11

Mord als schöne Kunst zu betrachten – das ist mein Beruf. Verlage bezahlen mich, um quasi „im Auftrag“ zu töten. Auf dem Papier.
Warum mache ich das? Bin ich krank im Kopf? Lasse ich fiktives Blut fließen, um keine echte Täterin zu werden? Denkbar. Schon als Kind schlich ich mich in die Erwachsenenabteilung der Stadtbücherei, um Agatha Christie zu lesen. Weil die Schwester eines Mitschülers aus der Grundschule erwürgt wurde und ich herausfinden wollte, wie Mörder ticken? Möglich. Aber ich tippe eher auf Größenwahn: Mit einem Mord bringe ich das Chaos ins Universum meiner Bücher – und gottgleich kann ich die Ordnung wiederherstellen, indem ich am Schluss den Schurken seiner gerechten Strafe zuführe. Das ist enorm befriedigend. So weit, so gut. Deshalb schreibe ich Krimis. Jedoch keine Spannungsliteratur.
Meine Bücher sind weder blutrünstig noch grausam – sie sind humorvoll. Ja, in der Tat. Auch den Tod betrachte ich mit einem Augenzwinkern. Nicht nur fiktiv, auch real. Mit 19 erkrankte ich schwer, hatte in den folgenden drei Jahrzehnten zwei Nahtod-Erfahrungen, und beide Male war es zwar physisch unschön, aber innerlich blieb ich ganz ruhig – und das sicher nicht aus einer durch jahrelanges Meditieren gewonnenen Gelassenheit heraus, nein, beim Meditieren schlafen mir immer die Beine ein – einfach aus dem völlig unerklärlichen, aber tiefen Wissen heraus, dass alles gut ist, so wie es ist, egal, was kommt. Zweimal spürte ich, nee, es ist noch nicht soweit. Aller guten Dinge sind drei … bin sehr gespannt, wie es beim nächsten Mal sein wird. So oder so, alles ist gut. Das gibt mir die Gelassenheit, mit dem Sensenmann zu spielen. Ihn schmunzeln zu lassen.

Always look on the bright side of life. And death.

Tatjana Kruse

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10

Es war im Sommer 2005, bei einem Besuch in Innsbruck. Die Großmutter meiner Freundin Julia lag im Krankenhaus. Die Ärzte gaben ihr noch ein paar Tage. Sie war verwirrt, hilflos wie ein Kind, bettelte ständig darum, nicht allein gelassen zu werden. An mich konnte sie sich, obwohl wir uns einige Male vorher begegnet waren, nicht erinnern, zeitweise vergaß sie ganz, wo sie war und was mit ihr los war. Mir machte die Situation Angst, deshalb hielt ich mich abseits, meist stand ich, wie ein Bauer beim Schach, schräg hinter Julia. Einmal merkte ich, dass die alte Frau mich offenbar mit Blicken suchte, zumindest reckte sie den Kopf und deutete in meine Richtung. Ich erwiderte ihren Blick und versuchte, freundlich zu lächeln. Plötzlich veränderte sich ihr Gesicht und sie zischte wütend: „Lach mi net aus!“ Ich erstarrte. Julias Mutter beruhigte sie und erklärte ihr noch einmal, wer ich war, aber die alte Frau schüttelte nur den Kopf über die erlittene Beleidigung. Ein Blick, den man nicht vergisst: hasserfüllt, verzweifelt, in tiefster Würde verletzt. „Er lacht mi aus!“, erklärte sie ihrer Tochter. Sie weinte. „Wer is der? Wer is der?“ Man tröstete sie. Eine Krankenschwester war da und wiegte, da keiner der Verwandten mehr als eine Hand der alten Frau ergreifen wollte, sich kurz mit ihr hin und her; solche Menschen gibt es. Über die Ellenbeuge des Krankenschwesterarms starrte sie mich an, hielt dem entsetzlichen Anblick stand, so lange sie konnte, dann presste sie ihre Augen gegen den Stoff. Ich bot an, rauszugehen, aber man hielt mich zurück und wiederholte die Sätze, die meine Anwesenheit erklären sollten. Nach dem Besuch gingen wir – ich weiß nicht mehr, weshalb – in den Hofgarten.

