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Als unser kleinwüchsiges Meerschweinchen nicht mehr konnte, trotz Astronautennahrung immer schwächer wurde, aber stehenblieb. Als es schließlich sein Kinn auf den Boden stützen musste und dann schließlich umfiel und starb – das war meine erste bewusste Begegnung mit dem Tod.

Als meine Großeltern von uns gingen, nach und nach, über einen Zeitraum von sieben Jahren. Darauf war ich vorbereitet, damit rechnet man. Dass die Großeltern zuerst gehen.

Als erst die Mutter und dann die Schwiegermutter meiner besten Freundin starb. Viel zu früh und doch – eine Generation über uns, die gehen vor uns.

Als Marion starb und wir sie monatelang hatten kämpfen sehen. Jemand aus meiner eigenen Generation.

Als das herzkranke Gastkind aus Afghanistan zu uns kam und gerettet wurde. Als ich es an der Schleuse zum OP abgeben musste und mir sicher war, dass alles gut wird – und mehr geheult habe als bei jedem Todesfall, den ich bis dahin erlebt hatte.

Als mir hinterher gesagt wurde, dass es in den nächsten Monaten gestorben wäre.

Als ich den gesunden Jungen wieder nach Afghanistan zurückschicken musste und seitdem bei jeder Schreckensmeldung aus diesem Land Angst um ihn habe.

Der Tod hat viele Gesichter. Am gemeinsten sieht er aus, wenn er um die Ecke lugt. Wenn er dann da ist, verliert er seinen Schrecken. Es ist traurig, jemanden gehen zu lassen. Traurig für diejenigen, die zurückbleiben. Sie haben Angst vor dem Alleinsein, Angst vor dem Vergessen. Geliebte Menschen vergisst man nicht. Die optische Erinnerung wird schwächer, aber das Gefühl, das diese Menschen einem zu geben vermochten, bleibt.
Der Tod macht aus einer vollkommenen Liebe eine unerfüllte. Eine Liebe, die ins Leere geht. Doch das Gefühl bleibt. Ich denke gern an die Menschen, die ich verloren habe und ich finde es schade, dass sie nicht mehr da sind. Auch nach all den Jahren. Und ich bin froh, dass ich sie kennen durfte. Geht meine Liebe ins Leere? Ist das überhaupt noch Liebe? Ich weiß es nicht. Aber es ist ein gutes Gefühl.

 

„Wir sind abgängig“, sagte meine Großmutter mit Anfang achtzig.

„Die Einschläge kommen näher“, sagt mein siebzigjähriger Vater.

„Als ich noch tot war, …“, sagt mein vierjähriger Sohn über die Zeit vor seiner Geburt.

 

Gesa Füßle

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