132

 

punkt
tot
aus dem kontakt geraten aus dem kontext gerissen äußerst gerissen und zwar
darf ich dir mein ende reichen?
langt es dir oder magst du den rest mit mir teilen? es ist noch was da
; was wir tun könnten:
den tod vorziehen
in die sprache
haltewörter finden für ihn
und durchspielen
das könnte sich leben nennen
aber leben ist ein unbrauchbares wort
komma

 

*

 

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon, das ePub u. a. bei bol.de/.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.ch/.de, weltbild.at/.ch/.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr*e Buchhändler*in kann Frohmann-E-Books ganz einfach über Libri bestellen. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

131

 

Oh wie schön, dereinst in die Harmonie des Nichts zurückzukehren! In den menschenwürdigen Zustand des Gleichklangs von Geist und Materie! Tod, nimm diese groteske menschliche Missgeburt und erlöse sie aus dem Korsett der Irrtümer! Führe uns aus der tosenden See der Falschheit in den ruhigen Hafen der Einfachheit. Tod, verschwinde durch den Tod!

Solange man lebt, ist man nicht tot. Wenn man tot ist, lebt man nicht mehr, sodass man dann subjektiv auch nicht tot ist. Es gibt kein Subjekt mehr. Ein Subjekt ist nie tot. Es gibt nur ein Wissen, dass man eines Tages tot sein wird, die empirische Schlussfolgerung aus Erfahrungen. Menschheitswissen.

Es heisst, der Tod sei die größte narzisstische Kränkung. Das ist insofern verwunderlich, als das Leben weder eine Leistung des Narziss ist, noch überhaupt vorstellbar. Das Leben ist irgendwie da. Dass es überhaupt irgendetwas gibt, also auch das Leben, ist ein Geschenk … und mit unserem Denken vollkommen unvereinbar. Denn unser Denken widerspricht sowohl der Idee der Unendlichkeit als auch der Vorstellung, dass aus Nichts etwas entstehen kann. Wir können das nicht denken, auch wenn wir uns den Kopf zerbrechen. Das Leben ist die eigentliche narzisstische Kränkung. Der Tod, das Nichts hingegen ist verständlich. Und diesen mit unserem Denken so wunderbar harmonisch vereinbaren Zustand erreichen wir am Ende unseres Lebens ganz von allein. Ein Schiff wird kommen …

Wer ruft da „cogito ergo sum“? Oh Falschheit, oh Eitelkeit! Das cogito, das Denken ist doch falsch! Welch irrige Gewissheit des falschen Bewusstseins soll die Schattenhaftigkeit des Seins beweisen? Welche Folter des Nichtwissenkönnens! Das Vergangene ist falsch, das Zukünftige ist nur vorweggenommenes Vergangenes, alles ist nichtig, und Asche im Wind.

Nur Träumen ist Jetzt, nur Jetzt ist göttliche Allmacht. Jetzt ist immer und ewig. Es gibt keinen Tod.

Moritz Reichelt
*

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon, das ePub u. a. bei bol.de/.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.ch/.de, weltbild.at/.ch/.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr*e Buchhändler*in kann Frohmann-E-Books ganz einfach über Libri bestellen. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

130

Wir sind sterblich, wo wir lieblos sind, unsterblich, wo wir lieben. (Karl Jaspers)

Oktober 2005: Urlaub mit den Enkelkindern. Julius ist vier, sein großer Bruder fast acht Jahre alt. Es ist wunderschön mit den beiden und es ist anstrengend. Julius ist immer noch nicht richtig sauber. Julius spricht kaum – er möchte es, jedoch mehr als zwei Worte bringt er nicht heraus. Er will auch mit mir singen, aber es geht nicht und er schaut mich mit einer unendlichen Traurigkeit an. Was ist mit diesem Kind los? Ist Julius einfach nur etwas verzögert in seiner Entwicklung? Vielleicht liegt es an den Medikamenten gegen Epilepsie – diese Krankheit hat er wohl von seiner Mama geerbt.

