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Death Name der ersten afroamerikanischen Punkband, deren Mitglieder, drei Brüder, 1976 diesen Bandnamen wählten, um des Todes ihres Vaters zu gedenken. Viele Labels weigerten sich daraufhin, das Album zu veröffentlichen und baten die Bandmitglieder um Umbenennung, was diese stets verweigerten [→ Film: A Band Called Death, 2009]

Dead Oceans Plattenfirma aus Bloomington, Indiana, die ihren Namen wohl dem Bob-Dylan-Song „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ verdankt: „I’ve been out in front of a dozen dead oceans“ [→ https://www.youtube.com/watch?v=-ex-m-eEKsg].

In my time of dying Volkslied, das Bob Dylan, aber auch Led Zeppelin, allerdings in zwei sehr unterschiedlichen Versionen eingespielt haben: „In my time of dying, want nobody to mourn, all I want for you to do is take my body home. Well, well, well, so I can die easy.“ [→ https://www.youtube.com/watch?v=W1Dhz90oJXo]

Deado Song von Stephen Malkmus’ erstem Soloalbum nach der Auflösung von Pavement. Das Urban Dictionary erklärt den Begriff wie folgt: „deado (pronounced day-ah-doh) – a sarcastic way of telling a Hispanic person that they need to back off or you will kill them. It can also be used to reduce the importance of a person who passed away. I’m real sorry to hear that this loser is deado.“ [→ https://www.youtube.com/watch?v=bPYJm-GaKUQ]

O Death: Südstaaten-Volkslied, durch den Film O Brother, Where Art Thou in der Version von Ralph Stanley bekannt geworden, lässt den Tod aus einer selten gehörten Ich-Perspektive zu Wort kommen: „Well I am death, none can excel, I’ll open the door to heaven or hell“ [→ https://www.youtube.com/watch?v=If1yxmaJ14M]

Dead Man Film von Jim Jarmusch, in dem Johnny Depp als Untoter durch einen schwarz-weißen Wilden Westen streift. Dazu zupft Neil Young an der E-Gitarre [→ https://www.youtube.com/watch?v=fi-S9lrnLZ8]

Dead Flowers Letzter Song auf dem Rolling-Stones-Album Sticky Fingers, fälschlicherweise Townes Van Zandt zugeschrieben, weil er ihn oft in seine Live-Auftritte aufnahm: „Send me dead flowers to my wedding, and I won’t forget to put roses on your grave.“ [→ https://www.youtube.com/watch?v=RS_yyRk_dj8]

Grand Theft Parsons Titel eines Films aus dem Jahr 2003, der die wahre Geschichte vom Diebstahl des Leichnams von Country-Rock-Sänger Gram Parsons erzählt. Seine Freunde, angeführt von Manager Phil Kaufman, waren mit der Rückführung des 1973 an einer Heroin-Überdosis gestorbenen Parsons zu seiner Familie nach Florida nicht einverstanden, entwendeten den Leichnam am Flughafen von Los Angeles und trafen Vorbereitungen, ihn (einem ominösen „Pakt“ folgend, den Parsons zu Lebzeiten angeblich geschlossen hatte) in Joshua Tree in der kalifornischen Wüste zu verbrennen, was ihnen aber nur halb gelang.

[Musik, Tod, Alltag: Ein Kompendium über Tod in der Popkultur (Ausschnitt)]

Fabian Thomas

 

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[Platzhalter]

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Tick. Tock. Tod.

Ach, du liebe Zeit. Totgeschlagen.

Jede Todesstunde.
Jeden Todestag.
Jedes Todesjahr.

Bis du vergehst.
Das Vergehen verlernst.
Und fliegst.

Jede Todesstunde.
Jeden Todestag.
Jedes Todesjahr.

Ins Ungewisse.
Des gewissen Todes.
Auf Zeit.

@NeinQuarterly

 

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Eines Tages werden wir alles vergessen. Und nach dem Tod auch das.

@gallenbitter

 

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Mach eine Liste aller Menschen, die dir fehlen.

Sprich aus, was du konkret – an jedem einzelnen – vermisst.

