18

Als ich vier war, starb Lauri. Lauri war zweimal die Woche mit ihrer Mama in die Mutter-Kind-Gruppe meiner Mama gekommen. Ich mochte Lauri. Wenn ich abwusch, trocknete sie ab. Laura und Lauri. Ich habe nur noch eine Erinnerung an sie. Wir beide, auf Hockern und mit Schürze am Spülbecken. Da hatte Lauri schon keine Haare mehr. Ansonsten habe ich keinerlei Erinnerung an ihr Gesicht. An sie, als Freundin. Es gibt ein Foto von uns beiden, während wir abwaschen. Vielleicht ist meine Erinnerung auch davon geborgt. Mit vier habe ich jedenfalls kaum verstanden, was passierte. Das Einzige, was mir nach Lauris Tod klar war: Niemand sollte mich jemals Lauri nennen. Ich kam in die Schule und wehrte mich vehement gegen diesen einzig erdenkbaren Spitznamen meines eh schon kurzen Vornamens. Lauri bin ich nicht. Ich heiße Laura. Bis heute nennt mich kaum ein Mensch Lauri, obwohl meine Gegenwehr mit den Jahren nachließ. Nach Lauris Beerdigung weinte meine Mutter zu Hause weiter. Sie erzählte von der Ecke des Friedhofs, auf dem nur Kinder lägen. Monate später nahm sie mich mit zu Lauris Grab. Mir war mulmig zumute. Auf Lauris Grabstein war ein kleiner Engel abgebildet. Jahre später habe ich zufällig Lauris Todesanzeige gefunden. In Mamas altem Bastelschrank, in dem immer noch viel Karton, Schablonen, Kleber und Scheren lagerten, obwohl sie die Mutter-Kind-Gruppe schon nicht mehr leitete. In einer der oberen Schubladen lag sie. Ausgeschnitten aus der Zevener Zeitung. Und ich hatte auf einmal Tränen in den Augen. Anfang der 90er, in einem kleinen Dorf in Niedersachsen starb ein 4-jähriges Mädchen an Leukämie. Ich kannte sie nur kurz. Meine Freundin Lauri.

Laura Sonnefeld

*

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich, als ePub u. a. bei bol.de, buch.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.at, thalia.ch, thalia.de, weltbild.at, weltbild.ch und weltbild.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr Buchhändler kann auch E-Books bestellen. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

17

Am Sonntagabend dann der Anruf. Sie frage nach mir, ob ich kommen könne. Und, ja, natürlich kann ich kommen, das heißt, eigentlich kann ich nicht kommen, eigentlich habe ich Montag Termin auf Termin, aber das wird schon gehen, sicher komme ich, morgen, am späten Vormittag. Den restlichen Abend verbringe ich mit Telefonaten, Terminverschiebungen, Onlinestellen zu bearbeitender Artikel. Das geht alles. Abfahrt 8 Uhr 32, ICE 279, Berlin-Kassel, zur Weiterfahrt über Frankfurt nach Mainz.

Montag ist Rosenmontag. Das kennt man in Berlin nicht, aber in Mainz ist Rosenmontag Ausnahmezustand. Auch in Berlin wohnen Menschen, die sich diesen Ausnahmezustand herbeisehnen. Einige Jahre lang versuchten sie, Rosenmontagszüge Unter den Linden zu organisieren. Rosenmontagszüge, die allerdings keinen interessierten, und ohne öffentliches Interesse gibt es keinen Ausnahmezustand. Also fahren sie nach Mainz. Im ICE 279. Sie trinken, frühmorgens, Trinken muss sein, ohne Trinken ist es kein Ausnahmezustand. Sie haben einen Ghettoblaster dabei. Sie sitzen im Großraumabteil, Wagen 7, zweite Klasse, fünf Stuhlreihen hinter mir. Ich versuche, einen Artikel fertigzustellen, meine Gefühle fahren Achterbahn, mir war klar, dass dieser Anruf über kurz oder lang kommen würde, „Sie fragt nach dir“, ich konnte mich auf die Situation vorbereiten, das wird schon gehen. Nichts geht.