November 2005: Die Ärzte haben nun die endgültige Diagnose und unser Sohn überbringt sie uns. Julius hat NCL – Neuronale Ceroid-Lipofuszinose. Ein seltener Gendefekt, eine Hirnabbauerkrankung – Alzheimer bei Kindern. Derzeit noch nicht heilbar. Julius wird blind werden, die Krampfanfälle werden sich häufen, er wird nach und nach alle bisher erlernten Fähigkeiten verlieren, er wird vielleicht noch zwei Jahre leben.

Der Himmel stürzt ein, die Welt bricht zusammen. Trauer, Wut, Ohnmacht, Verzweiflung, Tränen sowieso. Meine Beine werden zu Blei, meine Arme werden zu Pudding. Irgendwann wenigstens eine SMS an die Schwiegertochter: „Wir drücken dich – wir sind für dich da!“

Im Radio läuft bald unentwegt: „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg ist steinig und schwer.“ Ja, das wissen nun auch wir. Die eigene Traurigkeit muss jetzt unwichtig sein. Wir werden erst einmal stets für Julius, seinen Bruder und ihre Eltern da sein. Die beiden leben schon seit einem Jahr getrennt – alles wird noch komplizierter werden – „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg ist steinig und schwer.“

Die Krankheit läuft wie vorhergesagt, der Abbau geht schnell. Kann Julius in einer Woche noch einen Keks greifen und zum Mund führen, so greift er in der nächsten Woche schon mühsam ins Leere. Ich gebe ihm den Keks und er steckt ihn in den Mund. In der dritten Woche findet er seinen Mund erst beim dritten Anlauf.

Es tut so weh.

Die Familie, die eigentlich keine mehr ist, rückt wieder mehr zusammen. Alle wollen nur noch eins: Julius soll es gut gehen. Wir machen neue Erfahrungen: Alte Freunde gehen verloren – sie können mit unserem Unglück nicht umgehen. Neue Freunde werden gewonnen – sie finden die richtigen Worte – sie fragen einfach. „Wie geht es dem Kind?“ Ich ziehe mich in mich zurück – sinnloses Geschwätz in meiner Nähe kann ich nicht mehr ertragen. So viel wird unwichtig – weniges wirklich wichtig.

Es tut so weh.

Die Familie schafft den Alltag nur noch mit Unterstützung durch einen Pflegedienst. Julius hat eine Magensonde, sitzt im Rollstuhl. Einmal in der Woche hole ich seinen großen Bruder von der Schule ab. Danach ist Julius dran – dann ist Kuschelstunde und ich singe ihm mein ganzes Kinderliederrepertoire vor. Er ist dement, aber er weiß, dass Oma da ist und gleich singen wird. Er bebt wie ein Baby vor lauter Freude.

Einmal legt die Mama ihn anders als gewohnt auf die Couch zu mir – sein rechtes Ohr ist nun fast taub und er soll mich besser hören. Er ist unruhig – so will er nicht liegen! Dann tut er etwas, was er schon jahrelang nicht mehr getan hat: Er versucht mitzusingen. Es geht nicht, er weint – er hat aber auch schon lange nicht mehr geweint. Was will er mir sagen? Ich verspreche ihm, nächste Woche kann er wie gewohnt auf seiner rechten Seite liegen.

Sechs Tage später kommt der Anruf – Julius ist tot!

Wir haben ihn alle noch einmal gesehen: seine Eltern, sein Bruder, Großeltern, Tante, Onkel und die Betreuer. Er war so kalt und so klein. Ein bisschen roch er noch nach Julius. Er hatte es geschafft. Wir noch nicht. Wie viel Trauer wird noch in uns sein? Wir hatten schon dreieinhalb Jahre lang getrauert.

Jeder von uns ist in dieser Zeit tausend kleine Tode gestorben und jeder von uns hat in dieser Zeit unendlich viele Momente des vollkommenen Glücks empfunden – immer dann, wenn Julius uns angelächelt hat


Karola Sasse

 

*

 

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon, das ePub u. a. bei bol.de/.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.ch/.de, weltbild.at/.ch/.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr*e Buchhändler*in kann Frohmann-E-Books ganz einfach über Libri bestellen. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.