Es regnete ein wenig. Wir wanderten unter den finsteren Bäumen herum. Für einen Moment dachte ich tatsächlich: Sie wird es vielleicht noch einsehen, ihren Irrtum, sich erinnern, wer ich bin. Dummkopf.

Natürlich war dies das letzte Bild von mir, das sie mit ins Grab genommen hat: der fremde junge Begleiter, der sie in ihrem Todesmartyrium auslachte. Eine geisterhafte Erscheinung, unerklärlich, scheinbar von niemandem bemerkt, trat gleich hinter ihrer geliebten und sehnsüchtig erwarteten Enkelin ins Zimmer, mit heiterem, schadenfrohem Gesicht. Immer wieder versuchte sie, das Phantom mit Blicken zu verscheuchen. Als sie die anderen auf es hinwies, beruhigte man sie nur und hielt sie und schaukelte sie. Vielleicht würde jemand aus ihrer Familie endlich einsehen, dass hier ein Eindringling im Raum war, der ihr Angst machte. Aber niemand unternahm etwas, nicht einmal, als ihr die Tränen übers Gesicht rannen. Wenige Tage nach unserem Besuch starb sie.
Die Todeserzählungen der Weltliteratur sind voll von solchen Figuren: eine eigenartig flackernde weibliche Gestalt auf einem Hausdach, ein starrender Hund auf einer Kreuzung, ein Kind mit grünen Handschuhen, ein seltsamer kleiner Ballon, der über einen Parkplatz treibt. Boten des Jenseits. Sie erscheinen dem Todgeweihten und erinnern ihn daran, dass das Ende nahe ist. Jedem sind solche Bilder vertraut, aber wer würde es für möglich halten, einmal selbst eines zu sein? Doch an jenem Tag geschah genau dies: Ich war der Tod, der zur Tür hereinkam. Nach mir gab es keine Rettung mehr.

Clemens Setz

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9

Zu meinen Lieblingsbüchern zählen Arthur Rimbauds Seher-Briefe, in denen er (mit fünfzehn oder sechzehn Jahren) die mentalen Verschiebungen beschreibt, die Voraussetzung für sein Schaffen waren. Fünf Jahre später schrieb er seinen letzten Text und wurde Waffenhändler in Afghanistan, kurz darauf verstarb er unter ungeklärten Umständen. Die Blaupause meines Lebens.

Rafael Horzon

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8

Als unser kleinwüchsiges Meerschweinchen nicht mehr konnte, trotz Astronautennahrung immer schwächer wurde, aber stehenblieb. Als es schließlich sein Kinn auf den Boden stützen musste und dann schließlich umfiel und starb – das war meine erste bewusste Begegnung mit dem Tod.

Als meine Großeltern von uns gingen, nach und nach, über einen Zeitraum von sieben Jahren. Darauf war ich vorbereitet, damit rechnet man. Dass die Großeltern zuerst gehen.

Als erst die Mutter und dann die Schwiegermutter meiner besten Freundin starb. Viel zu früh und doch – eine Generation über uns, die gehen vor uns.

Als Marion starb und wir sie monatelang hatten kämpfen sehen. Jemand aus meiner eigenen Generation.

Als das herzkranke Gastkind aus Afghanistan zu uns kam und gerettet wurde. Als ich es an der Schleuse zum OP abgeben musste und mir sicher war, dass alles gut wird – und mehr geheult habe als bei jedem Todesfall, den ich bis dahin erlebt hatte.

Als mir hinterher gesagt wurde, dass es in den nächsten Monaten gestorben wäre.

Als ich den gesunden Jungen wieder nach Afghanistan zurückschicken musste und seitdem bei jeder Schreckensmeldung aus diesem Land Angst um ihn habe.

