129

Anmerkung: Jene, die die Priester, die Familien, die Raben und die Reden an den Gräbern kennen, werden trotzdem nichts vom Hindergrund wissen: vom Wind, der durch die frischgepflügten Ackerfurchen und die Schädel pfeift, der über die Tundra rast und jene Kälte bringt, die die Atemzüge der vielen, vielen Montagskinder von übermorgen als Nebelschwaden, deren Existenz sich an der von Regenwolken Sekunde für Stunde bemisst, verifizieren.

Warum dämmert es früher heute?
Gestorben ist mir niemand, oder?
Die, die diesen Friedhof kennen, wissen, wie riesig er ist und dass jeder, der jemals starb, hier tot liegen könnte. Da mir aber bisher niemand gestorben ist, kann mir das egal sein, und singend hüpfe und tanze ich zwischen den Steinen.

Gestorben sind mir bisher keine:
Weder jagen Wölfe Märchenkinder
in den tiefen Wäldern,
noch sticht’s ins Herz nach viel Champagner
oben im Hoteldoppelzimmer.
Lorbeeren will ich dafür keine.
Die neuen Toten sind nicht meine.

Und wieder der unwiderstehliche Sog der Dunkelheit, der mich, zwischen Feld und Friedhof, auf die kleine Straße meiner Kindheit, zu deinem Laden, wo mein erster Einkauf in Tränen endete, hinzieht. Einkaufen will ich noch einmal bei dir, die du damals (eine Zeit von Sahnebonbons, so groß, dass meine kleinen Hände keine zwei davon halten konnten) deine Milch im Glanz von warzengroßen Aludeckeln„versiegelt hieltst.

Kennst du mich überhaupt noch? Auf der Straße treffen wir uns nie und wenn du tagsüber vorbeikommst, schlafe ich. Wenn ich zum Einkaufen losgeh, legst du schon die Zeitungen zurecht und stellst Milch und Bier in den Kühlschrank.

Damals trankst du Alkohol
Warst ein blasses Mädchen wohl
Merkst, dein Bauch ist nicht mehr hohl
Schwangerschaft, sagt dein Gefühl
Warst ein blasses Mädchen wohl
Damals trankst du Alkohol

Die Tür ist noch zu, wenn ich ankomme. Aus deinem offenen Mund, aus dem Schatten des Hindergrunds, spricht Angst. Ich bin die halbe Nacht gelaufen, um zu dir zu kommen. Sei bitte nicht so. Mach auf und komm nach draußen. Nimm die Münzen und leg mir Milchdeckel auf meine Augen. Wir sind Familie.

Warum dämmert es früher heute?
Geboren ist mir niemand, oder?
Nein. Der Sog ergreift mich wieder, dort im Hindergrund – unwiderstehlich – und reißt mich die Straße entlang, weg von den ersten Sonnenstrahlen zwischen Feld und Friedhof, zwischen Steinen, treibt mich durch Furchen, durch Gräber, zu den knöchernen Wänden eines Schädels in dessen Augenhöhlen die Münzen noch ruhen.

Joseph Given

 