Es geht aber auch deswegen nicht, weil es scheppert und grölt, fünf Reihen hinter mir. Warum ist es am Rhein so schön. Zieh dich aus, kleine Maus, mach dich nackig. In München steht ein Hofbräuhaus, warum auch immer. Wir bauen eine U-Bahn, von Frankfurt bis nach Auschwitz, meine Güte. Hinter Braunschweig platzt mein Kopf. Ich drehe mich um, brülle den erstbesten Karnevalisten an, „Könnt ihr vielleicht mal still sein? Ich versuche, zu arbeiten!“ Ein Fehler: von diesem Moment an haben sie mich auf dem Kieker. „Och, der Arme, er muss arbeiten!“, „Seid doch mal still, da vorne muss einer arbeiten!“ Ein paar Karnevalisten wanken nach vorn, um mir über die Schulter auf den Bildschirm zu linsen. Zuerst denke ich, dass sie mir gleich eine reinhauen, wäre mir egal, aber sie drehen gleich wieder um. Wahrscheinlich haben sie gesehen, dass mir die Tränen übers Gesicht laufen, wahrscheinlich haben sie kapiert: Das ist jetzt ernst. Von nun an lassen sie mich in Frieden, was nicht heißt, dass sie still sind, sie singen und saufen und grölen weiter, aber sie ignorieren mich dabei. Irgendwann übergibt sich einer, irgendwann fangen zwei einen Streit an. Ich liege in Watte.

Hildesheim. Göttingen. Kassel-Wilhelmshöhe. Raus, ich habe nichts gearbeitet. Hinter mir noch ein paar einsame Rufer: „Viel Spaß beim Arbeiten!“ Viel Spaß. Ich will, dass sie, ach, nein, ich will eigentlich gar nichts. Nur weil ich einen schlechten Tag habe, muss ich ihnen nicht auch den Tag verderben. Auf Gleis 2 zurückbleiben bitte, Ihr Zug fährt jetzt ab. Straßenbahn, Krankenhaus. Kannst du kommen?

Falk Schreiber

*

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich, als ePub u. a. bei bol.de, buch.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.at, thalia.ch, thalia.de, weltbild.at, weltbild.ch und weltbild.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr Buchhändler kann auch E-Books bestellen. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

16

Die Sache ist: Das passiert wirklich. An den öffentlichen Orten, an denen ich mich nie mit dem Rücken zu Tür setzen will, in den Flugzeugen, in denen mein Herz bis zur Landung viel zu schnell schlägt, und in denen ich die Nieten an den Flügeln niemals aus den Augen lasse. Sie passieren wirklich, diese Katastrophen, die ich sehe, bevor sie niemals statt finden.
Ich erinnere mich: Ich sitze auf dem Balkon und spüre den Sommer nicht, nicht so wie sonst. Es ist ein Sommertag, Hochsommer zwar, aber einer von den Tagen, die kühler sind, als sie sein sollten. Trotzdem sollte da Sonne auf meiner Haut zu spüren sein, gerade zu der Zeit, abends, da fällt das Licht immer in den Hinterhof, direkt auf unseren Balkon, auf die Sonnenblumen, die Tomaten, da spiegelt es sich in den hundert Fenstern und malt Lichtmuster überall hin.

Ich sehe dieses falsche Bremsmanöver, das das Auto in die Leitplanke schleudert, ich sehe jene Flugzeugklimaanlage, die in der Nähe des Kerosintanks heiß läuft, so dass ich kurz vor der Landung doch noch als Feuerball in einer dieser Flughafenvorstädte ende. Das fühlt sich an, wie diese Sätze, die ich manchmal träume, die es sich nachts mit Widerhaken dort bequem machen, wo auch die Ohrwürmer leben, und den ganzen Tag bleiben.