Steck alle Verluste ab, spezifisch, nur für dich: ideell, materiell, sozial/alltäglich, kulturell.

Eine Inventur deiner Zäsuren, Brüche.

Aller plötzlichen Nie-Wieders und Dann-doch-nichts und Zu-Späts.

Öffne ein Register für alles, was ein Tod dir nahm. Stahl?

Verschenktes Potenzial. Falsche Aufschübe. Verlorene Zeit, Unmöglichkeiten.

Sei egoistisch, hungrig, leg dich fest – bis runter zum kleinsten, albernsten regret.

Und dann dreh um – mach eine Liste über deinen eigenen Tod. Aus Sicht der anderen.

//

Am Check-in jedes Fluges wünschte ich, Verena hätte die Liste meiner Passworte: Gmail, der GMX-gesendet-Ordner, WordPress, Facebook, das Passwort meiner 2000 Seiten Tagebuch auf der externen Festplatte, 1997 bis 2004. Mein digitaler Nachlass, mein Vermächtnis – falls ich und mein Computer heute ins Meer stürzen, verstummen. Keine weiteren Worte in die Welt lassen dürfen.

//

Mach eine Bucket List, wenn du nicht anders kannst.

Und klar – Patientenverfügungen, Organspende. Formalia.

Aber das meine ich nicht:

Es gibt genügend Online-Listen mit 1000 Dingen, die du tun musst, ehe du stirbst. (Bürokratie!)

Es gibt genügend Online-Listen mit 1000 things to see before you die. (Tourismus!)

Ich will ein Inventar aller Dinge, die du geben kannst: ideell, materiell, sozial/alltäglich, kulturell.

Dazu die Liste aller Menschen, denen etwas fehlen würde – zwischen deinem Tod und ihrem.

Und einen Plan: Was du hinterlässt. Für wen genau.

Und wer – womit genau? – was anzufangen wüsste.

//

Als sie mit 14 ihr erstes Testament schrieb, mailt Julia, legte sie die Rangfolge fest, in der ihre Freunde das Zimmer betreten durften, „um sich eine Sache auszusuchen. Mein Nachttisch durfte aber nicht aufgemacht werden!“ Braucht, will oder trösten jemanden meine Comics (Richard? Jakob?), Romane (Maria?), Kleider (…?!), Festplatten, Daten (Frank, Simone, Lino? Und Jule und Jan: Könnt ihr notfalls mein Buch beenden)…? Wie finden die richtigen Hinterlassenschaften die richtigen Hinterbliebenen? Was von dem Zeug, das ich besitze, schreibe, weiß, zu sagen habe, hat einen Wert – Glücks- und Erkenntnispotenzial? Für wen?

//

Mach Ablageorte.

Mach dir bewusst, dass deine Ablageorte später Fundorte werden.

Mach Sicherungskopien, Fotos. Keep your old love letters. Throw away your bank statements.

Mach einen Stammbaum und zähl 20 Dinge auf über jeden Namen im Geäst.

//

Roy hat die Schlüssel zu M.s Wohnung, damit er Pornos löschen, Fenster putzen, alles Unvernünftige verschwinden lassen kann in den kurzen Stunden zwischen einem Unfalltod von M. und einer Anreise und Wohnungsinventur durch M.s Mutter. „Meine Tante verließ ihren Mann: Er soff sich dann zu Tode, allein. Die letzten Tage schaffte er es nicht mehr bis zum Klo. Meine ganze Kindheit lang habe ich nichts Gutes über ihn gehört. Der Dreck in seiner Wohnung. Die Ecke, in die er pisste. Das haben alle behalten. Sonst nichts.“ Roy hat den Wohnungsschlüssel, um zu verhindern, dass M., falls er überraschend stirbt, am Zustand seiner Zimmer gemessen und erinnert wird.

//

Hast du eine Geschichte? Schreib sie auf.

Hast du alles gesagt? Genug? Hast du die wichtigen Menschen alles Wichtige wissen lassen?

Hast du etwas gesehen, erlebt, das mit dir stirbt? (Muss es das?)