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128

Es war einmal ein Mädchen, das war allein. Es war allein in einem großen Haus. Die Eltern kannte es nicht mehr. Sie lebten wohl noch und schrieben anderen. Doch wennfalls der Vater plötzlich durch den offenen Kamin rauschen würde, oder die Mutter im Keller hurtig röchelnd herumkröche, das Mädchen wüsste nicht, wer das wohl wäre.
Nun war es ein erstaunlich heißer Karfreitag und das Mädchen durfte nicht mal mehr tanzen und es lag so vor sich, spielte auf seinen Geräten und draußen wehte ein lauer, stetiger Wind.
In der offenen Küche fiel plötzlich etwas zu Boden. Im Keller ging das Licht an und die Kellertür auf.
Und es wurde merkwürdig warm. Das Mädchen lag auf einer legendären Couch, die Verandatür war offen.
In den schönen Hecken war etwas. Nicht dass es es sehen konnte, es wusste einfach, dass da etwas war, oder einer. Und es schien ihm, als ob oben, in den Schlafzimmern etwas sehr, sehr Schweres und unendlich Trauriges über die abgezogenen Dielen geschleift würde.
Das Mädchen war voller Freude, lief glatt hinaus in die Hecken und packte den Schemen direkt beherzt bei den Augen, schrie mit ihm sein letztes Lied und stopfte ihm allen Dreck und Boden und Heckenstecken in den Hals, bis er verstummte. Es war nicht still. Im Keller waren 18 dunkle Kleine, die auf irrwitzig winzigen Hufen die steile Treppe hochtrabten und aus verfetzten, staubigen Streicheltiermündern chorisch ein gottloses Muuuhhh flüsterten. Das Mädchen schrie in die Brust und holte das Feuer und machte den Herd an und nahm jedes einzelne Kleine ganz quick und quetschte das Schöne raus und warf es unter ihre Füße und trampelte rum und zündete alles an und schämte sich, weil es eigentlich wusste, wer sie waren – die Kleinen. Nun brach die Decke und es quollen wollene Schafsaugen von oben herab und aschfahle Ohren erhoben sich an den Nisseln der Lider der Verbrannten und horchten jetzt lauernd, was wohl das Mädchen sagen würde. Das Mädchen ging nun nach oben, sprang selbst durch die Decke und brach sich zwei Beine und lag alleine im Zimmer vor der Verandatür und es war erstaunlich heiß für einen Karfreitag und weil es noch nicht wusste, dass Beine so schön sind, scherte es sich nicht weiter um den Schmerz und kroch durch die Verandatür zurück hinein in die Hecken und da lag es und war nicht mehr so ganz allein, denn es hatte getötet – den Schemen, die Kleinen und die wahren Waren, die waren von nun an immer bei ihm und dennoch musste es verhungern. Aber das war ihm egal und klar war, dass sein Steckenpferd nicht fliegen konnte.

Muuuuhh Mumm, Mimmi, sag mal hey.
Deine Stimme kenn ich. Barbaross Day.
Komm will singen. Bin kein Vieh.
Frag die Toten.
Lieber Nie.

Kann kaum tanzen,
aber besser als die,
Muuuh Mumm, Mimmi
Sag mal Hey.

Töte jeden, den ich nicht kenn.
Weiss von allen.
Wenn ich mich schäm.

Liebe dennoch.
Wirklich nichts.
Doch auch das,
Gefällt mir gut.
Mumuuu Mimmi. Sag mal …… Buuuhhhhh.

 

Andreas Schwarz

 

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127

Mutter probierte nach der Scheidung verschiedene Männer aus. Einer von ihnen saß eines Abends im Advent in unserer Dresdner Wohnung, er nannte sich Wolf und hielt eine brennende Wunderkerze in der Hand. Tags darauf brachte er mich in den Kindergarten. Bis heute bestreitet Mutter, dass sie je einen Wolf gekannt habe. Wenn ich an ihn zurückdenke, mischt sich Geborgenheit mit der Frage, ob er mich getötet hätte, wenn er wollte.
Ein anderer Mann wohnte am Stadtrand von Dresden in einem Haus mit einer riesigen Spinne im Keller und besaß einen Computer, an dem er mich und meinen Bruder spielen ließ, weil es ihn überforderte, uns zu beschäftigen. Das Spiel hieß Prince of Persia und unsere Unfähigkeit, den Prinzen korrekt zu lenken, führte diesen immer wieder in die gleichen Fallen: Er wurde aufgespießt, von Guillotinen zerteilt und brach sich das Genick, all das in unmissverständlicher rotoskopierter Darstellung. Das erlebten wir gemeinsam, sprachen dabei aber kaum ein Wort.
Mutter wollte immer, dass wir leben, besonders nachdem ihr nach der Geburt meines Bruders gesagt worden war, dieser würde vermutlich nicht alt werden. Ihr Wunsch, mir und vor allem ihm Normalität zuzumuten, Dinge, die lebendige Kinder tun, brachte uns immer in Situationen, die wir als lebensbedrohlich empfanden. Kuren, in denen man seine Angstkotze wegen zu engmaschiger Siebe mit den Fingern aus dem Waschbecken holen musste und Herbstferienlager politischer Parteien. Die Zeit kurz nach dem Tod der DDR war eine, in der zahlreiche Pädagogen geistig mitstarben, aber als Untote weiterarbeiteten. Hilflos, aber brutal. Du isst jetzt dein Essen. Hör auf zu weinen.
Im Herbstcamp der Falken, für den Transport war ein Busunternehmen mit dem Namen „Taeter Tours“ engagiert worden, gerieten A. und ich auf ein Zimmer mit drei anderen Jungs, die sich kannten und unsere nicht eingeplante Anwesenheit als Belästigung empfanden. Am ersten Tag kippten sie dem vor Heimweh sich dauerübergebenden Bruder Tee ins Bett, am zweiten versuchten sie, seine Nase zuzuleimen. Ich war verzweifelt und starr vor Entsetzen, besonders als sie mir die Freundschaft anboten, wenn ich ihn denn verriete. Vorher teilten sie mir jedoch mit, dass mein Bruder eine tödliche Krankheit und nur noch ein paar Tage zu leben habe. Ich glaubte ihnen alles. Der Betreuer war überfordert und ich sehe ihn noch immer vor mir, wie er im zur „Disko“ umgedeuteten Speisesaal ekstatisch tanzt, während ich an einem Tisch sitze und über den kommenden Tod meines Bruders nachdenke. In derselben Nacht zerlegten sie das Bett meines Bruders, um sich daraus eine Burg zu bauen. Mein Bruder schlief deshalb auf dem Gang und am nächsten Tag vor Erschöpfung im Bus weiter. Taeter Tours. Es war sicher alles nicht so gemeint.

