23

Der Mann auf dem Foto stand im Gras vor einem Schuppen und sah aus wie mein Onkel Hans.

Ich arbeitete zwei Tage die Woche im Büro einer Nachlasspflegerin und die Toten liefen als Akten durch unsere Hände. Gab es keine auffindbaren Erben für einen Verstorbenen, wurde Frau Haase als Nachlassverwalterin bestellt. Sie betrat die stummen Wohnungen der Toten und suchte nach Unterlagen, die sie den Erben näherbringen sollten. Was sie fand, war Staub. Viel Staub. Schwere Vorhänge und Staub, der aufgeschreckt durch Sonnenflecken schwamm.

Frau Haase öffnete Schränke und Kommoden und ich stand dabei. Ich war nur aus Interesse mitgekommen, eigentlich beschränkte sich meine Arbeit auf Tätigkeiten, für die ich das Büro nicht verlassen musste. Vor dem Fenster rauschte eine von Miniermotten zerfressene Kastanie regelmäßig auf. Es wird Herbst, sagte ich. Nichts, sagte Frau Haase, nichts. Wir müssen auf den Dachboden.

Wir trugen ein Fotoalbum voller Stockflecken und vergilbter Bilder mit Zackenrand zurück ins Büro, in spitzer Hand geschriebene Aufzeichnungen über Mietzahlungen, Postkarten von Freunden, datiert auf die siebziger Jahre. Liebe Irma, stand dort, liebe Irma, wir haben schönes Wetter. Ich hoffe, Willy und Dir geht es gut.

Wir suchten über Einwohnermeldeämter, Stadtarchive und manchmal auch Detekteien nach den Nachkommen. Fanden wir jemanden, schlug er das Erbe oft aus. In den Akten lagen alte Telefonverzeichnisse, Urkunden, Mitgliedsausweise, silberne Ehrennadeln, Notizen, Fotografien, Reisepässe. Ich fasste sie vorsichtig an.

Was passiert mit all den Sachen?, fragte ich Frau Haase. Ich hatte die vage Hoffnung, sie würde etwas sagen wie: „Wenn sich nach drei Jahren niemand findet, gibt es eine Zeremonie, in der sich der zuständige Gerichtsbeamte und ich vor die hinterlassenen Unterlagen stellen, feierlich einige der Briefe verlesen, Fotos ansehen und uns von den Akten, nein, den Toten, verabschieden.“ Natürlich sagte sie nichts dergleichen. Sie sagte: Wird weggeschmissen.

Wird weggeschmissen, sagte ich. Verstehe. Ich fing an, mir alles anzusehen. Es wurde immer dringender, die Toten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Jedenfalls nicht in meine. Ich bekam Niesanfälle über verstaubten Ordnern, ich nickte alten Passbildern zu, ich fotokopierte in Sütterlin geschriebene Auszüge aus Familienbüchern und verlangsamte meine Aktenablegegeschwindigkeit dadurch um mindestens 100 %. Frau Haase betrat das Büro, als ich gerade einen uralten Mietvertrag anseufzte. Was machen Sie da?, fragte sie. Nichts, sagte ich. Nichts. Ich lege ab.

Judith Sombray

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22

Ich erzähle der Tierärztin, dass T ihr Essen immer erbricht und ansonsten nur noch die Wand anguckt. Die Tierärztin untersucht T und einige Zeit später ist entschieden, dass wir sie einschläfern lassen. Sie ist alt und das Herz kann nicht mehr. Ich bin zu klein, um ihr jeden Tag Medikamente zu geben und von den anderen lässt sie sich nicht anfassen. Sie bekommt ein Narkosemittel gespritzt, dann müssen wir mit ihr zurück in ein kleines Nebenzimmer, in dem eine Frau mit einem großen Hund wartet. Der Hund sitzt in einem Zylinder, der an blinkende Geräte angeschlossen ist. Ich vermute, er wird gerade bestrahlt. Oder weggebeamt. Die Frau liest eine Zeitschrift. T hat Angst vor Hunden. Der Hund jammert leise. Die Frau fragt, was denn mit unserer Katze los sei. Meine Mutter sagt, dass sie gerade eingeschläfert werde. Sie klingt verzweifelt, sie mag auch keine Hunde. T sitzt in der Unterschale der Transportbox auf meinem Schoß, ihre Pupillen so groß wie Untertassen. Ich weine und versuche, sie nicht zu treffen, weil ich denke, dass der Hund schon schlimm genug ist. Dann legt sie sich hin, erbricht, verliert dabei das Bewusstsein, mit dem Gesicht in der Kotze, die Augen bleiben offen, offener als sonst, wie Tunnel, in denen langsam jemand verschwindet, unfreiwillig und irgendwie entsetzt. Dann glotzt sie nur noch – wieder gegen die Wand. Der Hund wedelt. T bekommt im Behandlungszimmer die zweite Spritze, dann sind die Tunnel leer, niemand mehr dahinter. Die Augen gehen nicht zu, nicht wie im Film. Ob wir sie mitnehmen wollen oder hierlassen? Zum Mitnehmen. Die Helferin will T in eine winzige Kiste quetschen – sie nennt es „einkuscheln“. Ich fauche, dass das nicht geht. Sie findet eine größere Kiste eines Hundefutterherstellers, legt sie mit Papierhandtüchern aus. T passt genau hinein. Sofort zahlen oder auf Rechnung? Sofort zahlen. Auf dem Heimweg im Auto habe ich die Kiste auf dem Schoß und überlege, wann der Körper anfängt auszulaufen. Das passiert aber nicht.
Der Boden im Garten ist steinhart gefroren, mitten im Sommer. Mein Vater gräbt mit der Spitzhacke und ich sitze mit T auf der Veranda und versuche immer wieder, ihre Augen zu schließen und mir all ihre Flecken zu merken. An den Pfoten und an der Wange. Kurz kommt der Gedanke, das Fell irgendwie behalten zu können. Dann ist das Loch fertig. Dann liegt T in ein Handtuch gewickelt im Loch. Sie soll keinen Dreck in die Augen bekommen. Erde rollt, erst ganz fein, dann gröber. Nicht andrücken. Kein Stein, der wäre zu schwer. Ein Hügel, der absackt. Dann eine Blume, die hässlich blüht. Einen Monat später kommt F, der mit seinem Leben alle Erinnerungen an T löscht, außer diese.