Dreh kurze Filme. Nimm deine Stimme auf.

Lass Karten hier, die uns zu deinen Schätzen führen.

Trete Spuren. Halt dich fest.

Mach Nacktbilder – für die Person, die das zu schätzen weiß oder wüsste.

Ich will die Liste aller Orte, an denen du zwei Nächte verbrachtest – oder mehr.

Ich will die Liste aller Menschen, mit denen du zwei Nächte verbrachtest – oder mehr.

Ich will deine Lieblingssongs und -filme. Deine Favoriten. Deine Perlen.

Ich will Kultur, in der du dich erkennst. Entdeckungen – die mehr über dich verraten.

Ich will das Inventar der Dinge, die du teilen kannst – sobald du stirbst.

Und ich will, dass du Wege findest, das Teilen vieler Dinge nach vorne zu verlegen:

Sobald du kannst – lass uns gleich teilen. Heute.

Wozu erst warten, bis einer von uns fehlt?

 

Stefan Mesch

 

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485

 

Stille umgab ihn. Er hielt die Augen fest geschlossen. Die warme Sommersonne, die ihm ins Gesicht schien, machte aus dem Schwarz ein angenehmes Orange. Er genoss diese Momente der Einsamkeit auf seinem Lieblingsfriedhof. Wann immer es seine Mittagspause zuließ, besuchte er diesen besonderen Ort. Diese grüne Oase inmitten der pulsierenden und lärmenden Großstadt. Hier war er ganz bei sich, konnte ungestört seinen Gedanken nachhängen. Hier fühlte er sich geborgen.

„Geborgen unter Toten?“, dieser Gedanke erschreckte ihn manchmal. Was war es, was ihn hier immer wieder hinzog? Er dachte zurück. Zurück an die Menschen, die er in seinem Leben schon auf ihrem letzten Weg begleitet hatte. Familienmitglieder, entfernte Verwandte, Freunde, Kollegen. Keine Beerdigung war wie die andere gewesen. Manches Mal hatte ihn die Situation des endgültigen Abschieds überfordert. Andere Male fand er sich in der Rolle des nahezu unbeteiligten Besuchers wieder.

Die Beerdigungen, die ihn an Grenzen gebracht hatten, waren die der Menschen, die er auch Jahre später noch immer vermisste. Die Menschen, mit denen er an diesem Ort immer wieder die stille Zwiesprache suchte. Diejenigen, in die er sich hineinzudenken versuchte, um zu ergründen, wie sie mit seinen Fragen und Herausforderungen umgegangen wären.

Er schlug die Augen auf und blickte auf das vollkommen verwahrloste Grab vor sich. Über und über war es mit Wildwuchs bedeckt und die Friedhofsverwaltung hatte bereits ein mahnendes Schild angebracht, dass man die Fläche einebnen würde, sollte nicht bald wieder Ordnung ins Grün einkehren. Er betrachtete den stark vermoosten Grabstein. In großen, aber kaum noch lesbaren goldenen Lettern prangte darauf das Wort „Unvergessen“.

Er schmunzelte angesichts der stummen Dialektik des Ortes. Wie war das mit dem Vergessen? Wen hatte er bereits vergessen? Wer war für ihn unvergessen und in welchen Situationen erinnerte er sich? Unwillkürlich erinnerte er sich an seine schon vor vielen Jahren in hohem Alter verstorbene Lieblingsoma, eine starke, lebenskluge Frau. Dreiundzwanzig gemeinsame Jahre waren ihnen vergönnt gewesen. Jahre, in denen sie ihn immer mit ihrer Herzenswärme und ihren vielen klugen Alltagsweisheiten beeindruckt und geprägt hatte. Ihr legendärer Satz „Junge, es gibt Tage, da tust du bei“ hatte sich so eingebrannt, dass er Tage, an denen bei ihm nichts zusammenlief, liebevoll „Ommatage“ nannte. Wie oft schon hatte er diesen Satz im Freundes- und Kollegenkreis erzählt. Mittlerweile führten die „Ommatage“ ein Eigenleben und wurden auch von anderen adaptiert.

