133

 

Ich sah den Tod in seinen Augen. Eine Woche, bevor er starb, machte ich Fotos von ihm im Garten. Es war Pfingsten und herrlichstes Frühsommerwetter. Ich legte meine Hand auf sein Herz. Es pochte und sprang unversehens los, um dann wieder zu stocken. Ich legte mein Ohr an seine Brust. War da wieder Wasser in der Lunge? Sollten wir die Dosis der Medikamente erhöhen? Er blickte mich prüfend an. Und da sah ich, dass er es wusste. Seine Nase war warm und trocken. Kein gutes Zeichen. Unser alter Familiendackel machte sich bereit für den Tod. Als wenige Tage später der Anruf meiner Mutter kam, dass alles nicht hülfe und sie nun mit ihm zum Tierarzt fahren müsse, war das ein Schock, aber keine wirkliche Überraschung. Ich fuhr mit zitternden Händen zu meinen Eltern. Fast zwei Stunden brauchte ich für die Heimfahrt. Und da lag er auf seiner Decke, noch warm. Wir begruben ihn im Garten, in dem er selbst viele Male tiefe Löcher gegraben hatte. Wenn er mit erdiger Nase, flappenden Ohren, leuchtenden Augen und Erdklumpen zwischen den Krallen zurückkehrte, war das Geschrei groß. Am Tag seines Todes schrien wir leise in uns hinein. Und seine Ohren würden nie wieder flappen, seine Augen nie wieder leuchten.

Stop all the clocks, cut off the telephone. Ist es verrückt, einen Text über den Tod mit Erinnerungen an ein Tier zu beginnen? Wann ist ein Lebewesen es wert, betrauert zu werden? Und ist es nicht so, dass man genauso wenig bestimmen kann, um wen man trauert, wie man darüber bestimmen kann, ob und wen man liebt? Aber das wäre ein Text über das Trauern, keiner über den Tod. Wenn auch die Trauer und die Angst, jemanden zu verlieren und allein zurückzubleiben, den Tod so schwer erträglich machen.

Wundersamerweise vermag der Mensch mit jedem Mittel, andere Lebewesen zu Tode zu bringen, auch ein Mittel zu erfinden, das Leben verlängert oder den Tod aufschiebt. Mit unserer Geburt ist festgelegt, dass wir eines Tages sterben. Sterben müssen, um den uns ewig scheinenden Kreislauf aus Geburt und Tod zu vollenden. Es ist ein Trost, dass wir darin alle gleich sind. Es ist wenig tröstlich, dass man in der Regel nicht weiß, wann man sterben wird. Oft erscheint der Tod (wie das Leben) ungerecht. Oft sind die Umstände ungerecht und für viele der Tod zu früh, wenn Gewalt, Unglück oder Krankheit Todesursache waren. Das Schlimmste am Tod ist dessen Unumkehrbarkeit. Im Leben gibt es immer noch Hoffnung, Hoffnung auf Änderung, auf ein Weiter. Im Tod gibt es nur das Vorbei.

Just remember that death is not the end. Tröstlich finde ich, dass im Grunde nichts verloren geht. Woraus wir gemacht sind, bleibt auf der Erde, zerfällt, nährt Gras oder Baum. Daraus werden Samen, die mit dem Wind fortgeweht werden. Wenn ich eines Tages sterbe, wünsche ich mir, dass man auf meinem Grab einen Johannisbeerstrauch pflanzt. Einen, der knallrote Beeren trägt, die von munteren Spatzen geplündert und in die Welt getragen werden. Und meine Seele? Vielleicht sind es die Seelen der Toten, die uns im Traum besuchen. Ich wache manchmal auf und habe noch das Gefühl der Dackelohren an meinen Fingerspitzen. Vielleicht husche ich auch einst durch jemandes Träume, wer weiß?

Wibke Ladwig

 

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punkt
tot
aus dem kontakt geraten aus dem kontext gerissen äußerst gerissen und zwar
darf ich dir mein ende reichen?
langt es dir oder magst du den rest mit mir teilen? es ist noch was da
; was wir tun könnten:
den tod vorziehen
in die sprache
haltewörter finden für ihn
und durchspielen
das könnte sich leben nennen
aber leben ist ein unbrauchbares wort
komma

 

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Oh wie schön, dereinst in die Harmonie des Nichts zurückzukehren! In den menschenwürdigen Zustand des Gleichklangs von Geist und Materie! Tod, nimm diese groteske menschliche Missgeburt und erlöse sie aus dem Korsett der Irrtümer! Führe uns aus der tosenden See der Falschheit in den ruhigen Hafen der Einfachheit. Tod, verschwinde durch den Tod!