Birte Lanius

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21

Noch zwei Jahre, hatten sie gesagt. Eher weniger, hatten sie gesagt. Perfide präzise kommt der Tod nun, hält sich an jede Statistik, ist höflich und pünktlich. Schickt ein paar Metastasen vorbei, die Bescheid geben, dass sie jetzt bitte ihre Koffer packen möge: Die letzte Reise beginnt in Kürze – bitte einsteigen, die nächste Fahrt geht vorwärts.

Es ist Juni. Seit drei Wochen ist sie im Hospiz. Oder seit vier? Ich sehe in den Kalender: Es sind erst zwei Wochen. Die Zeit verfliegt, und doch dehnt sie sich. Jede Stunde mit ihr ist Freude, Staunen, Wagnis und Traurigkeit in einem einzigen Moment. Und Furcht.

Sie isst jetzt am liebsten M&Ms. An manchen Tagen sind sie das einzige, was sie isst. Aber warum nicht, wer sollte sie maßregeln, wer sollte das Recht haben, ihr noch etwas vorzuschreiben. Und wozu. Mit spitzen Fingern greift sie nach einer Nuss, legt sie sich in den Mund, zerbeißt sie. Dreimal tut sie das, vielleicht viermal. Dann ist sie satt. Dann nimmt sie ihre Schnabeltasse. Trinkt. Sie ist 57 Jahre alt. Jede Woche altert sie um ein Jahrzehnt.

Es wird Juli. Es ist heiß draußen. Jemand hat ihr die Fußnägel lackiert und einen Schmetterling auf den großen Zeh geklebt. Sie wackelt mit den Zehen, als sie es mir zeigt, und lacht. Es sieht schön aus.

Wir sollten dankbar sein, dass die Metastasen erst jetzt in ihren Kopf gekrochen sind. Es war kaum zu hoffen, dass sie so lange warten. Doch Dankbarkeit will sich nicht einstellen. Es ist vielmehr, als müsste ich bei einer Gewalttat zusehen. Ich möchte schreien: „Aufhören! Aufhören!“, damit die Täter vom Opfer ablassen, ich möchte auf sie einschlagen, sie kaputttreten, aber – nichts. Ich kann nichts weiter tun als zusehen, wie es geschieht.

Heute Abend möchte sie ein Leberwurstbrot. Das Hospiz hat Ausstechförmchen, kleine Bissen machen es den Sterbenden leichter. Heute kommt das Brot in Herzen, Leberwurstgraubrotherzchen. Sie isst mit Genuss. Dazu trinkt sie Cola, die wir andicken, denn sie kann nicht mehr gut schlucken. Ich probiere die kalte, dicke Cola, möchte wissen, was wir ihr auftischen. Sie schmeckt gut, wie angetautes Wassereis – wie damals, von der Bude.

Wovor fürchte ich mich? Ist es überhaupt Furcht, die ich empfinde? Oder ist es eher Fassungslosigkeit darüber, mit welcher Wucht der Tod kommt? Wie unbeirrt er sie aussaugt. Wie er Tag für Tag etwas von ihr mitnimmt – ihre Mimik, ihre Gestik, die Art und Weise, wie sie spricht, wie sie atmet.

Ihr Atem – er schnürt mir den Hals zu. Ich sitze neben ihr und atme gemeinsam mit ihr ein, hole Luft, tief Luft, so tief, dass ich spüre, wie meine Lungen sich weiten – auf dass sie es mir nachtut, auf dass sich ihr Brustkorb hebt und das Leben einlässt. Aber sie atmet unbeirrt im flachen, stockenden Rhythmus der Sterbenden. Immer wieder schläft sie ein. Blutiger Urin tropft in einen Beutel.

Ich sehe aus dem Fenster; es steht offen. Draußen knirschen Reifen auf Kies. Ein Windhauch wölbt die Gardine und streichelt meine Arme. Es riecht nach gemähtem Gras und Gewitterregen. Ich denke: Durch dieses Fenster wird bald ihre Seele hinausfliegen. Ich weiß nicht warum, aber ich mache ein Foto. In den Tagen, nachdem sie gegangen ist, werde ich dieses Foto oft anschauen. Als könnte ich ihr dadurch hinterherwinken.

Heute Abend gibt es Teewurst aufs Brot. Und Gurke. Kleine, ausgestochene Gurkensterne mit Salz drauf.