Ich betrachte die Tomaten, die in diesem Jahr nicht rot werden wollen, harte, grüne Dinger, die anders gedacht waren.

Der Satz, der kommt, plötzlich, dann feststeckt: Was, wenn sie nicht wiederkommt?

Eigentlich müsste Sommer sein, ist es aber irgendwie nicht, eigentlich müssten die Tomaten schon längst rot sein, sind sie aber nicht.
Sie müsste schon längst zu Hause sein, vor einer Stunde schon, vor zwei, vielleicht. Ist sie aber nicht.

Was, wenn sie nicht wiederkommt?

Ich kenne ihre Fahrradstrecke, da ist eine Kreuzung, groß, mit viel zu vielen Ampeln und Kunst im öffentlichen Raum, die im Weg steht.
So etwas passiert, oder? Blutige Schleifspuren auf großen Kreuzungen, wie Autos in Leitplanken, wie Feuerbälle in Flughafenvorstädten.

Was, wenn sie nicht wiederkommt?

Auf die Wand gegenüber im Hinterhof malt das Licht eine Form wie ein x an die Wand.

Ich sehe eine Fahrradfahrerin, auf einer Strecke von zehn Minuten vielleicht, ich sehe sie hundertmal verunglücken. Straßenbahnen, Autofahrer, Fußgänger, andere Fahrradfahrer: Auf der Strecke gibt es nichts, was nicht gefährlich wäre.

Ich sehe mich das Telefon hören, ich sehe mich das Telefon abnehmen, ich sehe mich den ersten sein, der die Nachricht hört. Ich sehe mich telefonieren, ich rufe ihre Eltern an, ihre Geschwister. Ich frage mich, wie sowas geht. Wie man sowas macht. Diese Telefonanrufe allein. Und dann: ihr Zimmer ausräumen, diese tausend kleinen Gegenstände, die ich alle kenne. Umziehen, wahrscheinlich, raus aus der Wohnung mit den viel zu vielen Erinnerungen. Wie macht man das? Wegwerfen, weggeben, umziehen? Wie macht man weiter? Muss man weitermachen? Wie steht man morgens auf, wie geht man abends ins Bett? Wie erzählt man davon? Was, wenn sie nicht wiederkommt?

Jan Fischer

*

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich, als ePub u. a. bei bol.de, buch.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.at, thalia.ch, thalia.de, weltbild.at, weltbild.ch und weltbild.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr Buchhändler kann auch E-Books bestellen. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

15

Er sah die Lichter näher kommen, das Leder wurde ihm unter den Händen weggerissen, dann kam das Fahrzeug zum Stehen. Kein kreischender Reifen, kein knirschender Asphalt. Der Regen hatte aufgehört, auf das Blechdach zu trommeln. Die Tür ließ sich geräuschlos öffnen, das Warnsignal blieb aus. Das Fahrzeug hatte sich quer gestellt, als die Bremsen versagten. In seiner Erinnerung, die langsam verblasste, hatte es sich mehrfach gedreht. Aber das Ergebnis blieb das gleiche. Andere Autos, hätte es sie gegeben, wären ohne eine Chance auf Abbremsen in die Seiten des auf dem Mittelstreifen stehenden Fahrzeugs gekracht. Der zerbrechliche alte Lada wäre zum Spielball zwischen den Spuren geworden. Aber nichts dergleichen war geschehen.

Er fuhr sich durch das noch schweißnasse Haar. Er war auf dem Weg gewesen. Irgendwohin. Es war wichtig, aber er erinnerte sich nicht. Hatte es einen Unfall gegeben? Keine Bremsspuren im Halbdunkeln. Kein Kratzer am Auto. Kein Blut an seiner Kleidung. Es war, als wäre dies nicht die Straße, auf der er eben noch ins Schleudern gekommen war. Und die Farben verblassten wie das Wissen darum, was geschehen war. Der graue Asphalt vibrierte unter ihm, als führen schwere Laster die Straße entlang. Doch da waren keine Wagen. Niemand außer ihm. Nur die Nacht pulsierte schwarz-blau.