Solange man lebt, ist man nicht tot. Wenn man tot ist, lebt man nicht mehr, sodass man dann subjektiv auch nicht tot ist. Es gibt kein Subjekt mehr. Ein Subjekt ist nie tot. Es gibt nur ein Wissen, dass man eines Tages tot sein wird, die empirische Schlussfolgerung aus Erfahrungen. Menschheitswissen.

Es heisst, der Tod sei die größte narzisstische Kränkung. Das ist insofern verwunderlich, als das Leben weder eine Leistung des Narziss ist, noch überhaupt vorstellbar. Das Leben ist irgendwie da. Dass es überhaupt irgendetwas gibt, also auch das Leben, ist ein Geschenk … und mit unserem Denken vollkommen unvereinbar. Denn unser Denken widerspricht sowohl der Idee der Unendlichkeit als auch der Vorstellung, dass aus Nichts etwas entstehen kann. Wir können das nicht denken, auch wenn wir uns den Kopf zerbrechen. Das Leben ist die eigentliche narzisstische Kränkung. Der Tod, das Nichts hingegen ist verständlich. Und diesen mit unserem Denken so wunderbar harmonisch vereinbaren Zustand erreichen wir am Ende unseres Lebens ganz von allein. Ein Schiff wird kommen …

Wer ruft da „cogito ergo sum“? Oh Falschheit, oh Eitelkeit! Das cogito, das Denken ist doch falsch! Welch irrige Gewissheit des falschen Bewusstseins soll die Schattenhaftigkeit des Seins beweisen? Welche Folter des Nichtwissenkönnens! Das Vergangene ist falsch, das Zukünftige ist nur vorweggenommenes Vergangenes, alles ist nichtig, und Asche im Wind.

Nur Träumen ist Jetzt, nur Jetzt ist göttliche Allmacht. Jetzt ist immer und ewig. Es gibt keinen Tod.

Moritz Reichelt
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Wir sind sterblich, wo wir lieblos sind, unsterblich, wo wir lieben. (Karl Jaspers)

Oktober 2005: Urlaub mit den Enkelkindern. Julius ist vier, sein großer Bruder fast acht Jahre alt. Es ist wunderschön mit den beiden und es ist anstrengend. Julius ist immer noch nicht richtig sauber. Julius spricht kaum – er möchte es, jedoch mehr als zwei Worte bringt er nicht heraus. Er will auch mit mir singen, aber es geht nicht und er schaut mich mit einer unendlichen Traurigkeit an. Was ist mit diesem Kind los? Ist Julius einfach nur etwas verzögert in seiner Entwicklung? Vielleicht liegt es an den Medikamenten gegen Epilepsie – diese Krankheit hat er wohl von seiner Mama geerbt.

November 2005: Die Ärzte haben nun die endgültige Diagnose und unser Sohn überbringt sie uns. Julius hat NCL – Neuronale Ceroid-Lipofuszinose. Ein seltener Gendefekt, eine Hirnabbauerkrankung – Alzheimer bei Kindern. Derzeit noch nicht heilbar. Julius wird blind werden, die Krampfanfälle werden sich häufen, er wird nach und nach alle bisher erlernten Fähigkeiten verlieren, er wird vielleicht noch zwei Jahre leben.

Der Himmel stürzt ein, die Welt bricht zusammen. Trauer, Wut, Ohnmacht, Verzweiflung, Tränen sowieso. Meine Beine werden zu Blei, meine Arme werden zu Pudding. Irgendwann wenigstens eine SMS an die Schwiegertochter: „Wir drücken dich – wir sind für dich da!“

Im Radio läuft bald unentwegt: „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg ist steinig und schwer.“ Ja, das wissen nun auch wir. Die eigene Traurigkeit muss jetzt unwichtig sein. Wir werden erst einmal stets für Julius, seinen Bruder und ihre Eltern da sein. Die beiden leben schon seit einem Jahr getrennt – alles wird noch komplizierter werden – „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg ist steinig und schwer.“

Die Krankheit läuft wie vorhergesagt, der Abbau geht schnell. Kann Julius in einer Woche noch einen Keks greifen und zum Mund führen, so greift er in der nächsten Woche schon mühsam ins Leere. Ich gebe ihm den Keks und er steckt ihn in den Mund. In der dritten Woche findet er seinen Mund erst beim dritten Anlauf.