Tage verstreichen. Und doch bleibt die Zeit vage. Jeder Morgen, jeder Abend ein neues Befinden. Bei ihr. Bei uns. Natürlich wusste ich: Wenn die Metastasen da sind, auch wenn ich vorbereitet bin, wird es schlimm werden, werde ich hilflos sein. Aber ich bin nicht vorbereitet auf die Tiefe meiner Hilfslosigkeit, auf die Schnelligkeit, mit der ein Mensch schwinden kann, auf die Leere und Stille in meinem Innern, die gleichzeitig so prall, so allumfassend, so voll und laut ist.

Ich höre ihr zu, obwohl ich sie oft nicht verstehe. Die Metastasen, sie verwaschen ihre Sprache. Dabei möchte ich jedes ihrer Worte hören, es festhalten, in der Hand halten, keines verpassen, es verwahren, es streicheln und niemals loslassen. Doch ihre Sätze gleiten dahin, zaghaft, leise, ein Hauch – und sind fort.

Ich weine nicht viel in dieser Zeit und wenn, dann nur kurz. Ein lautloses Seufzen, zwei Tränen vor dem Einschlafen, die es kaum die Wange hinab schaffen. Mein Inneres ist grau und stumpf.

Es bleibt natürlich die Hoffnung. Dass sie friedlich gehen kann. Dass sie glücklich ist. Tröstender aber als die Hoffnung ist das Nichtwissen darüber, was sein wird. Denn wenn ich es wüsste, wäre schon jetzt all meine Kraft fort.

Es wird Wochenende. Ich komme ins Hospiz und sehe sofort den Holzengel. Holzengel an der Tür bedeutet: tot. Doch heute ist sie nur sehr müde. Es ist heiß, in der Stadt ist Kirmes. Im Zimmer nebenan ist der ältere Herr gestorben. Wir bleiben eine Weile bei ihr, dann gehen wir auf die Kirmes. Wir müssen mal raus.

Dort, direkt um die Ecke: Buden und Karussells, Lachen, Staunen und die Rufe der Schausteller:

„Steigen Sie ein! Machen Sie mit!“

„Greifen Sie zu! Lose nur fünfzig Cent!“

„Auch für Sie, junge Frau!“

Wie Wasser fließen die Geräusche um meinen Kopf. Dazu der Duft von Mandeln und Zuckeräpfeln. Ich laufe durch die Straßen ohne Anker in die Welt, betrachte die Fahrgeschäfte, die Losbuden, die Familien, die sich Poffertjes und Paradiesäpfel teilen, Kinder voller Übermut, die von allem nicht genug bekommen können. Ein paar hundert Meter die Straße runter isst ein Mensch heute Abend seine letzten Leberwurstgraubrotherzen.
Wir bringen ihr einen Delphin-Luftballon mit. Sie liebt Delphine. Wir knoten ihn an ihrem Bett fest. Er schwebt nun am Fußende. Delphine sind die besseren Holzengel.

Dann. Sie spricht leise, aber deutlich. So deutlich wie seit Wochen nicht mehr. Sie spricht lange. Zwanzig Minuten lang spricht sie, ohne zu ermüden. Ich sitze da, halte ihre Hand. Ich beruhige sie. Ich tröste sie. Ich verspreche es ihr. Alles. Zum Abschluss sagt sie: Es sei schon spät. Ich solle jetzt besser gehen. Dann sinkt ihr Oberkörper nach hinten, sie schläft augenblicklich ein. Ich schließe sanft die Tür hinter mir, setze mich ins Auto und weine zwei kleine, heiße Tränen.

Auf dem Rückweg gewittert es, der Regen klatscht in dicken Tropfen auf meine Windschutzscheibe. Bäume biegen sich mit vollen Kronen im Sturm. Es riecht nach Sommer und Leben.

Einen Tag später. Ich stehe an ihrem Bett, sie umklammert meine Hand. Fünf Wochen ist sie nun im Hospiz. Eine Schwester spritzt ihr Morphium in den Oberschenkel; eine Spritze, zusätzlich zum Methadon, zusätzlich zur üblichen Dosis. Sie drückt meine Hand zu Mus. Es tut weh, aber was sind meine Schmerzen schon gegen ihre Schmerzen, gegen diese unfassbaren Schmerzen.

Nach einer Viertelstunde entspannen sich ihre Gesichtszüge, doch ihre Hand umkrallt weiter meine. Ich vermag sie nicht herauszuziehen. In der Ferne der wogende Klang der Kirmes.

Plötzlich wendet sie den Kopf. Mit klarem Blick sieht sie mich an und entschuldigt sich, dass sie Weihnachten nicht mehr mit uns feiern wird, es tue ihr sehr leid, so wahnsinnig leid.

Am Abend. Ich habe den tiefen Wunsch, dass die Zeit stillstehen möge. Möchte jede Minute mit ihr genießen – und habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich zu müde, zu fahrig bin. Wenn ich nach Hause will. Wenn ich fortlaufen möchte, wenn ich schreien möchte und nicht kann.
Daheim lese ich übers Sterben. Über Herzstillstand, Hirntod, über Zersetzung. Ich lese über Eiweiße, die bei Muskelbewegung aneinander vorbeigleiten, die nach dem Tod ein Netz bilden, das die Totenstarre verursacht. Ich lese, wohin das Blut sackt, wie die Temperatur sinken wird. Ich möchte alles genau wissen.

Liege ich im Bett, sehe ich Bilder von ihr. Als Blitzlichter tauchen sie vor meinem inneren Auge auf. Wie sie auf dem Sofa sitzt. Wie sie in ihrer Küche steht. Wie sie spazieren geht. Ihre Bewegungen, der wiegende Gang. Wie sie ihre Hände hält. Wie sie ihre Enkel herzt. Ich höre sie sprechen – keine bestimmten Worte, nur den Tonfall. Ihr Lachen.