Vi

 

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126

Gestern hat sich neben mich Herr Tod gesetzt
gewährte einen Blick in seine Karten
zerfetzter Seele Augen kurz benetzt
überall werd ich von nun an ihn erwarten
werd was ich bisher nur wollte tun im Jetzt
werde ehren jede Zeit
nie verschwenden
leben was noch bleibt

Raphael Voss

 

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125

„Mama ruft an“ meldet mein Handy, und für einen winzigen Moment bin ich tief erschrocken, denn Mama ist vor sieben Monaten gestorben.
Mama? Von wo sprichst du?
Natürlich sage ich das nicht, denn es ist Papa, der anruft, und das hat er offenbar seit sieben Monaten nicht getan. Fürs Telefon war immer Mama zuständig, darum steht da auch nicht „Eltern“ oder „zu Hause“ oder „Mama und Papa“.
Papa telefoniert nur, wenn es wirklich wichtig ist, und auch dann sehr rationiert. Als Mama damals ins Krankenhaus kam, fand er es vernünftig, erst die Operation abzuwarten und die Meinung der Ärzte zu hören, bevor er uns Kinder informiert. Panik machen liegt ihm nicht.
Wir erfahren, was geschehen ist und jetzt passieren muss und versuchen, uns auf die Veränderung einzurichten. Es wird schwierig, aber wir schaffen es.
Das letzte halbe Jahr ihres Lebens verbringt Mama im Pflegebett und wird immer weniger. Verliert nach und nach Sprache, Kontrolle, Gedächtnis, Motorik, verliert bis zum Schluss nicht ihr erfreutes Strahlen, sobald einer von uns sich über sie beugt und in ihrem Gesichtsfeld erscheint.
Wir wissen, dass sie nicht mehr lange leben wird.
Freitag abends ruft Papa an. Wärend ich noch heiter so tun möchte, als wäre nichts geschehen. Aber das Bett im Schlafzimmer ist leer, Mama ist weg, liegt im Sarg aufgebahrt in der Leichenhalle.
Es ist viel los, ein Kommen und Gehen: Cousins und Kusinen, Tanten und Onkel, Nachbarn und Freunde, Pastor, Bestatter und Postbote, wir kommen nicht zur Ruhe, und das ist auch gut so.
Still wird es erst nach der Beerdigung.
Ich mache die Wäsche, wie immer seit sie krank ist, und dann, mit einem ordentlichen kleinen Stapel ihrer Pyjamas in der Hand, weiß ich plötzlich nicht mehr weiter.
Der Tod – zu groß für meinen Verstand. Aber Pyjamas, die Mama nie mehr tragen wird – es ist ganz sinnlos, sie wieder sorgfältig in den Schrank zu legen, aber ich mache es trotzdem und weiß, dass es das letzte Mal ist.
Andere letzte Male kommen.
Der Schnabelbecher. Ihre Brille. Unvollendete Handarbeiten.
Dann erste Male: Ein Familienfest, für das ich die Marzipantorte backe. Ein Ausflug. Und schließlich dieser Anruf von Papa, der kein Unglück meldet.
Ich ändere den Eintrag im Telefon.
Wenn ich demnächst „Papa ruft an“ lese, wird es ein anderer Schreck sein.

