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Vor kurzem passierte mir etwas Merkwürdiges. Ich bekam eine Lebensversicherung ausbezahlt. Das heißt, ich hatte die Wette mit dem Versicherer verloren. Wäre ich vorher gestorben, hätte sich das Sparen gelohnt.

Mein Versicherer wollte mir statt der angesparten Summe eine monatliche Rente bis an mein Lebensende zahlen. Das Motiv ist durchsichtig. Die Versicherung wollte noch mal gewinnen, und jetzt stehen die Chancen für sie noch günstiger. Indem ich die Versicherungssumme durch die monatliche Rente teile, kann ich berechnen, wie lang ich nach Meinung meiner Versicherung noch zu leben habe. Sagen wir es so: Ein in den USA frisch zum Tode Verurteilter hat eine längere Lebenserwartung.

Mittlerweile merke ich, wie ich selbst zu rechnen beginne. Kann ich mir einen Hund anschaffen? Oder wird mich das Viech überleben und einsam sein? Lohnt es sich, eine neue Küche zu kaufen? Ein Auto? Wie oft werde ich mein Haus noch streichen müssen? Die statistische Haltbarkeit meines neuen Implantats übersteigt meine sonstige Haltbarkeit erheblich. Ist dasberuhigend? Ich gehe nicht gern zum Zahnarzt. Aber lieber der Zahnarzt als das Nichts.

Man glaubt zwar nicht wirklich an den eigenen Tod, aber alle anderen rechnen damit. Man sieht es hinter den Augen des Bankberaters rattern, wenn er mit mir über einen Kredit verhandelt und wie nebenbei fragt, ob ich Kinder habe. Also Erben, die belangt werden können.

Die Jahreszeiten kommen und gehen. Früher war das egal, jetzt kann ich berechnen, wie oft ich den Frühling erleben werde. Alles wird zählbar plötzlich. Und man muss nicht lange zählen.

Die einzige Post, die ich von der Gewerkschaft bekomme, ist das Angebot einer Gruppen-Sterbegeldversicherung. Früher habe ich mich darüber lustig gemacht, jetzt ertappe ich mich dabei, wie ich die Konditionen durchlese. Sie sind erstaunlich günstig. Ich sollte so eine Versicherung abschließen. Diesmal gewinne ich vielleicht. Nein, wahrscheinlich.


Alan Posener

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