Ich sage mir: Du beginnst schon zu trauern, eh dass sie tot ist, und fühle mich ertappt.

Der letzte Tag. Ich bin auf der Arbeit, als mein Handy klingelt. „Sie macht sich auf den Weg.“ Keine 20 Minuten später wieder – Telefon: „Sie hat es geschafft.“

Ich denke: Nein. Nein, nein, nein. Das kann nicht sein. Nicht so schnell. Wie kann man so schnell sterben, in nur 20 Minuten? Gestern war doch noch alles gut. Selbst heute Morgen war noch alles gut. So gut es eben sein kann. Aber doch, ja: gut.

Es ist wieder einmal warm an diesem Tag, fast schwül. An ihrer Tür hängt der Engel. An ihrem Bett noch immer der Luftballon: Prall schwebt der Delphin über ihr. Das Fenster ist weit geöffnet.

Ich trete zu ihr und streichle ihren Arm. Ihre Haut ist weich, warm, wie immer. Aber ihr Gesicht ist verlassen. Sie ist fort. Musik spielt. Kerzen brennen.

Wir haben den ganzen Nachmittag mit ihr. Können sie streicheln. Können sie betrachten. Können verstehen. Zwischendurch sitzen wir auf der Terrasse. Die Menschen vom Hospiz, sie kommen dazu, fühlen mit, herzen uns, plaudern – und scherzen. Sie arbeiten für die Lebenden.

Ich bin dankbar, jetzt, hier. Dass ich sie begleiten durfte.

Ich bin glücklich. Dass wir sie hatten.

Am Abend rufen wir den Bestatter.

„Möchtest du zusehen, wie er sie einpackt?“

„Ja“, sage ich.

Am nächsten Tag. Wir suchen eine Urne und eine Todesanzeige aus. Der Bestatter ist professionell betroffen. Wir bringen ihr Kleidung, die sie auf dem Weg ins Krematorium anziehen soll, und ihre Perücke. Sie würde sich schämen ohne Haare.

Es ist weiterhin heiß. Abends kommen die Handballmädels. Der Trainer grillt. Musik dröhnt. Wir trinken Mädchenbier. Ich habe überlegt, sie auszuladen, es abzusagen, alle fortzuschicken, um alleine zu sein, um zu trauern. Aber der Lärm übertönt die Trauer, der Schmerz in den Armen gewinnt gegen den Schmerz in der Seele. Das Leben fährt nur vorwärts, und es tut mir gut, die Mädels nah bei mir zu haben. Auch wenn ich weit weg von ihnen bin.

Anfang August. Als wir sie zu Grabe tragen, lassen wir Luftballons steigen, rote, in Herzform. Wer möchte, darf einen Zettel dranhängen und ihr eine Botschaft darauf schreiben. Mein Luftballon hat keinen Zettel. Es ist alles gesagt.

Noch immer ist es warm. Die Sonne scheint. Der Himmel ist blau mit weißen Tupfen. In den Bäumen raschelt der Wind. Ich lasse den Ballon los.

Vanessa Giese

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20

Das erste Mal erschien der weiße Vogel gegen Ende Juni. Nie zuvor hatte ich ein ähnlich großes Tier in den Wipfeln des Mischwaldes gegenüber unseres Hauses gesehen. Was für ein Vogel es war, konnte ich nicht bestimmen. Er erschien ähnlich groß wie ein Storch, aber der Schnabel passte nicht. Ein weißer Reiher, ein Albino-Raubvogel? Ich wusste es nicht.

Auch das Fernglas, das ich mir auslieh, half mir nicht weiter, ich konnte keine spezifischen Einzelheiten erkennen. Immer waren Äste oder Laubwerk im Blickfeld. Es schien fast so, als wolle der Wald seinen Besucher vor allzu neugierigen Blicken verstecken.

Meine Mutter sah den Vogel auch, war aber an einer Identifizierung nicht interessiert. Sie sah ihn als willkommene Abwechslung, ein kleiner Zeitvertreib, eine Ablenkung von den Sorgen um meinen Vater, der zu der Zeit im Krankenhaus war; eine Routineangelegenheit, so schien es.

Gesundheitliche Probleme hatte er schon länger. Mit 17 1/2 Jahren wurde er, vom Gymnasium herunter, in die Wehrmacht eingezogen, mit 18 verlor er sein Bein durch eine Kriegsverletzung. Danach bekam er in einer Fabrik einen Schreibtischjob und blieb dort bis zu seiner Rente. Trotz aller widrigen Umstände war er ein lebensfreudiger Mensch, der sich aufopferungsvoll um seine fünf Kinder, seine Frau und die Enkel kümmerte. Er trank gerne mal Bier und rauchte seine Overstolz; später wechselte er zu Stuyvesant, bis er schließlich ganz mit dem Rauchen aufhörte und nur noch sehr selten Alkohol trank. Meist nur, wenn er seine Brüder in Prag besuchte, dann waren sie alle drei wieder jung und alberten herum, wie sich das für Wiedersehensfeiern gehört.

Kurz bevor er ohne Befund wieder nach Hause geschickt werden sollte, sprach meine Schwester die Ärztin auf die verwaschene Aussprache meines Vaters an. Die vermutete leichte Form der Altersdemenz wurde von uns heftig bestritten. Daraufhin wurden weitere Untersuchungen durchgeführt, auch in einer Spezialklinik, und dann stand fest, dass die Ärzte nichts mehr tun konnten.