 

Martina Minette Dreier

 

 

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124

1
Ich liege im Krankenhausbett. Zwei mal ein Meter. Die Streifen auf der Decke. Blau. Blau. Gelb. Gelb. Gelb. Gelb. Gelb. Blau. Blau. Der Blick streift die Wolken. Eine Mineralwasserflasche auf dem Tisch. Die Pupillen folgen den Bläschen darin. Die großen lösen sich langsam und zwirbeln dann tanzend an die Oberfläche. Dann sind sie weg. Eine Stunde. Zwei vielleicht. Dann darf der Blick zum Baum im Garten wandern. Den Turmfalken folgen. Oder den Krähen. Nichts sein. Steinern. Warten.

2
Aus. Halten. Los. Lassen. Will. Kommen. Da. Nichtmehrsein. Aus. Halten. Aus. Halten.

3
Schmerzenskörper. Ohnemacht. Atemmissen. Atmenmüssen. Gedankenrasen. Leere. Leere. Weiter. Schmerzensraum. Halten. Gehaltenwerden. Suchen. Nichtfinden. Atmen. Schlafflucht. Nichtfinden. Nie wieder finden. Allein. Allein. Mond.

4
Ich liege im Krankenhausbett. Zwei mal ein Meter. Die Streifen auf der Decke. Blau. Blau. Gelb. Gelb. Gelb. Gelb. Gelb. Blau. Blau. Ich müsse essen. Der Blick streift die Wolken. Allesamt sehen sie aus wie Du, Luna, schönstes aller Wesen. Eine Mineralwasserflasche auf dem Tisch. Die Pupillen folgen den Bläschen darin. Die großen lösen sich langsam und zwirbeln dann tanzend an die Oberfläche. Dann sind sie weg. Eine Stunde. Zwei vielleicht. Ich müsse atmen. Dann darf der Blick zum Baum im Garten wandern. Den Turmfalken folgen. Oder den Krähen. Nichts sein. Steinern. Der Mond geht auf.

 

Ruth Hundsdoerfer

 

 

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123

Nicht, dass ich es eilig hätte – ganz im Gegenteil. Aber irgendwann kommt die letzte Stunde und damit es dann keine Mißverständnisse gibt oder gar Streitereien um dunkles Holz und teure Messingbeschläge, um seidene Kopfkissen oder preiswerte Varianten aus Kiefernimitat, damit also niemand sagen kann: „Wenn wir das nur früher gewußt hätten!“, hier eine verbindliche Anleitung für euch:

Ich möchte in einem Schokoladensarg beerdigt werden.

Es muß dunkelglänzende Zartbitter-Schokolade sein. Nicht Vollmilch-Nuss-, nicht Kinderschokolade oder noch schlimmer Schokolade mit Erdbeerjoghurtfüllung. Auf gar keinen Fall kalorienreduzierte Diätschokolade.
Die Wände müßen natürlich schon stabil sein, der Boden soll sich schließlich nicht gleich peinlich durchbiegen bei meinem letzten Mahl.
Außen am Schokosarg sollen Trüffel kleben. Abwechselnd helle Champagnertrüffel mit sahnigperlender Füllung und pechschwarze Herrentrüffel mit cremigem Espressoschaum. Auf dem Deckel soll der Konditormeister die komplette Palette schokoladiger Geschmacksrichtungen platzieren: von „Chilipfefferschar“ bis „Extradoppeltsüß“. Und meinen vollständigen Vor- und Zunamen möchte ich aus russischem Brot mit Puderzucker aufgeklebt wissen. Das könnten vielleicht meine Enkelkinder übernehmen, wir buken ja immer so gern zusammen. Kunstvolle Ornamente aus Cognacbohnen runden das geschmackvolle Bild ab. Ein kleiner Schokoladenbrunnen plätschert am Fußende. Dort hinein tunkt ihr dann frische Früchte – je nach Jahreszeit Erdbeeren oder Mandarinenstückchen –, laßt euch alles langsam auf der Zunge zergehen.
Könnte ich noch, würde ich euch füttern.