Der Tod hat viele Gesichter. Am gemeinsten sieht er aus, wenn er um die Ecke lugt. Wenn er dann da ist, verliert er seinen Schrecken. Es ist traurig, jemanden gehen zu lassen. Traurig für diejenigen, die zurückbleiben. Sie haben Angst vor dem Alleinsein, Angst vor dem Vergessen. Geliebte Menschen vergisst man nicht. Die optische Erinnerung wird schwächer, aber das Gefühl, das diese Menschen einem zu geben vermochten, bleibt.
Der Tod macht aus einer vollkommenen Liebe eine unerfüllte. Eine Liebe, die ins Leere geht. Doch das Gefühl bleibt. Ich denke gern an die Menschen, die ich verloren habe und ich finde es schade, dass sie nicht mehr da sind. Auch nach all den Jahren. Und ich bin froh, dass ich sie kennen durfte. Geht meine Liebe ins Leere? Ist das überhaupt noch Liebe? Ich weiß es nicht. Aber es ist ein gutes Gefühl.

 

„Wir sind abgängig“, sagte meine Großmutter mit Anfang achtzig.

„Die Einschläge kommen näher“, sagt mein siebzigjähriger Vater.

„Als ich noch tot war, …“, sagt mein vierjähriger Sohn über die Zeit vor seiner Geburt.

 

Gesa Füßle

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7

Da sitzt du dann, mittendrin. Eine der Stimmen aus dem Off fragt, ob’s noch ein Espresso sein darf. Du schüttelst den Kopf und die Musik spielt dazu. Big girls don’t cry. Das Jetzt klebt wie eine zu enge Bluse an deinem aufgeblähten Ich, als ob jemand all diese Menschen mit ihren Geräuschen, Gerüchen und Gedanken, von denen dir übel wird, mit hinein gestopft hätte in dein Leben. Jetzt, wo du hier mittendrin sitzt, merkst du, dass alles viel zu eng ist, um darin zu leben. Du denkst das auch, genau in dem Moment: „Darin kann man nicht leben“ und nickst dazu, weil sonst keiner hier ist, der dir folgen könnte. Deine Augenbrauen ziehen sich zusammen, als ob es später Kopfschmerzen geben wird. Und alles nur, weil jemand gestorben ist. Sonst, ja, sonst wäre es hier nicht laut und lärmend, sondern wie immer und überhaupt wärst du sonst gar nicht hier.

Keiner wird verstehen, warum du einfach gegangen bist. Du kannst es dir selbst nicht erklären, aber es war wichtig sich dem Dort zu entziehen und sich stattdessen dem Hier – ja, sogar diesem Playmobillachen in Coral Red da hinten – auszusetzen. Hier kennt dich wenigstens niemand. Das ist besser so. Obwohl dich auch hier der Ekel anfällt vor all dem Leben, das keines ist und das sich dessen noch nicht einmal bewusst ist. Wie sie alle Handgriffe des Lebens vollführen und nichts davon spüren. Womit du nicht gedacht haben willst, dass man sich nur im Angesicht des Todes lebendig fühlen kann. Das wäre kitschig. Als ob es extremer Gegensätze bedürfte, um das Gebiet dazwischen zu kartographieren. Blödsinn. Es bedürfte lediglich dieses einen Augenblicks, in dem das Bewusstsein sich über das Dasein erhebt, in die Hände klatscht – oder deinetwegen auch auf den Fingern pfeift – und sagt: „Hey, das hier ist ein Leben.“ Aber vor lauter Getue kommt es nicht dazu. Es hätte die Zeit gar nicht, so unermüdlich ist es im Einsatz, all die Formalien des Am-Leben-Seins am Laufen zu halten. Augenkontakt nicht zu lang halten, aber auch nicht sofort angewidert wegschauen. Nicht den Mund offen stehen lassen. Haltung aufrecht, bloß nicht öffentlich mit zuckenden Schultern in sich zusammensinken. Das gehört sich nicht. Du musst weghören, bloß immer schnell weghören oder zumindest nicht sichtbar auf das Gehörte reagieren.