Nach Wochen zuhause, in denen es ihm etwas besser zu gehen schien, verschlechterte sich sein Zustand so dramatisch, dass er wieder ins Krankenhaus musste. Vollgepumpt mit Opiaten gegen die Schmerzen starb er am vierten Tag.

Für sein Sterbebild wählten wir ein Eichendorff-Zitat:

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande
Als flöge sie nach Haus.

 

Einige Monate nach dem Begräbnis wurde meine Mutter schwer krank. Es war, als hätte sie ihrem Körper befohlen, seine Arbeit einzustellen. Ihre Körpertemperatur sank lebensgefährlich tief ab, obwohl sie in einem beheizten Haus wohnte. Die Ärzte waren ratlos, aber nach einiger Zeit auf der Intensivstation erholte sie sich wieder.

Manchmal stehen wir am Fenster und reden über den weißen Vogel und sie fragt: „Ob er wohl noch einmal wiederkommt?“ Und ich schaue über das Tal hinweg auf den Wald und denke: Wer wird ihn dann sehen?

 

Klaus Hulha

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19

Die Sicht gen Himmel ist verdeckt. Überall hier liegen Tüten. Jungen drehen sich im Kreis. Die Jungen stehen vor dem Block. Die Jungen gehen in den Keller, da ist in der Nacht ein Hundekampf. Ein Junge verliert dabei Geld und schon geht es los mit all den Fäusten. Wie die Pflanzen hier leben, so wie sie übergossen sind mit Kotze. Oder mit Schnee, das tötet jeden hier, die Aussicht nach Stunden einfach nur noch da. Nach Stunden am Fenster. Nach Stunden am Block. Als warte man darauf, an der Luft zu ersticken.

Sie sagten zu mir, du holst dir noch den Tod, steh nicht so da in der Winterluft. Steh nicht im Regen. Hörst du? Lass das! Nicht das und mach das nicht, ich fragte, was dann? Es gab die Luft. Jeden Tag nur die Luft. Es gab nichts zu tun. Ich musste losziehen.
Ich lache und ich setze auf den schnellsten Hund. Sie sagen, gewonnen. Ich verstehe das nicht. Es war nicht mein Hund. Ich lasse das Geld liegen. Ich gehe hinaus vor den Block. Ich weiß, morgen bin ich wieder hier. Oder übermorgen. Jedenfalls bald.

Zwischen Wohnungswänden, im Keller mit den Jungen, an der Luft mit Hunden, die hier ihre Leben lassen. Die Hände der Jungs auf den Mündern der Kinder. Pssst, sei ruhig. Alles ist in Ordnung. Es ist o. k., auch wenn die Hunde bellen oder irgendeiner aus dem Fenster springt. Geh schon, Junge, spiel ruhig, Mädchen. Und keine Angst. Die Hunde bellen nur.


Magdalena Jagelke

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Als ich vier war, starb Lauri. Lauri war zweimal die Woche mit ihrer Mama in die Mutter-Kind-Gruppe meiner Mama gekommen. Ich mochte Lauri. Wenn ich abwusch, trocknete sie ab. Laura und Lauri. Ich habe nur noch eine Erinnerung an sie. Wir beide, auf Hockern und mit Schürze am Spülbecken. Da hatte Lauri schon keine Haare mehr. Ansonsten habe ich keinerlei Erinnerung an ihr Gesicht. An sie, als Freundin. Es gibt ein Foto von uns beiden, während wir abwaschen. Vielleicht ist meine Erinnerung auch davon geborgt. Mit vier habe ich jedenfalls kaum verstanden, was passierte. Das Einzige, was mir nach Lauris Tod klar war: Niemand sollte mich jemals Lauri nennen. Ich kam in die Schule und wehrte mich vehement gegen diesen einzig erdenkbaren Spitznamen meines eh schon kurzen Vornamens. Lauri bin ich nicht. Ich heiße Laura. Bis heute nennt mich kaum ein Mensch Lauri, obwohl meine Gegenwehr mit den Jahren nachließ. Nach Lauris Beerdigung weinte meine Mutter zu Hause weiter. Sie erzählte von der Ecke des Friedhofs, auf dem nur Kinder lägen. Monate später nahm sie mich mit zu Lauris Grab. Mir war mulmig zumute. Auf Lauris Grabstein war ein kleiner Engel abgebildet. Jahre später habe ich zufällig Lauris Todesanzeige gefunden. In Mamas altem Bastelschrank, in dem immer noch viel Karton, Schablonen, Kleber und Scheren lagerten, obwohl sie die Mutter-Kind-Gruppe schon nicht mehr leitete. In einer der oberen Schubladen lag sie. Ausgeschnitten aus der Zevener Zeitung. Und ich hatte auf einmal Tränen in den Augen. Anfang der 90er, in einem kleinen Dorf in Niedersachsen starb ein 4-jähriges Mädchen an Leukämie. Ich kannte sie nur kurz. Meine Freundin Lauri.

Laura Sonnefeld

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17

Am Sonntagabend dann der Anruf. Sie frage nach mir, ob ich kommen könne. Und, ja, natürlich kann ich kommen, das heißt, eigentlich kann ich nicht kommen, eigentlich habe ich Montag Termin auf Termin, aber das wird schon gehen, sicher komme ich, morgen, am späten Vormittag. Den restlichen Abend verbringe ich mit Telefonaten, Terminverschiebungen, Onlinestellen zu bearbeitender Artikel. Das geht alles. Abfahrt 8 Uhr 32, ICE 279, Berlin-Kassel, zur Weiterfahrt über Frankfurt nach Mainz.