Es tut so weh.

Die Familie, die eigentlich keine mehr ist, rückt wieder mehr zusammen. Alle wollen nur noch eins: Julius soll es gut gehen. Wir machen neue Erfahrungen: Alte Freunde gehen verloren – sie können mit unserem Unglück nicht umgehen. Neue Freunde werden gewonnen – sie finden die richtigen Worte – sie fragen einfach. „Wie geht es dem Kind?“ Ich ziehe mich in mich zurück – sinnloses Geschwätz in meiner Nähe kann ich nicht mehr ertragen. So viel wird unwichtig – weniges wirklich wichtig.

Es tut so weh.

Die Familie schafft den Alltag nur noch mit Unterstützung durch einen Pflegedienst. Julius hat eine Magensonde, sitzt im Rollstuhl. Einmal in der Woche hole ich seinen großen Bruder von der Schule ab. Danach ist Julius dran – dann ist Kuschelstunde und ich singe ihm mein ganzes Kinderliederrepertoire vor. Er ist dement, aber er weiß, dass Oma da ist und gleich singen wird. Er bebt wie ein Baby vor lauter Freude.

Einmal legt die Mama ihn anders als gewohnt auf die Couch zu mir – sein rechtes Ohr ist nun fast taub und er soll mich besser hören. Er ist unruhig – so will er nicht liegen! Dann tut er etwas, was er schon jahrelang nicht mehr getan hat: Er versucht mitzusingen. Es geht nicht, er weint – er hat aber auch schon lange nicht mehr geweint. Was will er mir sagen? Ich verspreche ihm, nächste Woche kann er wie gewohnt auf seiner rechten Seite liegen.

Sechs Tage später kommt der Anruf – Julius ist tot!

Wir haben ihn alle noch einmal gesehen: seine Eltern, sein Bruder, Großeltern, Tante, Onkel und die Betreuer. Er war so kalt und so klein. Ein bisschen roch er noch nach Julius. Er hatte es geschafft. Wir noch nicht. Wie viel Trauer wird noch in uns sein? Wir hatten schon dreieinhalb Jahre lang getrauert.

Jeder von uns ist in dieser Zeit tausend kleine Tode gestorben und jeder von uns hat in dieser Zeit unendlich viele Momente des vollkommenen Glücks empfunden – immer dann, wenn Julius uns angelächelt hat


Karola Sasse

 

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Anmerkung: Jene, die die Priester, die Familien, die Raben und die Reden an den Gräbern kennen, werden trotzdem nichts vom Hindergrund wissen: vom Wind, der durch die frischgepflügten Ackerfurchen und die Schädel pfeift, der über die Tundra rast und jene Kälte bringt, die die Atemzüge der vielen, vielen Montagskinder von übermorgen als Nebelschwaden, deren Existenz sich an der von Regenwolken Sekunde für Stunde bemisst, verifizieren.

Warum dämmert es früher heute?
Gestorben ist mir niemand, oder?
Die, die diesen Friedhof kennen, wissen, wie riesig er ist und dass jeder, der jemals starb, hier tot liegen könnte. Da mir aber bisher niemand gestorben ist, kann mir das egal sein, und singend hüpfe und tanze ich zwischen den Steinen.

Gestorben sind mir bisher keine:
Weder jagen Wölfe Märchenkinder
in den tiefen Wäldern,
noch sticht’s ins Herz nach viel Champagner
oben im Hoteldoppelzimmer.
Lorbeeren will ich dafür keine.
Die neuen Toten sind nicht meine.

Und wieder der unwiderstehliche Sog der Dunkelheit, der mich, zwischen Feld und Friedhof, auf die kleine Straße meiner Kindheit, zu deinem Laden, wo mein erster Einkauf in Tränen endete, hinzieht. Einkaufen will ich noch einmal bei dir, die du damals (eine Zeit von Sahnebonbons, so groß, dass meine kleinen Hände keine zwei davon halten konnten) deine Milch im Glanz von warzengroßen Aludeckeln„versiegelt hieltst.

Kennst du mich überhaupt noch? Auf der Straße treffen wir uns nie und wenn du tagsüber vorbeikommst, schlafe ich. Wenn ich zum Einkaufen losgeh, legst du schon die Zeitungen zurecht und stellst Milch und Bier in den Kühlschrank.