Halten diese Menschen die grellen Farbfotos auf der Plastikspeisekarte für appetitlich? Hat jemals einer von ihnen auf einer echten Bruschetta solche Rot-, Orange- und Gelbtöne erblickt? Natürlich nicht. Und falls doch, sie hätten nicht reingebissen. Mettkuchen, denkst du, Omas Mettkuchen mit Lauch. Den können auch olle Lüt noch beißen, sagte Oma immer. Du siehst, wie sie sich über das Backblech beugt, um die steingraue Masse in Rechtecke zu schneiden, während hier, mittendrin in dir, Ruhe einkehrt. Über die Musik hinweg rufst du ins Off: „Einen Espresso, bitte!“ und, wer weiß, vielleicht lächelst du sogar ein bisschen dabei.

 

Simona H.

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6

Ich bin gestorben. Mehrfach. Ein erstes Mal im letzten Jahrhundert. Ich starb, wie man so stirbt. Ich hatte keine Lust mehr. Drum las ich, wie es wohl möglich wäre, sein Leben umstandslos zu beenden. Alles Nötige besorgte ich mir. Dann führte ich es aus in einem ausreichend unbeobachteten Moment. Den Mut musste ich zusammennehmen, doch um uns herum sind kulturelle Zeugnisse zu Todessehnsucht und Selbsttötungswunsch stets quirlig in Bewegung. Ich gewann Entschiedenheit und Klarheit, mich umgehend verscheiden lassen zu wollen. Dann ging es ganz leicht. Ich war weg. Unordnung setzte erst wieder ein, als andere sich bemühten, mich dem süßen Tod zu entreißen. Versaut und verschmiert war das alles, sie kreischten und wimmerten wild und sorgenvoll, ratlos. Sehr gut konnte ich sie verstehen, einerseits. Wäre ich nicht genauso entsprechend den Gepflogenheiten in Schrecken und Abwehr gewesen? Andererseits fand ich das merkwürdig und eigenartig: Warum musste es mir so befremdlich und schwer gemacht werden? Konnten wir einander es nicht einfach gestatten, so leichtherzig aus der Welt zu verschwinden, wie wir in sie geraten waren? Das wünsche ich mir. Ich erschrak darüber, wie sehr sich andere erschraken. Es erleichterte mich doch. Es ließ mich postum leben. Ich hatte ein Freispiel. Die Welt betrachtete ich nun mit Freude, Spiellust und Liebe; mit Genuss und deutlich leichter, als es mir jemals zuvor möglich war. Ich liebte es, gestorben zu sein. Nun war alles auf Abruf, vorläufig, ein Ausprobieren, Malsehen. Vermutlich liebte ich mich selbst auch dafür; aber dieser Ichstolz ist wohl eine Nebenwirkung. Da gibt es Schlimmeres. Das zweite Mal sterben war dann weniger nonchalant. Eine gewohnheitsmäßig anstehende Untersuchung brachte eine durchaus tödliche Krankheit zutage. Vor wenigen Jahren war dies. Umgehend wurde mir dann, zwei Tage nach der abendlichen Feststellung, der Kern dieser Erkrankung entfernt. Es begann eine mehrere Monate lange Heilung, die eine Reise hinab in das Selbstverschwinden umfasste. Just die Heilmittel waren es, die mir Schmerzen, Ermüdung und Schwächung beibrachten. Doch ich konnte, ich musste ja glücklich sein: in solchem halbbewussten, halbschläfrigen Dösen und Warten und Aushalten sollte es mir gelingen, wieder zu gesunden. Ich las; ich schlief; ich aß und schrieb. Und am Ende – so scheint es bis heute – wurden keinerlei Reste der tödlichen Wucherung mehr aufgefunden. Hier starb ich zum Zeitpunkt der ärztlichen Krankheitsfeststellung. Ich entschwand darin ein Stückchen mehr. Dieser Tod war ebenso deutlich erleichternd und entlastend. Das Restleben erschien mir mit einem Mal nur noch als eine unsicher fragliche Möglichkeit, eine amüsante Gelegenheit – nicht mehr als unausweigerlich zu bewältigende Tortur. Das machte mich froh. Konnte ich doch nun noch mehr wagen, noch mehr erfinden und in die Welt setzen. War es nicht so: Bei Menschenähnlichen ist Depression die Grundeinstellung. Ich aber hatte wieder ein Freispiel gewonnen. Wie schön.