Montag ist Rosenmontag. Das kennt man in Berlin nicht, aber in Mainz ist Rosenmontag Ausnahmezustand. Auch in Berlin wohnen Menschen, die sich diesen Ausnahmezustand herbeisehnen. Einige Jahre lang versuchten sie, Rosenmontagszüge Unter den Linden zu organisieren. Rosenmontagszüge, die allerdings keinen interessierten, und ohne öffentliches Interesse gibt es keinen Ausnahmezustand. Also fahren sie nach Mainz. Im ICE 279. Sie trinken, frühmorgens, Trinken muss sein, ohne Trinken ist es kein Ausnahmezustand. Sie haben einen Ghettoblaster dabei. Sie sitzen im Großraumabteil, Wagen 7, zweite Klasse, fünf Stuhlreihen hinter mir. Ich versuche, einen Artikel fertigzustellen, meine Gefühle fahren Achterbahn, mir war klar, dass dieser Anruf über kurz oder lang kommen würde, „Sie fragt nach dir“, ich konnte mich auf die Situation vorbereiten, das wird schon gehen. Nichts geht.

Es geht aber auch deswegen nicht, weil es scheppert und grölt, fünf Reihen hinter mir. Warum ist es am Rhein so schön. Zieh dich aus, kleine Maus, mach dich nackig. In München steht ein Hofbräuhaus, warum auch immer. Wir bauen eine U-Bahn, von Frankfurt bis nach Auschwitz, meine Güte. Hinter Braunschweig platzt mein Kopf. Ich drehe mich um, brülle den erstbesten Karnevalisten an, „Könnt ihr vielleicht mal still sein? Ich versuche, zu arbeiten!“ Ein Fehler: von diesem Moment an haben sie mich auf dem Kieker. „Och, der Arme, er muss arbeiten!“, „Seid doch mal still, da vorne muss einer arbeiten!“ Ein paar Karnevalisten wanken nach vorn, um mir über die Schulter auf den Bildschirm zu linsen. Zuerst denke ich, dass sie mir gleich eine reinhauen, wäre mir egal, aber sie drehen gleich wieder um. Wahrscheinlich haben sie gesehen, dass mir die Tränen übers Gesicht laufen, wahrscheinlich haben sie kapiert: Das ist jetzt ernst. Von nun an lassen sie mich in Frieden, was nicht heißt, dass sie still sind, sie singen und saufen und grölen weiter, aber sie ignorieren mich dabei. Irgendwann übergibt sich einer, irgendwann fangen zwei einen Streit an. Ich liege in Watte.

Hildesheim. Göttingen. Kassel-Wilhelmshöhe. Raus, ich habe nichts gearbeitet. Hinter mir noch ein paar einsame Rufer: „Viel Spaß beim Arbeiten!“ Viel Spaß. Ich will, dass sie, ach, nein, ich will eigentlich gar nichts. Nur weil ich einen schlechten Tag habe, muss ich ihnen nicht auch den Tag verderben. Auf Gleis 2 zurückbleiben bitte, Ihr Zug fährt jetzt ab. Straßenbahn, Krankenhaus. Kannst du kommen?

Falk Schreiber

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16

Die Sache ist: Das passiert wirklich. An den öffentlichen Orten, an denen ich mich nie mit dem Rücken zu Tür setzen will, in den Flugzeugen, in denen mein Herz bis zur Landung viel zu schnell schlägt, und in denen ich die Nieten an den Flügeln niemals aus den Augen lasse. Sie passieren wirklich, diese Katastrophen, die ich sehe, bevor sie niemals statt finden.
Ich erinnere mich: Ich sitze auf dem Balkon und spüre den Sommer nicht, nicht so wie sonst. Es ist ein Sommertag, Hochsommer zwar, aber einer von den Tagen, die kühler sind, als sie sein sollten. Trotzdem sollte da Sonne auf meiner Haut zu spüren sein, gerade zu der Zeit, abends, da fällt das Licht immer in den Hinterhof, direkt auf unseren Balkon, auf die Sonnenblumen, die Tomaten, da spiegelt es sich in den hundert Fenstern und malt Lichtmuster überall hin.

Ich sehe dieses falsche Bremsmanöver, das das Auto in die Leitplanke schleudert, ich sehe jene Flugzeugklimaanlage, die in der Nähe des Kerosintanks heiß läuft, so dass ich kurz vor der Landung doch noch als Feuerball in einer dieser Flughafenvorstädte ende. Das fühlt sich an, wie diese Sätze, die ich manchmal träume, die es sich nachts mit Widerhaken dort bequem machen, wo auch die Ohrwürmer leben, und den ganzen Tag bleiben.

Ich betrachte die Tomaten, die in diesem Jahr nicht rot werden wollen, harte, grüne Dinger, die anders gedacht waren.

Der Satz, der kommt, plötzlich, dann feststeckt: Was, wenn sie nicht wiederkommt?

Eigentlich müsste Sommer sein, ist es aber irgendwie nicht, eigentlich müssten die Tomaten schon längst rot sein, sind sie aber nicht.
Sie müsste schon längst zu Hause sein, vor einer Stunde schon, vor zwei, vielleicht. Ist sie aber nicht.