Schon lange gab es kein Grab mehr, an dem er seiner Oma gedenken konnte. Ihre Ruhestätte war bereits vor vielen Jahren eingeebnet worden. Und doch war sie im wahrsten Wortsinn der lebende Beweis, dass Gedenken keinen Ort braucht. Er hing dem Gedanken einen Moment nach und kam dann für sich zu dem Schluss, dass Erinnerung lediglich eine Ursache kennt: die Weisheit des Herzens, die Liebe. Diese banale Erkenntnis zauberte ihm ein Lächeln ins Gesicht. Und auf einmal war ihm klar, warum er Orte wie diesen so gern besuchte.

 

Mehr Liebe für alle. Bitte.

 

 

Johannes Korten (†)

 

 

 

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Ich sah den Tod in seinen Augen. Eine Woche, bevor er starb, machte ich Fotos von ihm im Garten. Es war Pfingsten und herrlichstes Frühsommerwetter. Ich legte meine Hand auf sein Herz. Es pochte und sprang unversehens los, um dann wieder zu stocken. Ich legte mein Ohr an seine Brust. War da wieder Wasser in der Lunge? Sollten wir die Dosis der Medikamente erhöhen? Er blickte mich prüfend an. Und da sah ich, dass er es wusste. Seine Nase war warm und trocken. Kein gutes Zeichen. Unser alter Familiendackel machte sich bereit für den Tod. Als wenige Tage später der Anruf meiner Mutter kam, dass alles nicht hülfe und sie nun mit ihm zum Tierarzt fahren müsse, war das ein Schock, aber keine wirkliche Überraschung. Ich fuhr mit zitternden Händen zu meinen Eltern. Fast zwei Stunden brauchte ich für die Heimfahrt. Und da lag er auf seiner Decke, noch warm. Wir begruben ihn im Garten, in dem er selbst viele Male tiefe Löcher gegraben hatte. Wenn er mit erdiger Nase, flappenden Ohren, leuchtenden Augen und Erdklumpen zwischen den Krallen zurückkehrte, war das Geschrei groß. Am Tag seines Todes schrien wir leise in uns hinein. Und seine Ohren würden nie wieder flappen, seine Augen nie wieder leuchten.

Stop all the clocks, cut off the telephone. Ist es verrückt, einen Text über den Tod mit Erinnerungen an ein Tier zu beginnen? Wann ist ein Lebewesen es wert, betrauert zu werden? Und ist es nicht so, dass man genauso wenig bestimmen kann, um wen man trauert, wie man darüber bestimmen kann, ob und wen man liebt? Aber das wäre ein Text über das Trauern, keiner über den Tod. Wenn auch die Trauer und die Angst, jemanden zu verlieren und allein zurückzubleiben, den Tod so schwer erträglich machen.

Wundersamerweise vermag der Mensch mit jedem Mittel, andere Lebewesen zu Tode zu bringen, auch ein Mittel zu erfinden, das Leben verlängert oder den Tod aufschiebt. Mit unserer Geburt ist festgelegt, dass wir eines Tages sterben. Sterben müssen, um den uns ewig scheinenden Kreislauf aus Geburt und Tod zu vollenden. Es ist ein Trost, dass wir darin alle gleich sind. Es ist wenig tröstlich, dass man in der Regel nicht weiß, wann man sterben wird. Oft erscheint der Tod (wie das Leben) ungerecht. Oft sind die Umstände ungerecht und für viele der Tod zu früh, wenn Gewalt, Unglück oder Krankheit Todesursache waren. Das Schlimmste am Tod ist dessen Unumkehrbarkeit. Im Leben gibt es immer noch Hoffnung, Hoffnung auf Änderung, auf ein Weiter. Im Tod gibt es nur das Vorbei.