Ein heller Fleck am Horizont. Vielleicht ein anderes Auto. Vielleicht Hilfe? Hilfe wobei. Er ging zurück, setzte sich ans Steuer, wartete. Eine zeitlose Ewigkeit, dann konnte er das andere Fahrzeug ausmachen. Es bewegte sich langsam voran, als schleiche es durch einen dicken Nebel. Und mit ihm trug der seichte Wind ein Dröhnen herüber. Ein Dröhnen wie von schwerem Gerät, von Schallwellen, die aus riesigen Lautsprechern wummern, von berstendem Trommelfell. Doch er konnte nicht reagieren, sich die Ohren nicht zuhalten. Es schien überall und nirgends. In seinem Kopf, in seinen Gliedern. Je näher der Wagen kam, je deutlicher das Scheinwerferlicht sich gegen die Nacht abzeichnete, desto mehr hatte er das Gefühl, es würde ihn zerreißen, das dumpfe, tiefe, eintönige Geräusch. Unter den Bass mischte sich ein Geräusch wie brechendes Eis. Die Fläche eines Sees im Winter. Eines weiten Sees, auf dem sich Risse nur langsam voranbewegen. Und dann sah er sie. Feine Haarrisse auf der Frontscheibe.

Er berührte sie mit den Fingerspitzen.

Nun konnte er den anderen sehen. Er machte den Umriss eines Fahrers in der Kabine des Trucks aus, der die Straße entlang gekrochen kam, unweigerlich auf ihn zu. Der Mann musste ihn gesehen haben. Er wollte aussteigen, winken, aber seine Beine wurden schwer. Zu schwer, um die Pedale zu erreichen. Seine Arme wie Blei. Blei, das sich nach dem Sicherheitsgurt ausstrecken wollte und das Lenkrad erreichen. Und dann begriff er.

Mit dem ersten Schlag war die Welt wieder da. Doch nur für wenige Sekunden. Der Truck, der gerade noch in Zeitlupe auf ihn zugefahren war, riss die Unterseite des Wagens auf, als er ihn wie ein wütendes Rhinozeros über sich hinwegschleuderte. Der Lada flog durch die Nacht. Es war laut, es war kalt und es dauerte nur einen Augenblick. Dann waren Auto und Straße verschwunden. Und die Stille beruhigte ihn, während er aufhörte, zu existieren.

 

Samael Falkner

*

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich, als ePub u. a. bei bol.de, buch.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.at, thalia.ch, thalia.de, weltbild.at, weltbild.ch und weltbild.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr Buchhändler kann auch E-Books bestellen. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

14

Auf dem Weg zum U-Bahnhof liegt eine kleine Ladenstraße. Viele Geschäfte stehen inzwischen leer, seit vor zehn Jahren eine große Einkaufspassage ein paar Straßen weiter aufgemacht hat. Zwischen zwei Imbissen, einem Koreaner und einem Pizzaladen, liegen zwei Bestattungsinstitute. Es gibt keine Bestattungsinstitute in Einkaufspassagen, dort ist kein Platz für sie. Wer einen solchen Ort betritt, dem ist schwierig zu vermitteln, dass Konsum Glück verheißt. Wer hier kauft, hofft, nicht noch einmal kommen zu müssen. Und nirgendwo fühlt man sich weniger als Kunde als hier.

Und trotzdem sehen Bestattungsinstitute aus wie normale Geschäfte; mit ein bisschen Umgestaltung könnte man dort auch ein Versicherungsbüro eröffnen. Tatsächlich hat einer der Läden in seinen riesigen, abgedunkelten Schaufenstern aufwändig gearbeitete Schiffsmodelle stehen, die alle etwas angestaubt wirken – als würde man eine große Fahrt antreten. Natürlich ist das eine gängige Metapher, aber was macht sie aus einem Bestattungsinstitut? Ein Reisebüro für die letzte Überfahrt. Sterben als Tourismus.