Damals trankst du Alkohol
Warst ein blasses Mädchen wohl
Merkst, dein Bauch ist nicht mehr hohl
Schwangerschaft, sagt dein Gefühl
Warst ein blasses Mädchen wohl
Damals trankst du Alkohol

Die Tür ist noch zu, wenn ich ankomme. Aus deinem offenen Mund, aus dem Schatten des Hindergrunds, spricht Angst. Ich bin die halbe Nacht gelaufen, um zu dir zu kommen. Sei bitte nicht so. Mach auf und komm nach draußen. Nimm die Münzen und leg mir Milchdeckel auf meine Augen. Wir sind Familie.

Warum dämmert es früher heute?
Geboren ist mir niemand, oder?
Nein. Der Sog ergreift mich wieder, dort im Hindergrund – unwiderstehlich – und reißt mich die Straße entlang, weg von den ersten Sonnenstrahlen zwischen Feld und Friedhof, zwischen Steinen, treibt mich durch Furchen, durch Gräber, zu den knöchernen Wänden eines Schädels in dessen Augenhöhlen die Münzen noch ruhen.

Joseph Given

 

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128

Es war einmal ein Mädchen, das war allein. Es war allein in einem großen Haus. Die Eltern kannte es nicht mehr. Sie lebten wohl noch und schrieben anderen. Doch wennfalls der Vater plötzlich durch den offenen Kamin rauschen würde, oder die Mutter im Keller hurtig röchelnd herumkröche, das Mädchen wüsste nicht, wer das wohl wäre.
Nun war es ein erstaunlich heißer Karfreitag und das Mädchen durfte nicht mal mehr tanzen und es lag so vor sich, spielte auf seinen Geräten und draußen wehte ein lauer, stetiger Wind.
In der offenen Küche fiel plötzlich etwas zu Boden. Im Keller ging das Licht an und die Kellertür auf.
Und es wurde merkwürdig warm. Das Mädchen lag auf einer legendären Couch, die Verandatür war offen.
In den schönen Hecken war etwas. Nicht dass es es sehen konnte, es wusste einfach, dass da etwas war, oder einer. Und es schien ihm, als ob oben, in den Schlafzimmern etwas sehr, sehr Schweres und unendlich Trauriges über die abgezogenen Dielen geschleift würde.
Das Mädchen war voller Freude, lief glatt hinaus in die Hecken und packte den Schemen direkt beherzt bei den Augen, schrie mit ihm sein letztes Lied und stopfte ihm allen Dreck und Boden und Heckenstecken in den Hals, bis er verstummte. Es war nicht still. Im Keller waren 18 dunkle Kleine, die auf irrwitzig winzigen Hufen die steile Treppe hochtrabten und aus verfetzten, staubigen Streicheltiermündern chorisch ein gottloses Muuuhhh flüsterten. Das Mädchen schrie in die Brust und holte das Feuer und machte den Herd an und nahm jedes einzelne Kleine ganz quick und quetschte das Schöne raus und warf es unter ihre Füße und trampelte rum und zündete alles an und schämte sich, weil es eigentlich wusste, wer sie waren – die Kleinen. Nun brach die Decke und es quollen wollene Schafsaugen von oben herab und aschfahle Ohren erhoben sich an den Nisseln der Lider der Verbrannten und horchten jetzt lauernd, was wohl das Mädchen sagen würde. Das Mädchen ging nun nach oben, sprang selbst durch die Decke und brach sich zwei Beine und lag alleine im Zimmer vor der Verandatür und es war erstaunlich heiß für einen Karfreitag und weil es noch nicht wusste, dass Beine so schön sind, scherte es sich nicht weiter um den Schmerz und kroch durch die Verandatür zurück hinein in die Hecken und da lag es und war nicht mehr so ganz allein, denn es hatte getötet – den Schemen, die Kleinen und die wahren Waren, die waren von nun an immer bei ihm und dennoch musste es verhungern. Aber das war ihm egal und klar war, dass sein Steckenpferd nicht fliegen konnte.

Muuuuhh Mumm, Mimmi, sag mal hey.
Deine Stimme kenn ich. Barbaross Day.
Komm will singen. Bin kein Vieh.
Frag die Toten.
Lieber Nie.

Kann kaum tanzen,
aber besser als die,
Muuuh Mumm, Mimmi
Sag mal Hey.