Was, wenn sie nicht wiederkommt?

Ich kenne ihre Fahrradstrecke, da ist eine Kreuzung, groß, mit viel zu vielen Ampeln und Kunst im öffentlichen Raum, die im Weg steht.
So etwas passiert, oder? Blutige Schleifspuren auf großen Kreuzungen, wie Autos in Leitplanken, wie Feuerbälle in Flughafenvorstädten.

Was, wenn sie nicht wiederkommt?

Auf die Wand gegenüber im Hinterhof malt das Licht eine Form wie ein x an die Wand.

Ich sehe eine Fahrradfahrerin, auf einer Strecke von zehn Minuten vielleicht, ich sehe sie hundertmal verunglücken. Straßenbahnen, Autofahrer, Fußgänger, andere Fahrradfahrer: Auf der Strecke gibt es nichts, was nicht gefährlich wäre.

Ich sehe mich das Telefon hören, ich sehe mich das Telefon abnehmen, ich sehe mich den ersten sein, der die Nachricht hört. Ich sehe mich telefonieren, ich rufe ihre Eltern an, ihre Geschwister. Ich frage mich, wie sowas geht. Wie man sowas macht. Diese Telefonanrufe allein. Und dann: ihr Zimmer ausräumen, diese tausend kleinen Gegenstände, die ich alle kenne. Umziehen, wahrscheinlich, raus aus der Wohnung mit den viel zu vielen Erinnerungen. Wie macht man das? Wegwerfen, weggeben, umziehen? Wie macht man weiter? Muss man weitermachen? Wie steht man morgens auf, wie geht man abends ins Bett? Wie erzählt man davon? Was, wenn sie nicht wiederkommt?

Jan Fischer

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Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich, als ePub u. a. bei bol.de, buch.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.at, thalia.ch, thalia.de, weltbild.at, weltbild.ch und weltbild.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr Buchhändler kann auch E-Books bestellen. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

15

Er sah die Lichter näher kommen, das Leder wurde ihm unter den Händen weggerissen, dann kam das Fahrzeug zum Stehen. Kein kreischender Reifen, kein knirschender Asphalt. Der Regen hatte aufgehört, auf das Blechdach zu trommeln. Die Tür ließ sich geräuschlos öffnen, das Warnsignal blieb aus. Das Fahrzeug hatte sich quer gestellt, als die Bremsen versagten. In seiner Erinnerung, die langsam verblasste, hatte es sich mehrfach gedreht. Aber das Ergebnis blieb das gleiche. Andere Autos, hätte es sie gegeben, wären ohne eine Chance auf Abbremsen in die Seiten des auf dem Mittelstreifen stehenden Fahrzeugs gekracht. Der zerbrechliche alte Lada wäre zum Spielball zwischen den Spuren geworden. Aber nichts dergleichen war geschehen.

Er fuhr sich durch das noch schweißnasse Haar. Er war auf dem Weg gewesen. Irgendwohin. Es war wichtig, aber er erinnerte sich nicht. Hatte es einen Unfall gegeben? Keine Bremsspuren im Halbdunkeln. Kein Kratzer am Auto. Kein Blut an seiner Kleidung. Es war, als wäre dies nicht die Straße, auf der er eben noch ins Schleudern gekommen war. Und die Farben verblassten wie das Wissen darum, was geschehen war. Der graue Asphalt vibrierte unter ihm, als führen schwere Laster die Straße entlang. Doch da waren keine Wagen. Niemand außer ihm. Nur die Nacht pulsierte schwarz-blau.

Ein heller Fleck am Horizont. Vielleicht ein anderes Auto. Vielleicht Hilfe? Hilfe wobei. Er ging zurück, setzte sich ans Steuer, wartete. Eine zeitlose Ewigkeit, dann konnte er das andere Fahrzeug ausmachen. Es bewegte sich langsam voran, als schleiche es durch einen dicken Nebel. Und mit ihm trug der seichte Wind ein Dröhnen herüber. Ein Dröhnen wie von schwerem Gerät, von Schallwellen, die aus riesigen Lautsprechern wummern, von berstendem Trommelfell. Doch er konnte nicht reagieren, sich die Ohren nicht zuhalten. Es schien überall und nirgends. In seinem Kopf, in seinen Gliedern. Je näher der Wagen kam, je deutlicher das Scheinwerferlicht sich gegen die Nacht abzeichnete, desto mehr hatte er das Gefühl, es würde ihn zerreißen, das dumpfe, tiefe, eintönige Geräusch. Unter den Bass mischte sich ein Geräusch wie brechendes Eis. Die Fläche eines Sees im Winter. Eines weiten Sees, auf dem sich Risse nur langsam voranbewegen. Und dann sah er sie. Feine Haarrisse auf der Frontscheibe.

Er berührte sie mit den Fingerspitzen.

Nun konnte er den anderen sehen. Er machte den Umriss eines Fahrers in der Kabine des Trucks aus, der die Straße entlang gekrochen kam, unweigerlich auf ihn zu. Der Mann musste ihn gesehen haben. Er wollte aussteigen, winken, aber seine Beine wurden schwer. Zu schwer, um die Pedale zu erreichen. Seine Arme wie Blei. Blei, das sich nach dem Sicherheitsgurt ausstrecken wollte und das Lenkrad erreichen. Und dann begriff er.