Es hat etwas rührend Verzweifeltes, wie Bestattungsunternehmen versuchen, die Verstorbenen als Kundschaft zu behandeln. Aber es hilft ja nichts, wenn die Einnahmen wegbrechen; man muss sich doch anpassen. Das dachte jedenfalls irgendein Bestattungsverband, der vor einiger Zeit eine groß angelegte Kampagne startete, Titel: „Wer nicht wirbt, stirbt.“

Jahrhundertelang war das Motto von Bestattern: Ob früher oder später, tot ist tot, Hauptsache Blumen. Die Grundlage ihrer Existenz war Vergänglichkeit. Jetzt sagen sie, man könne dem Tod entgehen, wenn Plakate in der Stadt hängen.

Es gab bei diesem „Werben oder sterben“-Wettbewerb ein Motiv, das den Schriftzug „Bestimm Dein Endspiel selbst!“ trug, und ich dachte: Frankreich – Italien. Sie haben jugendliche Motive genommen; ein junger Mann, der einen Ball vor sein Gesicht hält, mit Mütze auf dem Kopf. Darunter steht „Vorsorge – eine Sorge weniger“. Der Claim selbst ist in einer lässigen Schreibschrift gehalten, so wie sich 60-jährige Lateinlehrer Graffiti vorstellen. Anfang der 90er haben Jugendbuchverlage mit ähnlicher Motivik und Gestaltung versucht, ihr Publikum anzusprechen; kurzum: das ganze Plakat ist Hilflosigkeit gewordenes Papier.

Und es war kein Ausrutscher. Es war der Gewinnerentwurf.

Kein Wunder, dass andere Bestatter, die von der Notwendigkeit der Werbung überzeugt sind, alternative Ansprachen in Betracht gezogen haben. In Berlin, auf der Frankfurter Allee, sitzt ein Institut, das auf einem großen Plakat im Schaufenster den Satz stehen hat: „Nie mehr zu viel bezahlen!“ Oh ja, das soll meine letzte Sorge sein! Nicht etwa, dass mehr Licht zu meinem Sterbebett dringt oder ich mich mit einem verlorenen Familienmitglied versöhne; nein, mein letztes Hemd soll abbezahlt sein. Als könnte es mir nicht völlig egal sein, ob mein Körper posthum Orkas verfüttert wird oder anlässlich einer Sportveranstaltung als Feuerwerk über die Eröffnungsfeier herunterregnet.

Ganz gefährlich sind jene Bestatter, die den Pakt mit dem Teufel eingehen und sich an Humor versuchen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sich ein Haufen wachsgesichtiger, steifer, tiefschwarz gekleideter Chefbestatter in einen mit kleinen Gedenkkränzen dekorierten, vollfurnierten Konferenzraum begibt, um sich von einer Agentur aus Kaufbeuren „junge, frische Ideen“ präsentieren zu lassen. So muss es bei der Vorstandssitzung des Großkonzerns welt-bestattung.de gewesen sein, der vor ein paar Jahren Zeitungsanzeigen schalten ließ, mit dem jetzt schon legendären Satz: „Bei uns liegen Sie richtig“. Ich hab ihnen sofort geschrieben, um sie zu fragen, ob sie sagen würden, ihr Service sei absolut unterirdisch. Leider hat mir nie jemand geantwortet.

Der Tod ist keine lustige Angelegenheit, jahrtausendelang wusste die Branche das. Nur der Kapitalismus hat sie vom Gegenteil überzeugen können, und das ist bedauerlicherweise noch nicht einmal sein größtes Verbrechen.

