versuchte, freundlich zu lächeln. Plötzlich veränderte sich ihr Gesicht und sie zischte wütend: „Lach mi net aus!“ Ich erstarrte. Julias Mutter beruhigte sie und erklärte ihr noch einmal, wer ich war, aber die alte Frau schüttelte nur den Kopf über die erlittene Beleidigung. Ein Blick, den man nicht vergisst: hasserfüllt, verzweifelt, in tiefster Würde verletzt. „Er lacht mi aus!“, erklärte sie ihrer Tochter. Sie weinte. „Wer is der? Wer is der?“ Man tröstete sie. Eine Krankenschwester war da und wiegte, da keiner der Verwandten mehr als eine Hand der alten Frau ergreifen wollte, sich kurz mit ihr hin und her; solche Menschen gibt es. Über die Ellenbeuge des Krankenschwesterarms starrte sie mich an, hielt dem entsetzlichen Anblick stand, so lange sie konnte, dann presste sie ihre Augen gegen den Stoff. Ich bot an, rauszugehen, aber man hielt mich zurück und wiederholte die Sätze, die meine Anwesenheit erklären sollten. Nach dem Besuch gingen wir – ich weiß nicht mehr, weshalb – in den Hofgarten.

Es regnete ein wenig. Wir wanderten unter den finsteren Bäumen herum. Für einen Moment dachte ich tatsächlich: Sie wird es vielleicht noch einsehen, ihren Irrtum, sich erinnern, wer ich bin. Dummkopf.

Natürlich war dies das letzte Bild von mir, das sie mit ins Grab genommen hat: der fremde junge Begleiter, der sie in ihrem Todesmartyrium auslachte. Eine geisterhafte Erscheinung, unerklärlich, scheinbar von niemandem bemerkt, trat gleich hinter ihrer geliebten und sehnsüchtig erwarteten Enkelin ins Zimmer, mit heiterem, schadenfrohem Gesicht. Immer wieder versuchte sie, das Phantom mit Blicken zu verscheuchen. Als sie die anderen auf es hinwies, beruhigte man sie nur und hielt sie und schaukelte sie. Vielleicht würde jemand aus ihrer Familie endlich einsehen, dass hier ein Eindringling im Raum war, der ihr Angst machte. Aber niemand unternahm etwas, nicht einmal, als ihr die Tränen übers Gesicht rannen. Wenige Tage nach unserem Besuch starb sie.
Die Todeserzählungen der Weltliteratur sind voll von solchen Figuren: eine eigenartig flackernde weibliche Gestalt auf einem Hausdach, ein starrender Hund auf einer Kreuzung, ein Kind mit grünen Handschuhen, ein seltsamer kleiner Ballon, der über einen Parkplatz treibt. Boten des Jenseits. Sie erscheinen dem Todgeweihten und erinnern ihn daran, dass das Ende nahe ist. Jedem sind solche Bilder vertraut, aber wer würde es für möglich halten, einmal selbst eines zu sein? Doch an jenem Tag geschah genau dies: Ich war der Tod, der zur Tür hereinkam. Nach mir gab es keine Rettung mehr.

Clemens Setz

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