Töte jeden, den ich nicht kenn.
Weiss von allen.
Wenn ich mich schäm.

Liebe dennoch.
Wirklich nichts.
Doch auch das,
Gefällt mir gut.
Mumuuu Mimmi. Sag mal …… Buuuhhhhh.

 

Andreas Schwarz

 

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127

Mutter probierte nach der Scheidung verschiedene Männer aus. Einer von ihnen saß eines Abends im Advent in unserer Dresdner Wohnung, er nannte sich Wolf und hielt eine brennende Wunderkerze in der Hand. Tags darauf brachte er mich in den Kindergarten. Bis heute bestreitet Mutter, dass sie je einen Wolf gekannt habe. Wenn ich an ihn zurückdenke, mischt sich Geborgenheit mit der Frage, ob er mich getötet hätte, wenn er wollte.
Ein anderer Mann wohnte am Stadtrand von Dresden in einem Haus mit einer riesigen Spinne im Keller und besaß einen Computer, an dem er mich und meinen Bruder spielen ließ, weil es ihn überforderte, uns zu beschäftigen. Das Spiel hieß Prince of Persia und unsere Unfähigkeit, den Prinzen korrekt zu lenken, führte diesen immer wieder in die gleichen Fallen: Er wurde aufgespießt, von Guillotinen zerteilt und brach sich das Genick, all das in unmissverständlicher rotoskopierter Darstellung. Das erlebten wir gemeinsam, sprachen dabei aber kaum ein Wort.
Mutter wollte immer, dass wir leben, besonders nachdem ihr nach der Geburt meines Bruders gesagt worden war, dieser würde vermutlich nicht alt werden. Ihr Wunsch, mir und vor allem ihm Normalität zuzumuten, Dinge, die lebendige Kinder tun, brachte uns immer in Situationen, die wir als lebensbedrohlich empfanden. Kuren, in denen man seine Angstkotze wegen zu engmaschiger Siebe mit den Fingern aus dem Waschbecken holen musste und Herbstferienlager politischer Parteien. Die Zeit kurz nach dem Tod der DDR war eine, in der zahlreiche Pädagogen geistig mitstarben, aber als Untote weiterarbeiteten. Hilflos, aber brutal. Du isst jetzt dein Essen. Hör auf zu weinen.
Im Herbstcamp der Falken, für den Transport war ein Busunternehmen mit dem Namen „Taeter Tours“ engagiert worden, gerieten A. und ich auf ein Zimmer mit drei anderen Jungs, die sich kannten und unsere nicht eingeplante Anwesenheit als Belästigung empfanden. Am ersten Tag kippten sie dem vor Heimweh sich dauerübergebenden Bruder Tee ins Bett, am zweiten versuchten sie, seine Nase zuzuleimen. Ich war verzweifelt und starr vor Entsetzen, besonders als sie mir die Freundschaft anboten, wenn ich ihn denn verriete. Vorher teilten sie mir jedoch mit, dass mein Bruder eine tödliche Krankheit und nur noch ein paar Tage zu leben habe. Ich glaubte ihnen alles. Der Betreuer war überfordert und ich sehe ihn noch immer vor mir, wie er im zur „Disko“ umgedeuteten Speisesaal ekstatisch tanzt, während ich an einem Tisch sitze und über den kommenden Tod meines Bruders nachdenke. In derselben Nacht zerlegten sie das Bett meines Bruders, um sich daraus eine Burg zu bauen. Mein Bruder schlief deshalb auf dem Gang und am nächsten Tag vor Erschöpfung im Bus weiter. Taeter Tours. Es war sicher alles nicht so gemeint.

Vi

 

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126

Gestern hat sich neben mich Herr Tod gesetzt
gewährte einen Blick in seine Karten
zerfetzter Seele Augen kurz benetzt
überall werd ich von nun an ihn erwarten
werd was ich bisher nur wollte tun im Jetzt
werde ehren jede Zeit
nie verschwenden
leben was noch bleibt

Raphael Voss

 