Frédéric Valin

*

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich, als ePub u. a. bei bol.de, buch.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.at, thalia.ch, thalia.de, weltbild.at, weltbild.ch und weltbild.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr Buchhändler kann auch E-Books bestellen. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

13

„Otto war in die Küche gegangen, hatte nach dem Messerblock gegriffen, die Luft in Streifen geschnitten und etwas mit Umbringen geschrien, sie alle umbringen. Ihr war der Schreck in die Hose gefahren statt in die Knie, es war warm geworden zwischen ihren Beinen“, so schreibe ich in meinem ersten Buch Annalieder über eine fast wahre Begebenheit. Denn nein, in die Hose gemacht habe ich nicht, weder groß, noch klein, als der Freund meiner Mutter – vom Arschloch Leben deprimiert, vom Teufel Alkohol aufgewiegelt – mich um mein eigenes Leben betteln ließ. Mein Darm war wohl bereits entleert gewesen, ansonsten könnte es nämlich schon mal in die Hose gehen, wenn dich jemand abstechen will. Und das müsste dir auch nicht peinlich sein, weil so etwas bestimmt weh tut. Würde ich heute sagen. Aber damals – es war die Zeit des „Fall Lucona“ und Otto trug einen ähnlichen Nachnamen, wofür ich Schulspott erntete, als hätte ich auch für die Morde des Udo Proksch meinen Hals hinzuhalten – war mir das peinlich, dass es bei uns zu Hause „so“ war. So peinlich, dass ich, im stillen Einvernehmen mit meinen Geschwistern, lieber kein Wort darüber verlieren wollte.

Besser kreidebleicher Klassenclown. Und nach der Schule die Messer fürs Kochen unter den Kästen hervorholen, unter die wir Kinder sie geworfen hatten, nachdem die Mutter sie ihrem „Freund“, als er weinerlich geworden war über sein Unglück, jemanden töten zu müssen vor Wut, doch noch hatte abnehmen können. Die Wohnung waffenfrei zu machen, war eine weise Entscheidung gewesen, noch weiser wäre gewesen: Polizei, bei vielen Anlässen geht so, bei solchen potent. Denn „immer wieder werden Kinder Opfer tödlicher Familientragödien. Die folgende Chronik dokumentiert spektakuläre Fälle in Deutschland in den vergangenen zwei Jahren“, lese ich beim Googeln. Ist das eine Tragödie? Ist es eine Komödie? Dass es in modernen Zeitungsredaktionen noch immer common sense ist, diese Morde als spektakuläre Tragödien zu definieren, ist komisch. Komisch in der Definition von seltsam. Erinnert mich übrigens an den pater familias, dem im römischen Haushalt die Macht über Leben und Tod „seiner“ Frau, Kinder und Sklaven zukam. Egal ob römische oder griechische Tragödie, es scheint nicht als Mord anerkannt zu werden, solange es in der Familie bleibt. Hier müsste der Presserat auf den Plan treten und den Zeitungsredaktionen aller Länder Theaterabos finanzieren, um ihre Katharsis dort abholen zu können.

Dass ich aufgrund einer Messerphobie ungern mit anderen koche und nie freiwillig in Kinofilme übers Kochen oder Bill Killen ginge, scheint logisch. Unlogisch scheint, dass ich vom Tod auf erschreckende Art fasziniert bin. Mir leuchtet das ein: Er lässt mich nicht los, weil er mich mindestens zweimal fast gehabt hätte. Seitdem ist er hinter mir her, denn er kommt sich um mich betrogen vor. Und habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich ästhetisch platzierte Messerblöcke in modischen Musterküchen abscheulich unästhetisch finde?

Nadine Kegele

*

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich, als ePub u. a. bei bol.de, buch.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.at, thalia.ch, thalia.de, weltbild.at, weltbild.ch und weltbild.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr Buchhändler kann auch E-Books bestellen. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

12

  • Andenken an die liebste, schon lange geschlossene Bohème-Bar in Düsseldorf
  • Fotos, Einträge, einfach irgendwas über meinen verstorbenen Opa
  • die erste Schülerzeitung von 1991, für die ich Unlesbares schrieb
  • das erste Graffiti am S-Bahnhof Millrath
  • Live-Mitschnitte oder Playlists zu den „Club Apart“-Partys in Münster, Ende der 90er… was nicht von Google gefunden wird, ist wirklich tot.

