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Mutter probierte nach der Scheidung verschiedene Männer aus. Einer von ihnen saß eines Abends im Advent in unserer Dresdner Wohnung, er nannte sich Wolf und hielt eine brennende Wunderkerze in der Hand. Tags darauf brachte er mich in den Kindergarten. Bis heute bestreitet Mutter, dass sie je einen Wolf gekannt habe. Wenn ich an ihn zurückdenke, mischt sich Geborgenheit mit der Frage, ob er mich getötet hätte, wenn er wollte.
Ein anderer Mann wohnte am Stadtrand von Dresden in einem Haus mit einer riesigen Spinne im Keller und besaß einen Computer, an dem er mich und meinen Bruder spielen ließ, weil es ihn überforderte, uns zu beschäftigen. Das Spiel hieß Prince of Persia und unsere Unfähigkeit, den Prinzen korrekt zu lenken, führte diesen immer wieder in die gleichen Fallen: Er wurde aufgespießt, von Guillotinen zerteilt und brach sich das Genick, all das in unmissverständlicher rotoskopierter Darstellung. Das erlebten wir gemeinsam, sprachen dabei aber kaum ein Wort.
Mutter wollte immer, dass wir leben, besonders nachdem ihr nach der Geburt meines Bruders gesagt worden war, dieser würde vermutlich nicht alt werden. Ihr Wunsch, mir und vor allem ihm Normalität zuzumuten, Dinge, die lebendige Kinder tun, brachte uns immer in Situationen, die wir als lebensbedrohlich empfanden. Kuren, in denen man seine Angstkotze wegen zu engmaschiger Siebe mit den Fingern aus dem Waschbecken holen musste und Herbstferienlager politischer Parteien. Die Zeit kurz nach dem Tod der DDR war eine, in der zahlreiche Pädagogen geistig mitstarben, aber als Untote weiterarbeiteten. Hilflos, aber brutal. Du isst jetzt dein Essen. Hör auf zu weinen.
Im Herbstcamp der Falken, für den Transport war ein Busunternehmen mit dem Namen „Taeter Tours“ engagiert worden, gerieten A. und ich auf ein Zimmer mit drei anderen Jungs, die sich kannten und unsere nicht eingeplante Anwesenheit als Belästigung empfanden. Am ersten Tag kippten sie dem vor Heimweh sich dauerübergebenden Bruder Tee ins Bett, am zweiten versuchten sie, seine Nase zuzuleimen. Ich war verzweifelt und starr vor Entsetzen, besonders als sie mir die Freundschaft anboten, wenn ich ihn denn verriete. Vorher teilten sie mir jedoch mit, dass mein Bruder eine tödliche Krankheit und nur noch ein paar Tage zu leben habe. Ich glaubte ihnen alles. Der Betreuer war überfordert und ich sehe ihn noch immer vor mir, wie er im zur „Disko“ umgedeuteten Speisesaal ekstatisch tanzt, während ich an einem Tisch sitze und über den kommenden Tod meines Bruders nachdenke. In derselben Nacht zerlegten sie das Bett meines Bruders, um sich daraus eine Burg zu bauen. Mein Bruder schlief deshalb auf dem Gang und am nächsten Tag vor Erschöpfung im Bus weiter. Taeter Tours. Es war sicher alles nicht so gemeint.

Vi

 

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3

Media vita in morte sumus.

 

Freitag, 12. Juni 2009, 13.45 Uhr. Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs zu einem Hotel im Berliner Tiergarten, um den Veranstalter eines Kongresses, auf dem unser Unternehmen ausstellen wird, zu treffen. Kurz vor dem Ziel, am Kulturforum, vibriert das Mobiltelefon. Sitze ich auf dem Rad, kann es klingeln oder vibrieren, solange es will, nie würde ich auch nur auf die Idee kommen, auf dem Sattel sitzend nach dem Handy zu kramen. Niemals. Anrufer kann warten, bin eh gleich da und werde, falls erforderlich, zurückrufen. Noch heute, fünf Jahre später, vermag ich nicht zu sagen, was mich bewog, anzuhalten, um den Anruf doch entgegenzunehmen.

Meine Schwester, ein Jahr jünger als ich. Nicht gerade das, was man als die Lieblingsschwester bezeichnen würde, zu verbissen hatten wir in unserer Jugend um das bißchen Zuneigung der Eltern gekämpft. Meist gegen-, nicht miteinander.

„Dass du auch mal ans Telefon gehst!“

„Ach du bist’s, was gibt’s?“

„Hast du einen Moment Zeit?“

Meine natürliche Antwort wäre etwas in der Art „Du, im Moment bin ich in Eile, ich rufe zurück …“ gewesen, aber da mich meine Schwester, außer zu Weihnachten und zum Geburtstag, selten anrief, sagte ich:

„Selbstverständlich, mach’s nicht so spannend!“

„Bauchspeicheldrüsenkrebs. Ich werde meinen Fünfzigsten nicht mehr erleben, wahrscheinlich nicht einmal mehr Weihnachten.“

Bamm!

 

Donnerstag, 17.09.2009, bin zur Wahrnehmung mehrerer Geschäftstermine in Dahlem unterwegs. Anruf Mutter: „Es wird hohe Zeit, deine Schwester …“ Ich rufe eine Kollegin an und bitte sie, alle für den heutigen Tag vorgesehenen Termine abzusagen. Setze mich ins Auto und fahre los, 740 Kilometer. Um Stuttgart herum Feierabendverkehr mit den üblichen Begleiterscheinungen: Staus, Unfälle, kurzzeitige Autobahnsperrung, Umleitung. Gegen 20.30 Uhr Ankunft am Klinikum Schwarzwald-Baar. Im Laufschritt über den Parkplatz zum Eingang. Rauf zur Onkologie, durchatmen (man will ja Ruhe und Zuversicht ausstrahlen), anklopfen, eintreten. Am Krankenbett der Schwager und Mutter, beide, wie man sagt, gefasst. Im Bett die Schwester, eine stattliche Frau, nurmehr ein Schatten ihrer selbst. Zerbröselt. Schmerzmittelbetäubt und delirierend. Ich beuge mich zu ihr und flüstere ihr ins Ohr. Sie erkennt ihren „großen Bruder“, ein seliges Lächeln huscht über dieses grausam geschundene Gesicht, wir umarmen uns ein letztes Mal. Ein erstes Mal.

 

Freitag, 18.09.2009, 2.00 Uhr, im Haus des Schwagers: Anruf aus der Klinik, die Schwester habe es geschafft (als hätte sie auf dieses Ergebnis hin zugearbeitet). Wir eilen in die Klinik und finden die Schwester – erlöst. Der Schwager hält ihre linke Hand und spricht mit ihr. Mutter weint. Ich denke „Mist, das ist ungerecht!“ und danke dem Herrgott, der gerade die Schwester aus dem blühenden Leben gerissen hat, dafür, dass ich sie noch sehen konnte.

 

Fragen. Warum sie und nicht ich? Warum sie, die nie trank, nicht rauchte, mit ihrem Mann eine glückliche Beziehung führte, in einem Öko-Haus am Rande des Schwarzwalds wohnte und in ihrem Teilzeitjob nicht gerade herzinfarktgefährdet schien? Die optimistisch und voller Lebensfreude war, ferne Länder bereiste und mit Schlauchbooten reißende Flüsse befuhr. Die sich makrobiotisch ernährte und vegetarische Brotaufstriche aß. Ich habe mich damit abgefunden, auf diese Fragen keine Antworten zu finden. Man nennt es Leben. Der Tod gehört von Geburt an dazu.

 

Michael Brielmaier

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