Von innen soll mein Sarg ebenfalls geschmackvoll eingerichtet sein.
Ein Kopfkissen aus Luftschokolade, eine Decke aus fein gesponnenem Zucker mit Rosen aus Marzipan, und zwischen die Zehen stopft mir bitte Geleebananen. Über meinem Körper hängen blutrote Kirschen, hauchdünne Pfefferminztäfelchen und bunte Fruchtgummischlangen. Auf meine Wangen tropft dickflüssiger Türkischer Honig, betörend duftendes Karamel kriecht mir in die Mundwinkel.
Jeder darf lecken, lutschen und knabbern am Sarg. Aber kommt mir dabei nicht zu nahe, ihr wißt, ich mag das dann nicht mehr.
Mein Leben soll sinnlich beschlossen werden, ich möchte einen guten Geschmack hinterlassen.
Und wird der Sarg schließlich versenkt in die einsame Erde, sprüht mir letzte Grüße mit Sahne hinterher.
Wenn ich dann so gemütlich und in aller Seelenruhe genüßlich vor mich hinmodere, werden Würmer, Käfer und fette Larven sich voller Begeisterung auf meine nahrhafte Hülle stürzen. In Windeseile wird sich in Untererde herumsprechen: Hier ist der süße Tod begraben.

Auguste von Blau

 

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291

ich sterbe gerade jetzt. man sieht es nicht. ich atme, ich sehe die Dinge klar. bald werden wir unsere Decke zusammenrollen und davongehen. ich werde dann noch ein wenig gestorbener sein. es ist 14 Uhr, après-midi. man riecht Autoabgase, Brot, das stinkende Wasser der Seine. es stinkt, als würde der Luftdruck sich verändern. du weißt, dann regnet es bald. atme tief ein, Kanalgestank. morgen bleiben wir im Hotel, den ganzen Tag.

bald ist es ein Jahr her, da sagte ich dir, ich würde bald sterben. du hast mich lange und so ganz eigentümlich angesehen. dein Blick verriet: du dachtest an deinen toten Hund. du hast dich an das Gefühl erinnert. an den Moment, an den Schnitt in der Realität. zwei Wochen lang gingst du apathisch durch eine völlig neue Welt. ich weiß noch, wie das bei meinem Hund war. der Tierarzt prognostizierte ein natürliches Organversagen, es läge an uns, dem Hund das Leiden zu ersparen. meine Mutter war bei mir, einer musste es aussprechen. ich gab schließlich den Befehl, meinen Hund töten zu lassen. und der letzte Herzschlag unter meiner Hand. das geht nie mehr weg von mir.

als ich mich entschied, dich nach Paris mitzunehmen, lud ich dir die Last auf, mich bis an meinen Moment

ich darf bestimmen. auf diesem Trip bestimme ich das Tempo. du bist völlig leer und offen, du bist eine breite Schale, die ich mit mir herumtrage. das Licht fällt in dich, der Schall der Stadt prallt an deine Seiten, du bist voll mit Klang. morgen wird es regnen, wir bleiben im Hotelzimmer, wir essen Brot und Käse und Trauben, wir trinken Wein, wir lassen einen französischen Trash-TV-Sender laufen, dazu lieben wir uns, auf den Baguettekrümeln, verstehst du, ich wollte dir das zeigen. in einem Jahr wirst du sagen: vor einem Jahr war ich mit Annemarie in Paris.

der Moment, in dem du gewaltsam geöffnet wirst, ohne dich dagegen wehren zu können. ich liege im Bett, du sitzt an der Seite, die Ärzte sagen, dass es soweit ist. alles stiert auf einen Fluchtpunkt, der plötzlich rasant näher rückt. du hast das schon so oft gesehen, im Fernsehen. und weißt du noch, als dein Hund starb? nichts konnte dich darauf vorbereiten. es entsteht ein Bild in dir, das alle anderen Bilder vernichtet. du, in diesem Raum, mit mir. all die Szenen aus Filmen und Büchern, in denen ein Mensch im Sterben liegt. sie alle sind plötzlich nicht mehr existent, denn nichts davon ist jemals bedeutsam gewesen. alles, was nicht echt und nicht bedeutsam war, alles Erdachte, Inszenierte, alles verdampft angesichts der Konturschärfe, der sengenden Klarheit des Jetzt. von nun an keine Einhörner, keine sprechenden Bäume, nichts dergleichen mehr. das einzige fiktive Wesen, das einzige, woran du fortan glauben wirst, das werde ich sein. eingebrannt in dir, für immer, in dieser einen Szene, an einem Ort mit einer Weggabelung. dies ist ein Übertritt und ein Verfehlen, das du für immer auf- und ablaufen lassen wirst, immer und immer wieder, in dir werde ich ewig sterben. das und weißt du noch, Paris? das geht nie mehr weg von dir.