Mit dem ersten Schlag war die Welt wieder da. Doch nur für wenige Sekunden. Der Truck, der gerade noch in Zeitlupe auf ihn zugefahren war, riss die Unterseite des Wagens auf, als er ihn wie ein wütendes Rhinozeros über sich hinwegschleuderte. Der Lada flog durch die Nacht. Es war laut, es war kalt und es dauerte nur einen Augenblick. Dann waren Auto und Straße verschwunden. Und die Stille beruhigte ihn, während er aufhörte, zu existieren.

 

Samael Falkner

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Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich, als ePub u. a. bei bol.de, buch.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.at, thalia.ch, thalia.de, weltbild.at, weltbild.ch und weltbild.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr Buchhändler kann auch E-Books bestellen. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

14

Auf dem Weg zum U-Bahnhof liegt eine kleine Ladenstraße. Viele Geschäfte stehen inzwischen leer, seit vor zehn Jahren eine große Einkaufspassage ein paar Straßen weiter aufgemacht hat. Zwischen zwei Imbissen, einem Koreaner und einem Pizzaladen, liegen zwei Bestattungsinstitute. Es gibt keine Bestattungsinstitute in Einkaufspassagen, dort ist kein Platz für sie. Wer einen solchen Ort betritt, dem ist schwierig zu vermitteln, dass Konsum Glück verheißt. Wer hier kauft, hofft, nicht noch einmal kommen zu müssen. Und nirgendwo fühlt man sich weniger als Kunde als hier.

Und trotzdem sehen Bestattungsinstitute aus wie normale Geschäfte; mit ein bisschen Umgestaltung könnte man dort auch ein Versicherungsbüro eröffnen. Tatsächlich hat einer der Läden in seinen riesigen, abgedunkelten Schaufenstern aufwändig gearbeitete Schiffsmodelle stehen, die alle etwas angestaubt wirken – als würde man eine große Fahrt antreten. Natürlich ist das eine gängige Metapher, aber was macht sie aus einem Bestattungsinstitut? Ein Reisebüro für die letzte Überfahrt. Sterben als Tourismus.

Es hat etwas rührend Verzweifeltes, wie Bestattungsunternehmen versuchen, die Verstorbenen als Kundschaft zu behandeln. Aber es hilft ja nichts, wenn die Einnahmen wegbrechen; man muss sich doch anpassen. Das dachte jedenfalls irgendein Bestattungsverband, der vor einiger Zeit eine groß angelegte Kampagne startete, Titel: „Wer nicht wirbt, stirbt.“

Jahrhundertelang war das Motto von Bestattern: Ob früher oder später, tot ist tot, Hauptsache Blumen. Die Grundlage ihrer Existenz war Vergänglichkeit. Jetzt sagen sie, man könne dem Tod entgehen, wenn Plakate in der Stadt hängen.

Es gab bei diesem „Werben oder sterben“-Wettbewerb ein Motiv, das den Schriftzug „Bestimm Dein Endspiel selbst!“ trug, und ich dachte: Frankreich – Italien. Sie haben jugendliche Motive genommen; ein junger Mann, der einen Ball vor sein Gesicht hält, mit Mütze auf dem Kopf. Darunter steht „Vorsorge – eine Sorge weniger“. Der Claim selbst ist in einer lässigen Schreibschrift gehalten, so wie sich 60-jährige Lateinlehrer Graffiti vorstellen. Anfang der 90er haben Jugendbuchverlage mit ähnlicher Motivik und Gestaltung versucht, ihr Publikum anzusprechen; kurzum: das ganze Plakat ist Hilflosigkeit gewordenes Papier.

Und es war kein Ausrutscher. Es war der Gewinnerentwurf.

Kein Wunder, dass andere Bestatter, die von der Notwendigkeit der Werbung überzeugt sind, alternative Ansprachen in Betracht gezogen haben. In Berlin, auf der Frankfurter Allee, sitzt ein Institut, das auf einem großen Plakat im Schaufenster den Satz stehen hat: „Nie mehr zu viel bezahlen!“ Oh ja, das soll meine letzte Sorge sein! Nicht etwa, dass mehr Licht zu meinem Sterbebett dringt oder ich mich mit einem verlorenen Familienmitglied versöhne; nein, mein letztes Hemd soll abbezahlt sein. Als könnte es mir nicht völlig egal sein, ob mein Körper posthum Orkas verfüttert wird oder anlässlich einer Sportveranstaltung als Feuerwerk über die Eröffnungsfeier herunterregnet.

Ganz gefährlich sind jene Bestatter, die den Pakt mit dem Teufel eingehen und sich an Humor versuchen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sich ein Haufen wachsgesichtiger, steifer, tiefschwarz gekleideter Chefbestatter in einen mit kleinen Gedenkkränzen dekorierten, vollfurnierten Konferenzraum begibt, um sich von einer Agentur aus Kaufbeuren „junge, frische Ideen“ präsentieren zu lassen. So muss es bei der Vorstandssitzung des Großkonzerns welt-bestattung.de gewesen sein, der vor ein paar Jahren Zeitungsanzeigen schalten ließ, mit dem jetzt schon legendären Satz: „Bei uns liegen Sie richtig“. Ich hab ihnen sofort geschrieben, um sie zu fragen, ob sie sagen würden, ihr Service sei absolut unterirdisch. Leider hat mir nie jemand geantwortet.

Der Tod ist keine lustige Angelegenheit, jahrtausendelang wusste die Branche das. Nur der Kapitalismus hat sie vom Gegenteil überzeugen können, und das ist bedauerlicherweise noch nicht einmal sein größtes Verbrechen.

Frédéric Valin

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