    Frank Krings

    *

    Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich, als ePub u. a. bei bol.de, buch.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.at, thalia.ch, thalia.de, weltbild.at, weltbild.ch und weltbild.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr Buchhändler kann auch E-Books bestellen. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

11

Mord als schöne Kunst zu betrachten – das ist mein Beruf. Verlage bezahlen mich, um quasi „im Auftrag“ zu töten. Auf dem Papier.
Warum mache ich das? Bin ich krank im Kopf? Lasse ich fiktives Blut fließen, um keine echte Täterin zu werden? Denkbar. Schon als Kind schlich ich mich in die Erwachsenenabteilung der Stadtbücherei, um Agatha Christie zu lesen. Weil die Schwester eines Mitschülers aus der Grundschule erwürgt wurde und ich herausfinden wollte, wie Mörder ticken? Möglich. Aber ich tippe eher auf Größenwahn: Mit einem Mord bringe ich das Chaos ins Universum meiner Bücher – und gottgleich kann ich die Ordnung wiederherstellen, indem ich am Schluss den Schurken seiner gerechten Strafe zuführe. Das ist enorm befriedigend. So weit, so gut. Deshalb schreibe ich Krimis. Jedoch keine Spannungsliteratur.
Meine Bücher sind weder blutrünstig noch grausam – sie sind humorvoll. Ja, in der Tat. Auch den Tod betrachte ich mit einem Augenzwinkern. Nicht nur fiktiv, auch real. Mit 19 erkrankte ich schwer, hatte in den folgenden drei Jahrzehnten zwei Nahtod-Erfahrungen, und beide Male war es zwar physisch unschön, aber innerlich blieb ich ganz ruhig – und das sicher nicht aus einer durch jahrelanges Meditieren gewonnenen Gelassenheit heraus, nein, beim Meditieren schlafen mir immer die Beine ein – einfach aus dem völlig unerklärlichen, aber tiefen Wissen heraus, dass alles gut ist, so wie es ist, egal, was kommt. Zweimal spürte ich, nee, es ist noch nicht soweit. Aller guten Dinge sind drei … bin sehr gespannt, wie es beim nächsten Mal sein wird. So oder so, alles ist gut. Das gibt mir die Gelassenheit, mit dem Sensenmann zu spielen. Ihn schmunzeln zu lassen.

Always look on the bright side of life. And death.

Tatjana Kruse

*

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich, als ePub u. a. bei bol.de, buch.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.at, thalia.ch, thalia.de, weltbild.at, weltbild.ch und weltbild.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr Buchhändler kann auch E-Books bestellen. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

 

10

Es war im Sommer 2005, bei einem Besuch in Innsbruck. Die Großmutter meiner Freundin Julia lag im Krankenhaus. Die Ärzte gaben ihr noch ein paar Tage. Sie war verwirrt, hilflos wie ein Kind, bettelte ständig darum, nicht allein gelassen zu werden. An mich konnte sie sich, obwohl wir uns einige Male vorher begegnet waren, nicht erinnern, zeitweise vergaß sie ganz, wo sie war und was mit ihr los war. Mir machte die Situation Angst, deshalb hielt ich mich abseits, meist stand ich, wie ein Bauer beim Schach, schräg hinter Julia. Einmal merkte ich, dass die alte Frau mich offenbar mit Blicken suchte, zumindest reckte sie den Kopf und deutete in meine Richtung. Ich erwiderte ihren Blick und versuchte, freundlich zu lächeln. Plötzlich veränderte sich ihr Gesicht und sie zischte wütend: „Lach mi net aus!“ Ich erstarrte. Julias Mutter beruhigte sie und erklärte ihr noch einmal, wer ich war, aber die alte Frau schüttelte nur den Kopf über die erlittene Beleidigung. Ein Blick, den man nicht vergisst: hasserfüllt, verzweifelt, in tiefster Würde verletzt. „Er lacht mi aus!“, erklärte sie ihrer Tochter. Sie weinte. „Wer is der? Wer is der?“ Man tröstete sie. Eine Krankenschwester war da und wiegte, da keiner der Verwandten mehr als eine Hand der alten Frau ergreifen wollte, sich kurz mit ihr hin und her; solche Menschen gibt es. Über die Ellenbeuge des Krankenschwesterarms starrte sie mich an, hielt dem entsetzlichen Anblick stand, so lange sie konnte, dann presste sie ihre Augen gegen den Stoff. Ich bot an, rauszugehen, aber man hielt mich zurück und wiederholte die Sätze, die meine Anwesenheit erklären sollten. Nach dem Besuch gingen wir – ich weiß nicht mehr, weshalb – in den Hofgarten.