Holger Schulze

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5

Nachts über die Landstraße fahren, morgens hunderte Insekten von der Windschutzscheibe kratzen, von den Scheinwerfern, vom Lack, mit dem Insektenschwamm, einem Block aus rauhem Plastik, getunkt in graues Wasser. Von den meisten Organismen bleibt nur ein Fleck Körperflüssigkeit, meistens gelb, selten rot, aus dem Chitinpanzerreste und einzelne Flügel abstehen. An den heißen Stellen der Motorhaube verbacken diese Reste zu weißen Krusten, die kaum abzureiben sind. Das Licht zieht sie an, Mücken und Fliegen, nicht nur sie, auch die viel größeren Tiere, die am Straßenrand liegen, die gebrochenen Augen als falsche Reflektoren strahlend, den Verkehr in die Irre führend, erst in den Graben, dann ins Feld. Dort liegt ein Geländewagen, vom Überschlag aufs Dach gedreht, vor ihm steht ein Mann in der Furche, in den Lichtkegeln schwankend, ich rufe ihn heran, er kommt, stolpert, fängt sich, geht weiter, durch die Insektenwolke vor meinen Scheinwerfern, steigt ein. Er riecht nach Erde. „Nichts passiert.“ Wir könnten ins Krankenhaus fahren. „Nein. Nach Hause.“ Wirklich? „Nach Hause! Alles in Ordnung.“ Sein Haus liegt am Rand des übernächsten Dorfs, er steigt aus, patscht mit seiner Hand auf den Lichtschalter am Eingang, die Motten kommen, umflattern die Energiesparlampe. Die Tür fällt hinter ihm von selbst ins Schloss.

Dr. Hans Mordt

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4

Vor dem Labor brummen die Monsterkühlschränke, Neonleuchten flackern. Nachts legen wir die Beine in die Kühlschränke. Aber die sind heute voll. Ich trage jede Woche ein Bein herauf. Schweiß klebt mir die OP-Kleider an die Haut. Wer noch nie ein Bein in den dritten Stock geschleppt hat, weiß nicht, wie schwer es einem werden kann. Es heißt, Herzen wären schwer. Aber das stimmt nicht. Es sind die Beine.
Mein erstes Jahr nach dem Examen. Die im Ersten schaffen die Beine weg. Oder die ganzen Toten. Sie werden durch den Park in die Pathologie gekarrt, dort muss man die Hausmeisterin herausklingeln, was dauern kann, wenn sie getrunken hat, falls sie es überhaupt hört. Falls nicht, muss man die Toten wieder mitnehmen. Man kann sie nicht vor der Tür lassen. Sonst kommen die Katzen.

Der Tag war endlos gewesen, angefüllt mit Unsicherheit, Ekel, Angst und prallen Späßen gegen all das. Abends hatten sie sich entschlossen, doch noch zu amputieren. Matzke hatte aufgefiebert. Seine Zehen waren seit einer Woche schwarz, doch über den Tag hatte sich die Entzündung nach cranial ausgebreitet. Deshalb musste ich ihn mit dem klapprigen Aufzug in den septischen OP kutschen. Ich hatte nie Angst in dem Ding, Matzke schon. Er nahm meine Hand mit seiner schweißnassen.

„Bring es mir, Mädchen“, sagte er.“

Ich mochte Matzke nicht. Ein alter Sack mit dreckigen Witzen, hinkte in den Konsum im Park, holte Goldbrand und Zigaretten für alle. Nachts war die Hölle los auf der Traumatologischen. Die Jungs, zwanzig in einem Saal, mussten tags immer geflickt werden, wenn sie sich wieder geprügelt hatten.

Heute war Matzke nicht im Konsum. Das Fieber.

„Was?“, fragte ich.

„Mein Bein. Ich kann es nicht hier lassen. Hab es durch Verdun, Stalingrad und den VEB Interdruck gebracht. Ich mag es. Ich kann es nicht im Stich lassen.“ In seinem Blick glänzte das Fieber. Es machte ihn jung.

Der Fahrstuhl rappelte und hielt.

