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Eines Tages werden wir alles vergessen. Und nach dem Tod auch das.

@gallenbitter

 

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Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich in fast allen Downloadstores, z. B. bei Ocelot, Fairbuch, Osiander, Schweizer und, na klar, auch bei Apple iBooks und Amazon, außerdem in vielen stationären Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach: Buchandlungen können Frohmann-E-Books ganz einfach über Libri bestellen. Die neue Version gibt es für Käuferinnen und Käufer der älteren Versionen jeweils gratis als Update. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet. (Anders als noch in manchen Beschreibungen zu lesen, wird sich das Projekt noch ein Weilchen hinziehen, Leben ist halt nicht planbar.)

 

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Mach eine Liste aller Menschen, die dir fehlen.

Sprich aus, was du konkret – an jedem einzelnen – vermisst.

Steck alle Verluste ab, spezifisch, nur für dich: ideell, materiell, sozial/alltäglich, kulturell.

Eine Inventur deiner Zäsuren, Brüche.

Aller plötzlichen Nie-Wieders und Dann-doch-nichts und Zu-Späts.

Öffne ein Register für alles, was ein Tod dir nahm. Stahl?

Verschenktes Potenzial. Falsche Aufschübe. Verlorene Zeit, Unmöglichkeiten.

Sei egoistisch, hungrig, leg dich fest – bis runter zum kleinsten, albernsten regret.

Und dann dreh um – mach eine Liste über deinen eigenen Tod. Aus Sicht der anderen.

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Am Check-in jedes Fluges wünschte ich, Verena hätte die Liste meiner Passworte: Gmail, der GMX-gesendet-Ordner, WordPress, Facebook, das Passwort meiner 2000 Seiten Tagebuch auf der externen Festplatte, 1997 bis 2004. Mein digitaler Nachlass, mein Vermächtnis – falls ich und mein Computer heute ins Meer stürzen, verstummen. Keine weiteren Worte in die Welt lassen dürfen.

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Mach eine Bucket List, wenn du nicht anders kannst.

Und klar – Patientenverfügungen, Organspende. Formalia.

Aber das meine ich nicht:

Es gibt genügend Online-Listen mit 1000 Dingen, die du tun musst, ehe du stirbst. (Bürokratie!)

Es gibt genügend Online-Listen mit 1000 things to see before you die. (Tourismus!)

Ich will ein Inventar aller Dinge, die du geben kannst: ideell, materiell, sozial/alltäglich, kulturell.

Dazu die Liste aller Menschen, denen etwas fehlen würde – zwischen deinem Tod und ihrem.

Und einen Plan: Was du hinterlässt. Für wen genau.

Und wer – womit genau? – was anzufangen wüsste.

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Als sie mit 14 ihr erstes Testament schrieb, mailt Julia, legte sie die Rangfolge fest, in der ihre Freunde das Zimmer betreten durften, „um sich eine Sache auszusuchen. Mein Nachttisch durfte aber nicht aufgemacht werden!“ Braucht, will oder trösten jemanden meine Comics (Richard? Jakob?), Romane (Maria?), Kleider (…?!), Festplatten, Daten (Frank, Simone, Lino? Und Jule und Jan: Könnt ihr notfalls mein Buch beenden)…? Wie finden die richtigen Hinterlassenschaften die richtigen Hinterbliebenen? Was von dem Zeug, das ich besitze, schreibe, weiß, zu sagen habe, hat einen Wert – Glücks- und Erkenntnispotenzial? Für wen?

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Mach Ablageorte.

Mach dir bewusst, dass deine Ablageorte später Fundorte werden.

Mach Sicherungskopien, Fotos. Keep your old love letters. Throw away your bank statements.

Mach einen Stammbaum und zähl 20 Dinge auf über jeden Namen im Geäst.

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Roy hat die Schlüssel zu M.s Wohnung, damit er Pornos löschen, Fenster putzen, alles Unvernünftige verschwinden lassen kann in den kurzen Stunden zwischen einem Unfalltod von M. und einer Anreise und Wohnungsinventur durch M.s Mutter. „Meine Tante verließ ihren Mann: Er soff sich dann zu Tode, allein. Die letzten Tage schaffte er es nicht mehr bis zum Klo. Meine ganze Kindheit lang habe ich nichts Gutes über ihn gehört. Der Dreck in seiner Wohnung. Die Ecke, in die er pisste. Das haben alle behalten. Sonst nichts.“ Roy hat den Wohnungsschlüssel, um zu verhindern, dass M., falls er überraschend stirbt, am Zustand seiner Zimmer gemessen und erinnert wird.

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Hast du eine Geschichte? Schreib sie auf.