 

 

Ianina Ilitcheva

 

 

 

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122

Tabletten. Papa telefoniert. Ich bin sechs und noch auf dieser Welt. Die unbekannten Tabletten und die ferne Oma sind es nicht mehr. Niemand sieht mich hier stehen, hören, begreifen. Sie sehen nur das, was ihnen am Telefon gesagt wird. In der weit entfernten Wohnung von Opa und Oma ist jetzt nur noch ein Opa und keine Oma mehr und das hat etwas mit Tabletten zu tun.

Eine Woche lang wohne ich bei einer Freundin. Meine Eltern sind fort. Ohne mich. Ich bin zu klein für eine Beerdigung. Ich bin zu klein, um alleine trauern zu können, aber schon so groß, dass das keiner merkt. Mit meiner Schulter ist etwas. Sie tut mir weh. Die fremde Mutter sticht mit einer Nadel hinein. Teersalbengeruch an meinem Geburtstag. Nach ein paar Tagen gehöre ich wieder zu meiner Familie. Ich soll in mein Bett, will aber ohne Schlafanzug nicht hinein und in den kann ich nicht, weil mein Arm sich nicht bewegen lässt. Will meinen Eltern keine Last sein. Still auf der Bettkante sitzen und warten. Entdeckt werden. Krankenhaus. Die Entscheidung zwischen Vollnarkose mit Krankenhausübernachtung und einer örtlichen Betäubung ist leicht. Ein dunkelblaues muffiges Tuch über mir. Darin ein Loch, eine Schulter, eine Spritze, ein Schnitt, eine Nadel, ein Faden. Fertig. Wieder zu Hause. Jetzt darf ich. Ich lasse mich und meine ersten Tränen ins Kopfkissen fallen.

Nun mein bester Mensch. Der Anruf ist noch nicht beendet, da weiß ich es schon und laufe hinaus. Sitze unter leeren Kastanienbäumen. Solange ich weg bin, ist Opa nicht tot. Noch hat es mir niemand gesagt. Da waren ein Telefonhörer, das Gesicht eines Mannes, das seinen Papa verloren hat, und Beine, die mich forttrugen. Es ist kalt. Ich warte, bis ich größer bin und gehe zurück. Krebs. Sie wollten kein Kummerkind und haben verschwiegen. Was ich zuvor belauscht habe, behalte ich für mich. Ich bin elf Jahre alt und kenne kein selbstbestimmtes Sterben. Keine Sterbehilfe. Aber ich versuche zu verstehen und beobachte den Sohn, der vom Krankenhaus vor die Wahl gestellt worden ist. In Opas Zimmer war Besuch und als der ging, ging auch der Opa. Wenn Sie keine Fragen stellen, ist er seinem Krebsleiden erlegen. Fragen Sie, ist alles anders und amtlich. Mein Vater ist riesengroß. Er fragt nicht. Er ist wie mein bester Mensch. Ein Beschützer. Denn auch der geht nicht einfach so von mir fort. Steige ich aus dem Schulbus, sehe ich ihn mit dem Rücken zu mir die Straße entlanglaufen. Er ist es nicht. Ist es doch. Tag für Tag geht er für mich. Eines Mittags blicke ich ihm nach, bis er hinter einer Kurve verschwindet, und lasse ihn ziehen. Der Faden zwischen uns spannt sich und zerspringt.

Er geht zur Bushaltestelle. Will die Straße überqueren. Ein Knall. Blaulicht. Auf dem Asphalt eine gelbe Einkaufstasche. Die Ärzte können die Blutungen nicht stoppen und sagen, dass er sterben wird. Zeugen gibt es nicht. Samstag, 11:41 Uhr. Ich war bis fünf Uhr morgens in der Disko. Der Anruf hat mich geweckt. Solange er operiert wird, soll ich zu Hause bleiben und warten. Das Telefon klingelt. Ein Freund, den ich liebe oder nur sehr mag oder lieben könnte, wenn er mich lieben würde, ist seit einer Woche verschwunden. Ist er bei mir? Nein, bei mir ist keiner. Selbst ich bin nur als Floh hier, so klein. Ich muss wachsen. Warten. Größer werden. So wie ich jetzt bin, kann ich nicht bleiben.