Der erste Schnitt ist der schlimmste. Heiles gibt plötzlich sein Inneres frei.
Er verlief eine Handbreit überm Knie. Eine halbe Stunde später – grobe Nähte, Verband, Warten. Sie setzten mich neben Matzkes Erwachen.

„Bring es mir“, sagte er durch die Narkoseschleier. „Du bist die Einzige …“

„Aber …“, sagte ich.

 

Ich kann es doch nicht einfach liegen lassen, allein neben dem Monsterkühlschrank. Das ist nicht richtig. Also gehen wir, das Bein und ich, die Treppe wieder hinab.

Auf der Station ist es still. Ich winke dem Pfleger zu, sage: „Matzke“, er nickt. Schmales Licht hängt im Raum. Matzke stöhnt. Ich gebe ihm sein Bein.

Er streichelt es.

„Was wollen Sie mit ihm machen?“

„Begraben.“

„Aber Sie können nicht. Bis Sie heil sind, stinkt es.“

Morgen werden sie es ihm noch einmal nehmen, nach oben tragen zum Monsterkühlschrank.

Ich kann Matzke nicht leiden … Er legt seine Hand auf meinen Oberschenkel. Ich verstehe ihn.

„Okay“, sage ich, spüre die Wärme seines Beines durch das Tuch.

Dann gehe ich mit dem Bein hinaus in den Park, finde in der Gärtnerei einen Spaten und hoffe, dass die Katzen mich nicht gesehen haben.

 

Anne Kuhlmeyer

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3

Media vita in morte sumus.

 

Freitag, 12. Juni 2009, 13.45 Uhr. Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs zu einem Hotel im Berliner Tiergarten, um den Veranstalter eines Kongresses, auf dem unser Unternehmen ausstellen wird, zu treffen. Kurz vor dem Ziel, am Kulturforum, vibriert das Mobiltelefon. Sitze ich auf dem Rad, kann es klingeln oder vibrieren, solange es will, nie würde ich auch nur auf die Idee kommen, auf dem Sattel sitzend nach dem Handy zu kramen. Niemals. Anrufer kann warten, bin eh gleich da und werde, falls erforderlich, zurückrufen. Noch heute, fünf Jahre später, vermag ich nicht zu sagen, was mich bewog, anzuhalten, um den Anruf doch entgegenzunehmen.

Meine Schwester, ein Jahr jünger als ich. Nicht gerade das, was man als die Lieblingsschwester bezeichnen würde, zu verbissen hatten wir in unserer Jugend um das bißchen Zuneigung der Eltern gekämpft. Meist gegen-, nicht miteinander.

„Dass du auch mal ans Telefon gehst!“

„Ach du bist’s, was gibt’s?“

„Hast du einen Moment Zeit?“

Meine natürliche Antwort wäre etwas in der Art „Du, im Moment bin ich in Eile, ich rufe zurück …“ gewesen, aber da mich meine Schwester, außer zu Weihnachten und zum Geburtstag, selten anrief, sagte ich:

„Selbstverständlich, mach’s nicht so spannend!“

„Bauchspeicheldrüsenkrebs. Ich werde meinen Fünfzigsten nicht mehr erleben, wahrscheinlich nicht einmal mehr Weihnachten.“

Bamm!

 

Donnerstag, 17.09.2009, bin zur Wahrnehmung mehrerer Geschäftstermine in Dahlem unterwegs. Anruf Mutter: „Es wird hohe Zeit, deine Schwester …“ Ich rufe eine Kollegin an und bitte sie, alle für den heutigen Tag vorgesehenen Termine abzusagen. Setze mich ins Auto und fahre los, 740 Kilometer. Um Stuttgart herum Feierabendverkehr mit den üblichen Begleiterscheinungen: Staus, Unfälle, kurzzeitige Autobahnsperrung, Umleitung. Gegen 20.30 Uhr Ankunft am Klinikum Schwarzwald-Baar. Im Laufschritt über den Parkplatz zum Eingang. Rauf zur Onkologie, durchatmen (man will ja Ruhe und Zuversicht ausstrahlen), anklopfen, eintreten. Am Krankenbett der Schwager und Mutter, beide, wie man sagt, gefasst. Im Bett die Schwester, eine stattliche Frau, nurmehr ein Schatten ihrer selbst. Zerbröselt. Schmerzmittelbetäubt und delirierend. Ich beuge mich zu ihr und flüstere ihr ins Ohr. Sie erkennt ihren „großen Bruder“, ein seliges Lächeln huscht über dieses grausam geschundene Gesicht, wir umarmen uns ein letztes Mal. Ein erstes Mal.