Hast du alles gesagt? Genug? Hast du die wichtigen Menschen alles Wichtige wissen lassen?

Hast du etwas gesehen, erlebt, das mit dir stirbt? (Muss es das?)

Dreh kurze Filme. Nimm deine Stimme auf.

Lass Karten hier, die uns zu deinen Schätzen führen.

Trete Spuren. Halt dich fest.

Mach Nacktbilder – für die Person, die das zu schätzen weiß oder wüsste.

Ich will die Liste aller Orte, an denen du zwei Nächte verbrachtest – oder mehr.

Ich will die Liste aller Menschen, mit denen du zwei Nächte verbrachtest – oder mehr.

Ich will deine Lieblingssongs und -filme. Deine Favoriten. Deine Perlen.

Ich will Kultur, in der du dich erkennst. Entdeckungen – die mehr über dich verraten.

Ich will das Inventar der Dinge, die du teilen kannst – sobald du stirbst.

Und ich will, dass du Wege findest, das Teilen vieler Dinge nach vorne zu verlegen:

Sobald du kannst – lass uns gleich teilen. Heute.

Wozu erst warten, bis einer von uns fehlt?

 

Stefan Mesch

 

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Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich in fast allen Downloadstores, z. B. bei Ocelot, Fairbuch, Osiander, Schweizer und, na klar, auch bei Apple iBooks und Amazon, außerdem in vielen stationären Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach: Buchandlungen können Frohmann-E-Books ganz einfach über Libri bestellen. Die neue Version gibt es für Käuferinnen und Käufer der älteren Versionen jeweils gratis als Update. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet. – Anders als noch in manchen Beschreibungen zu lesen, wird sich das Projekt noch ein Weilchen hinziehen, Leben ist halt nicht planbar.

 

 

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Stille umgab ihn. Er hielt die Augen fest geschlossen. Die warme Sommersonne, die ihm ins Gesicht schien, machte aus dem Schwarz ein angenehmes Orange. Er genoss diese Momente der Einsamkeit auf seinem Lieblingsfriedhof. Wann immer es seine Mittagspause zuließ, besuchte er diesen besonderen Ort. Diese grüne Oase inmitten der pulsierenden und lärmenden Großstadt. Hier war er ganz bei sich, konnte ungestört seinen Gedanken nachhängen. Hier fühlte er sich geborgen.

„Geborgen unter Toten?“, dieser Gedanke erschreckte ihn manchmal. Was war es, was ihn hier immer wieder hinzog? Er dachte zurück. Zurück an die Menschen, die er in seinem Leben schon auf ihrem letzten Weg begleitet hatte. Familienmitglieder, entfernte Verwandte, Freunde, Kollegen. Keine Beerdigung war wie die andere gewesen. Manches Mal hatte ihn die Situation des endgültigen Abschieds überfordert. Andere Male fand er sich in der Rolle des nahezu unbeteiligten Besuchers wieder.

Die Beerdigungen, die ihn an Grenzen gebracht hatten, waren die der Menschen, die er auch Jahre später noch immer vermisste. Die Menschen, mit denen er an diesem Ort immer wieder die stille Zwiesprache suchte. Diejenigen, in die er sich hineinzudenken versuchte, um zu ergründen, wie sie mit seinen Fragen und Herausforderungen umgegangen wären.

Er schlug die Augen auf und blickte auf das vollkommen verwahrloste Grab vor sich. Über und über war es mit Wildwuchs bedeckt und die Friedhofsverwaltung hatte bereits ein mahnendes Schild angebracht, dass man die Fläche einebnen würde, sollte nicht bald wieder Ordnung ins Grün einkehren. Er betrachtete den stark vermoosten Grabstein. In großen, aber kaum noch lesbaren goldenen Lettern prangte darauf das Wort „Unvergessen“.

Er schmunzelte angesichts der stummen Dialektik des Ortes. Wie war das mit dem Vergessen? Wen hatte er bereits vergessen? Wer war für ihn unvergessen und in welchen Situationen erinnerte er sich? Unwillkürlich erinnerte er sich an seine schon vor vielen Jahren in hohem Alter verstorbene Lieblingsoma, eine starke, lebenskluge Frau. Dreiundzwanzig gemeinsame Jahre waren ihnen vergönnt gewesen. Jahre, in denen sie ihn immer mit ihrer Herzenswärme und ihren vielen klugen Alltagsweisheiten beeindruckt und geprägt hatte. Ihr legendärer Satz „Junge, es gibt Tage, da tust du bei“ hatte sich so eingebrannt, dass er Tage, an denen bei ihm nichts zusammenlief, liebevoll „Ommatage“ nannte. Wie oft schon hatte er diesen Satz im Freundes- und Kollegenkreis erzählt. Mittlerweile führten die „Ommatage“ ein Eigenleben und wurden auch von anderen adaptiert.

