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Ich fahre schnell. Rollsplitt spritzt unter den rutschenden Reifen. Ich werde fallen.

Vor den Augen wieder: Der Mann fällt aufs Gleis. Die U-Bahn bremst sachte. Der Mann versucht, aufzustehen. Stolpert. Die U-Bahn rollt auf ihn zu. So quälend langsam. Er wirft sich zur Seite. Wir rollen in Zeitlupe weiter, als gehöre alles so, als sei das hier geplant. Ich denke »bremsen«, nur dieses eine Wort, und die üblichen Muskeln ziehen unwillkürlich die nicht vorhandene Bremse. Wir sind schon so langsam, gleich werden wir stehen, gleich, aber nicht gleich genug; steh doch auf da unten, bitte. Ein dumpfer Schlag, ein leichter Stoß unter den Fußsohlen nur – weniger, als wenn ein Auto über einen Kanaldeckel fährt; mehr wie das Abrollen beim Gehen mit einer Falte im Socken. So viele Tonnen Stahls, erschüttert durch weiches Fleisch und hohle Knochen. Dann ist alles ruhig.

Aufhören zu bremsen, die Reifen greifen wieder. Es geht steil bergab, viel zu schnell kommt die Kurve näher.

Überall, jederzeit: Dieser Laster kommt bestimmt von der Straße ab. Der Kran wird über mir seine Last verlieren, ich ziehe den Kopf ein. Gleich wird das Stahlseil der Brücke reißen. Jemand schubst mich vom Bahnsteig, wenn ich zu nahe stehe. Wenn nicht diesmal, dann morgen, in fünf Minuten.

Sie sagen, man könne das Leben mehr schätzen nach solchen Ereignissen.

Ich bin noch zu schnell, ich werde fallen. Jetzt. Nicht in fünf Minuten. Sich in die Kurve legen, den Lenker loslassen und sich abstoßen, sich schlitternd seitlich aufreißen. Oder gerade in die Bankette und über das Vorderrad ins Gebüsch absteigen; vielleicht, vielleicht nicht mit dem Kopf auf einen Stein (einen Helm tragen hieße nachzugeben). Es kommen sehen, aber nicht mehr verhindern können: zerfetzte Glieder. Der Schädel Matsch. Diesmal ich.

Sie sagen, man könne das Leben mehr schätzen nach solchen Ereignissen. Das ist falsch. Ich klammere mich daran.

Ich entscheide mich, kühl, ohne Zögern. Ich halte auf das Gebüsch zu, nehme die Kurve zu groß, um weicher zu fallen; auf Gras statt auf Stein. Ich falle sofort, schlittere, zu schnell für viel Schmerz.

Diesmal also noch nicht.

 

Gerle Tröger

 

 

 

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5

Nachts über die Landstraße fahren, morgens hunderte Insekten von der Windschutzscheibe kratzen, von den Scheinwerfern, vom Lack, mit dem Insektenschwamm, einem Block aus rauhem Plastik, getunkt in graues Wasser. Von den meisten Organismen bleibt nur ein Fleck Körperflüssigkeit, meistens gelb, selten rot, aus dem Chitinpanzerreste und einzelne Flügel abstehen. An den heißen Stellen der Motorhaube verbacken diese Reste zu weißen Krusten, die kaum abzureiben sind. Das Licht zieht sie an, Mücken und Fliegen, nicht nur sie, auch die viel größeren Tiere, die am Straßenrand liegen, die gebrochenen Augen als falsche Reflektoren strahlend, den Verkehr in die Irre führend, erst in den Graben, dann ins Feld. Dort liegt ein Geländewagen, vom Überschlag aufs Dach gedreht, vor ihm steht ein Mann in der Furche, in den Lichtkegeln schwankend, ich rufe ihn heran, er kommt, stolpert, fängt sich, geht weiter, durch die Insektenwolke vor meinen Scheinwerfern, steigt ein. Er riecht nach Erde. „Nichts passiert.“ Wir könnten ins Krankenhaus fahren. „Nein. Nach Hause.“ Wirklich? „Nach Hause! Alles in Ordnung.“ Sein Haus liegt am Rand des übernächsten Dorfs, er steigt aus, patscht mit seiner Hand auf den Lichtschalter am Eingang, die Motten kommen, umflattern die Energiesparlampe. Die Tür fällt hinter ihm von selbst ins Schloss.

Dr. Hans Mordt

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