 

Freitag, 18.09.2009, 2.00 Uhr, im Haus des Schwagers: Anruf aus der Klinik, die Schwester habe es geschafft (als hätte sie auf dieses Ergebnis hin zugearbeitet). Wir eilen in die Klinik und finden die Schwester – erlöst. Der Schwager hält ihre linke Hand und spricht mit ihr. Mutter weint. Ich denke „Mist, das ist ungerecht!“ und danke dem Herrgott, der gerade die Schwester aus dem blühenden Leben gerissen hat, dafür, dass ich sie noch sehen konnte.

 

Fragen. Warum sie und nicht ich? Warum sie, die nie trank, nicht rauchte, mit ihrem Mann eine glückliche Beziehung führte, in einem Öko-Haus am Rande des Schwarzwalds wohnte und in ihrem Teilzeitjob nicht gerade herzinfarktgefährdet schien? Die optimistisch und voller Lebensfreude war, ferne Länder bereiste und mit Schlauchbooten reißende Flüsse befuhr. Die sich makrobiotisch ernährte und vegetarische Brotaufstriche aß. Ich habe mich damit abgefunden, auf diese Fragen keine Antworten zu finden. Man nennt es Leben. Der Tod gehört von Geburt an dazu.

 

Michael Brielmaier

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2

Vor kurzem passierte mir etwas Merkwürdiges. Ich bekam eine Lebensversicherung ausbezahlt. Das heißt, ich hatte die Wette mit dem Versicherer verloren. Wäre ich vorher gestorben, hätte sich das Sparen gelohnt.

Mein Versicherer wollte mir statt der angesparten Summe eine monatliche Rente bis an mein Lebensende zahlen. Das Motiv ist durchsichtig. Die Versicherung wollte noch mal gewinnen, und jetzt stehen die Chancen für sie noch günstiger. Indem ich die Versicherungssumme durch die monatliche Rente teile, kann ich berechnen, wie lang ich nach Meinung meiner Versicherung noch zu leben habe. Sagen wir es so: Ein in den USA frisch zum Tode Verurteilter hat eine längere Lebenserwartung.

Mittlerweile merke ich, wie ich selbst zu rechnen beginne. Kann ich mir einen Hund anschaffen? Oder wird mich das Viech überleben und einsam sein? Lohnt es sich, eine neue Küche zu kaufen? Ein Auto? Wie oft werde ich mein Haus noch streichen müssen? Die statistische Haltbarkeit meines neuen Implantats übersteigt meine sonstige Haltbarkeit erheblich. Ist dasberuhigend? Ich gehe nicht gern zum Zahnarzt. Aber lieber der Zahnarzt als das Nichts.

Man glaubt zwar nicht wirklich an den eigenen Tod, aber alle anderen rechnen damit. Man sieht es hinter den Augen des Bankberaters rattern, wenn er mit mir über einen Kredit verhandelt und wie nebenbei fragt, ob ich Kinder habe. Also Erben, die belangt werden können.

Die Jahreszeiten kommen und gehen. Früher war das egal, jetzt kann ich berechnen, wie oft ich den Frühling erleben werde. Alles wird zählbar plötzlich. Und man muss nicht lange zählen.

Die einzige Post, die ich von der Gewerkschaft bekomme, ist das Angebot einer Gruppen-Sterbegeldversicherung. Früher habe ich mich darüber lustig gemacht, jetzt ertappe ich mich dabei, wie ich die Konditionen durchlese. Sie sind erstaunlich günstig. Ich sollte so eine Versicherung abschließen. Diesmal gewinne ich vielleicht. Nein, wahrscheinlich.


Alan Posener

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