Es regnete ein wenig. Wir wanderten unter den finsteren Bäumen herum. Für einen Moment dachte ich tatsächlich: Sie wird es vielleicht noch einsehen, ihren Irrtum, sich erinnern, wer ich bin. Dummkopf.

Natürlich war dies das letzte Bild von mir, das sie mit ins Grab genommen hat: der fremde junge Begleiter, der sie in ihrem Todesmartyrium auslachte. Eine geisterhafte Erscheinung, unerklärlich, scheinbar von niemandem bemerkt, trat gleich hinter ihrer geliebten und sehnsüchtig erwarteten Enkelin ins Zimmer, mit heiterem, schadenfrohem Gesicht. Immer wieder versuchte sie, das Phantom mit Blicken zu verscheuchen. Als sie die anderen auf es hinwies, beruhigte man sie nur und hielt sie und schaukelte sie. Vielleicht würde jemand aus ihrer Familie endlich einsehen, dass hier ein Eindringling im Raum war, der ihr Angst machte. Aber niemand unternahm etwas, nicht einmal, als ihr die Tränen übers Gesicht rannen. Wenige Tage nach unserem Besuch starb sie.
Die Todeserzählungen der Weltliteratur sind voll von solchen Figuren: eine eigenartig flackernde weibliche Gestalt auf einem Hausdach, ein starrender Hund auf einer Kreuzung, ein Kind mit grünen Handschuhen, ein seltsamer kleiner Ballon, der über einen Parkplatz treibt. Boten des Jenseits. Sie erscheinen dem Todgeweihten und erinnern ihn daran, dass das Ende nahe ist. Jedem sind solche Bilder vertraut, aber wer würde es für möglich halten, einmal selbst eines zu sein? Doch an jenem Tag geschah genau dies: Ich war der Tod, der zur Tür hereinkam. Nach mir gab es keine Rettung mehr.

Clemens Setz

*

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich, als ePub u. a. bei bol.de, buch.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.at, thalia.ch, thalia.de, weltbild.at, weltbild.ch und weltbild.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr Buchhändler kann auch E-Books bestellen. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.

9

Zu meinen Lieblingsbüchern zählen Arthur Rimbauds Seher-Briefe, in denen er (mit fünfzehn oder sechzehn Jahren) die mentalen Verschiebungen beschreibt, die Voraussetzung für sein Schaffen waren. Fünf Jahre später schrieb er seinen letzten Text und wurde Waffenhändler in Afghanistan, kurz darauf verstarb er unter ungeklärten Umständen. Die Blaupause meines Lebens.

Rafael Horzon

*

Das E-Book mit allen bisher publizierten 425 Texten ist für EUR 4,99/Fr 4,90 erhältlich, als ePub u. a. bei bol.de, buch.chbuch.de, buecher. de, hugendubel.de, iTunes, kobo, Ocelot, Osiander, Schweitzer, thalia.at, thalia.ch, thalia.de, weltbild.at, weltbild.ch und weltbild.de sowie in vielen Buchandlungen – fragen Sie im Zweifelsfall einfach nach, Ihr Buchhändler kann auch E-Books bestellen. Das Kindle-Mobi gibt es bei Amazon. Der Autor- und Herausgeberanteil am Erlös wird an das Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin gespendet.