Der eine taucht wieder auf, der andere treibt auf der Wasseroberfläche und geht nach vier Monaten unter.

Scherze auf der Intensivstation. Aus lachenden Augen die Werte auf dem Monitor checken. Normal sein. Blut in Beuteln. Oben läuft es rein, unten wieder raus. Ein nicht gelähmter Körper, der sich nicht bewegen will. Augen, die mich ausdruckslos ansehen. Ein nahes Gesicht, das mir plötzlich ganz fremd ist. Das weint, weint, weint. So viele Tränen habe ich noch nie gesehen. Ein Schnitt. Er könnte nun sprechen und gibt weiterhin keinen Laut von sich. Das Nichtwissen bleibt. Nicht wissen, ob er versteht, uns erkennt, ob er leben oder sterben will. Kann ich Sterbebegleitung? Ich nicke.

Allein mit mir zerfalle ich, erbreche mich nach jedem Krankenhausbesuch, gehe frierend ins Bett, zittere meine Augen zu. Dann geht meine Zimmertür auf und er kommt herein. Er steht an meinem Bett, blickt auf mein schlafendes Ich und die Lungenmaschine pumpt. Luft rein. Luft raus. Luft rein. Luft raus.

Aus.
Drei Nächte lang trinken, drei Nächte lang irgendwen küssen.

Sie ist krank.
Ich muss das übrig gebliebene Kind sein können.
Wir wanken lauschend durch die Tage, leben drüber, drunter, mittendrin.

 

W.

 

 

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Ich fahre schnell. Rollsplitt spritzt unter den rutschenden Reifen. Ich werde fallen.

Vor den Augen wieder: Der Mann fällt aufs Gleis. Die U-Bahn bremst sachte. Der Mann versucht, aufzustehen. Stolpert. Die U-Bahn rollt auf ihn zu. So quälend langsam. Er wirft sich zur Seite. Wir rollen in Zeitlupe weiter, als gehöre alles so, als sei das hier geplant. Ich denke »bremsen«, nur dieses eine Wort, und die üblichen Muskeln ziehen unwillkürlich die nicht vorhandene Bremse. Wir sind schon so langsam, gleich werden wir stehen, gleich, aber nicht gleich genug; steh doch auf da unten, bitte. Ein dumpfer Schlag, ein leichter Stoß unter den Fußsohlen nur – weniger, als wenn ein Auto über einen Kanaldeckel fährt; mehr wie das Abrollen beim Gehen mit einer Falte im Socken. So viele Tonnen Stahls, erschüttert durch weiches Fleisch und hohle Knochen. Dann ist alles ruhig.

Aufhören zu bremsen, die Reifen greifen wieder. Es geht steil bergab, viel zu schnell kommt die Kurve näher.

Überall, jederzeit: Dieser Laster kommt bestimmt von der Straße ab. Der Kran wird über mir seine Last verlieren, ich ziehe den Kopf ein. Gleich wird das Stahlseil der Brücke reißen. Jemand schubst mich vom Bahnsteig, wenn ich zu nahe stehe. Wenn nicht diesmal, dann morgen, in fünf Minuten.

Sie sagen, man könne das Leben mehr schätzen nach solchen Ereignissen.

Ich bin noch zu schnell, ich werde fallen. Jetzt. Nicht in fünf Minuten. Sich in die Kurve legen, den Lenker loslassen und sich abstoßen, sich schlitternd seitlich aufreißen. Oder gerade in die Bankette und über das Vorderrad ins Gebüsch absteigen; vielleicht, vielleicht nicht mit dem Kopf auf einen Stein (einen Helm tragen hieße nachzugeben). Es kommen sehen, aber nicht mehr verhindern können: zerfetzte Glieder. Der Schädel Matsch. Diesmal ich.

Sie sagen, man könne das Leben mehr schätzen nach solchen Ereignissen. Das ist falsch. Ich klammere mich daran.

Ich entscheide mich, kühl, ohne Zögern. Ich halte auf das Gebüsch zu, nehme die Kurve zu groß, um weicher zu fallen; auf Gras statt auf Stein. Ich falle sofort, schlittere, zu schnell für viel Schmerz.

Diesmal also noch nicht.

 

Gerle Tröger

 

 

 

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