Schon lange gab es kein Grab mehr, an dem er seiner Oma gedenken konnte. Ihre Ruhestätte war bereits vor vielen Jahren eingeebnet worden. Und doch war sie im wahrsten Wortsinn der lebende Beweis, dass Gedenken keinen Ort braucht. Er hing dem Gedanken einen Moment nach und kam dann für sich zu dem Schluss, dass Erinnerung lediglich eine Ursache kennt: die Weisheit des Herzens, die Liebe. Diese banale Erkenntnis zauberte ihm ein Lächeln ins Gesicht. Und auf einmal war ihm klar, warum er Orte wie diesen so gern besuchte.

 

Mehr Liebe für alle. Bitte.

 

 

Johannes Korten (†)

 

 

 

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133

 

Ich sah den Tod in seinen Augen. Eine Woche, bevor er starb, machte ich Fotos von ihm im Garten. Es war Pfingsten und herrlichstes Frühsommerwetter. Ich legte meine Hand auf sein Herz. Es pochte und sprang unversehens los, um dann wieder zu stocken. Ich legte mein Ohr an seine Brust. War da wieder Wasser in der Lunge? Sollten wir die Dosis der Medikamente erhöhen? Er blickte mich prüfend an. Und da sah ich, dass er es wusste. Seine Nase war warm und trocken. Kein gutes Zeichen. Unser alter Familiendackel machte sich bereit für den Tod. Als wenige Tage später der Anruf meiner Mutter kam, dass alles nicht hülfe und sie nun mit ihm zum Tierarzt fahren müsse, war das ein Schock, aber keine wirkliche Überraschung. Ich fuhr mit zitternden Händen zu meinen Eltern. Fast zwei Stunden brauchte ich für die Heimfahrt. Und da lag er auf seiner Decke, noch warm. Wir begruben ihn im Garten, in dem er selbst viele Male tiefe Löcher gegraben hatte. Wenn er mit erdiger Nase, flappenden Ohren, leuchtenden Augen und Erdklumpen zwischen den Krallen zurückkehrte, war das Geschrei groß. Am Tag seines Todes schrien wir leise in uns hinein. Und seine Ohren würden nie wieder flappen, seine Augen nie wieder leuchten.

Stop all the clocks, cut off the telephone. Ist es verrückt, einen Text über den Tod mit Erinnerungen an ein Tier zu beginnen? Wann ist ein Lebewesen es wert, betrauert zu werden? Und ist es nicht so, dass man genauso wenig bestimmen kann, um wen man trauert, wie man darüber bestimmen kann, ob und wen man liebt? Aber das wäre ein Text über das Trauern, keiner über den Tod. Wenn auch die Trauer und die Angst, jemanden zu verlieren und allein zurückzubleiben, den Tod so schwer erträglich machen.

Wundersamerweise vermag der Mensch mit jedem Mittel, andere Lebewesen zu Tode zu bringen, auch ein Mittel zu erfinden, das Leben verlängert oder den Tod aufschiebt. Mit unserer Geburt ist festgelegt, dass wir eines Tages sterben. Sterben müssen, um den uns ewig scheinenden Kreislauf aus Geburt und Tod zu vollenden. Es ist ein Trost, dass wir darin alle gleich sind. Es ist wenig tröstlich, dass man in der Regel nicht weiß, wann man sterben wird. Oft erscheint der Tod (wie das Leben) ungerecht. Oft sind die Umstände ungerecht und für viele der Tod zu früh, wenn Gewalt, Unglück oder Krankheit Todesursache waren. Das Schlimmste am Tod ist dessen Unumkehrbarkeit. Im Leben gibt es immer noch Hoffnung, Hoffnung auf Änderung, auf ein Weiter. Im Tod gibt es nur das Vorbei.

Just remember that death is not the end. Tröstlich finde ich, dass im Grunde nichts verloren geht. Woraus wir gemacht sind, bleibt auf der Erde, zerfällt, nährt Gras oder Baum. Daraus werden Samen, die mit dem Wind fortgeweht werden. Wenn ich eines Tages sterbe, wünsche ich mir, dass man auf meinem Grab einen Johannisbeerstrauch pflanzt. Einen, der knallrote Beeren trägt, die von munteren Spatzen geplündert und in die Welt getragen werden. Und meine Seele? Vielleicht sind es die Seelen der Toten, die uns im Traum besuchen. Ich wache manchmal auf und habe noch das Gefühl der Dackelohren an meinen Fingerspitzen. Vielleicht husche ich auch einst durch jemandes Träume, wer weiß?

Wibke Ladwig

 

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