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125

„Mama ruft an“ meldet mein Handy, und für einen winzigen Moment bin ich tief erschrocken, denn Mama ist vor sieben Monaten gestorben.
Mama? Von wo sprichst du?
Natürlich sage ich das nicht, denn es ist Papa, der anruft, und das hat er offenbar seit sieben Monaten nicht getan. Fürs Telefon war immer Mama zuständig, darum steht da auch nicht „Eltern“ oder „zu Hause“ oder „Mama und Papa“.
Papa telefoniert nur, wenn es wirklich wichtig ist, und auch dann sehr rationiert. Als Mama damals ins Krankenhaus kam, fand er es vernünftig, erst die Operation abzuwarten und die Meinung der Ärzte zu hören, bevor er uns Kinder informiert. Panik machen liegt ihm nicht.
Wir erfahren, was geschehen ist und jetzt passieren muss und versuchen, uns auf die Veränderung einzurichten. Es wird schwierig, aber wir schaffen es.
Das letzte halbe Jahr ihres Lebens verbringt Mama im Pflegebett und wird immer weniger. Verliert nach und nach Sprache, Kontrolle, Gedächtnis, Motorik, verliert bis zum Schluss nicht ihr erfreutes Strahlen, sobald einer von uns sich über sie beugt und in ihrem Gesichtsfeld erscheint.
Wir wissen, dass sie nicht mehr lange leben wird.
Freitag abends ruft Papa an. Wärend ich noch heiter so tun möchte, als wäre nichts geschehen. Aber das Bett im Schlafzimmer ist leer, Mama ist weg, liegt im Sarg aufgebahrt in der Leichenhalle.
Es ist viel los, ein Kommen und Gehen: Cousins und Kusinen, Tanten und Onkel, Nachbarn und Freunde, Pastor, Bestatter und Postbote, wir kommen nicht zur Ruhe, und das ist auch gut so.
Still wird es erst nach der Beerdigung.
Ich mache die Wäsche, wie immer seit sie krank ist, und dann, mit einem ordentlichen kleinen Stapel ihrer Pyjamas in der Hand, weiß ich plötzlich nicht mehr weiter.
Der Tod – zu groß für meinen Verstand. Aber Pyjamas, die Mama nie mehr tragen wird – es ist ganz sinnlos, sie wieder sorgfältig in den Schrank zu legen, aber ich mache es trotzdem und weiß, dass es das letzte Mal ist.
Andere letzte Male kommen.
Der Schnabelbecher. Ihre Brille. Unvollendete Handarbeiten.
Dann erste Male: Ein Familienfest, für das ich die Marzipantorte backe. Ein Ausflug. Und schließlich dieser Anruf von Papa, der kein Unglück meldet.
Ich ändere den Eintrag im Telefon.
Wenn ich demnächst „Papa ruft an“ lese, wird es ein anderer Schreck sein.

 

Martina Minette Dreier

 

 

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124

1
Ich liege im Krankenhausbett. Zwei mal ein Meter. Die Streifen auf der Decke. Blau. Blau. Gelb. Gelb. Gelb. Gelb. Gelb. Blau. Blau. Der Blick streift die Wolken. Eine Mineralwasserflasche auf dem Tisch. Die Pupillen folgen den Bläschen darin. Die großen lösen sich langsam und zwirbeln dann tanzend an die Oberfläche. Dann sind sie weg. Eine Stunde. Zwei vielleicht. Dann darf der Blick zum Baum im Garten wandern. Den Turmfalken folgen. Oder den Krähen. Nichts sein. Steinern. Warten.

2
Aus. Halten. Los. Lassen. Will. Kommen. Da. Nichtmehrsein. Aus. Halten. Aus. Halten.

3
Schmerzenskörper. Ohnemacht. Atemmissen. Atmenmüssen. Gedankenrasen. Leere. Leere. Weiter. Schmerzensraum. Halten. Gehaltenwerden. Suchen. Nichtfinden. Atmen. Schlafflucht. Nichtfinden. Nie wieder finden. Allein. Allein. Mond.

4
Ich liege im Krankenhausbett. Zwei mal ein Meter. Die Streifen auf der Decke. Blau. Blau. Gelb. Gelb. Gelb. Gelb. Gelb. Blau. Blau. Ich müsse essen. Der Blick streift die Wolken. Allesamt sehen sie aus wie Du, Luna, schönstes aller Wesen. Eine Mineralwasserflasche auf dem Tisch. Die Pupillen folgen den Bläschen darin. Die großen lösen sich langsam und zwirbeln dann tanzend an die Oberfläche. Dann sind sie weg. Eine Stunde. Zwei vielleicht. Ich müsse atmen. Dann darf der Blick zum Baum im Garten wandern. Den Turmfalken folgen. Oder den Krähen. Nichts sein. Steinern. Der Mond geht auf.

 

Ruth Hundsdoerfer

 

 

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