Just remember that death is not the end. Tröstlich finde ich, dass im Grunde nichts verloren geht. Woraus wir gemacht sind, bleibt auf der Erde, zerfällt, nährt Gras oder Baum. Daraus werden Samen, die mit dem Wind fortgeweht werden. Wenn ich eines Tages sterbe, wünsche ich mir, dass man auf meinem Grab einen Johannisbeerstrauch pflanzt. Einen, der knallrote Beeren trägt, die von munteren Spatzen geplündert und in die Welt getragen werden. Und meine Seele? Vielleicht sind es die Seelen der Toten, die uns im Traum besuchen. Ich wache manchmal auf und habe noch das Gefühl der Dackelohren an meinen Fingerspitzen. Vielleicht husche ich auch einst durch jemandes Träume, wer weiß?

Wibke Ladwig

 

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punkt
tot
aus dem kontakt geraten aus dem kontext gerissen äußerst gerissen und zwar
darf ich dir mein ende reichen?
langt es dir oder magst du den rest mit mir teilen? es ist noch was da
; was wir tun könnten:
den tod vorziehen
in die sprache
haltewörter finden für ihn
und durchspielen
das könnte sich leben nennen
aber leben ist ein unbrauchbares wort
komma

 

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Oh wie schön, dereinst in die Harmonie des Nichts zurückzukehren! In den menschenwürdigen Zustand des Gleichklangs von Geist und Materie! Tod, nimm diese groteske menschliche Missgeburt und erlöse sie aus dem Korsett der Irrtümer! Führe uns aus der tosenden See der Falschheit in den ruhigen Hafen der Einfachheit. Tod, verschwinde durch den Tod!

Solange man lebt, ist man nicht tot. Wenn man tot ist, lebt man nicht mehr, sodass man dann subjektiv auch nicht tot ist. Es gibt kein Subjekt mehr. Ein Subjekt ist nie tot. Es gibt nur ein Wissen, dass man eines Tages tot sein wird, die empirische Schlussfolgerung aus Erfahrungen. Menschheitswissen.

Es heisst, der Tod sei die größte narzisstische Kränkung. Das ist insofern verwunderlich, als das Leben weder eine Leistung des Narziss ist, noch überhaupt vorstellbar. Das Leben ist irgendwie da. Dass es überhaupt irgendetwas gibt, also auch das Leben, ist ein Geschenk … und mit unserem Denken vollkommen unvereinbar. Denn unser Denken widerspricht sowohl der Idee der Unendlichkeit als auch der Vorstellung, dass aus Nichts etwas entstehen kann. Wir können das nicht denken, auch wenn wir uns den Kopf zerbrechen. Das Leben ist die eigentliche narzisstische Kränkung. Der Tod, das Nichts hingegen ist verständlich. Und diesen mit unserem Denken so wunderbar harmonisch vereinbaren Zustand erreichen wir am Ende unseres Lebens ganz von allein. Ein Schiff wird kommen …

Wer ruft da „cogito ergo sum“? Oh Falschheit, oh Eitelkeit! Das cogito, das Denken ist doch falsch! Welch irrige Gewissheit des falschen Bewusstseins soll die Schattenhaftigkeit des Seins beweisen? Welche Folter des Nichtwissenkönnens! Das Vergangene ist falsch, das Zukünftige ist nur vorweggenommenes Vergangenes, alles ist nichtig, und Asche im Wind.

Nur Träumen ist Jetzt, nur Jetzt ist göttliche Allmacht. Jetzt ist immer und ewig. Es gibt keinen Tod.

 

Moritz Reichelt

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Wir sind sterblich, wo wir lieblos sind, unsterblich, wo wir lieben. (Karl Jaspers)

Oktober 2005: Urlaub mit den Enkelkindern. Julius ist vier, sein großer Bruder fast acht Jahre alt. Es ist wunderschön mit den beiden und es ist anstrengend. Julius ist immer noch nicht richtig sauber. Julius spricht kaum – er möchte es, jedoch mehr als zwei Worte bringt er nicht heraus. Er will auch mit mir singen, aber es geht nicht und er schaut mich mit einer unendlichen Traurigkeit an. Was ist mit diesem Kind los? Ist Julius einfach nur etwas verzögert in seiner Entwicklung? Vielleicht liegt es an den Medikamenten gegen Epilepsie – diese Krankheit hat er wohl von seiner Mama geerbt.

November 2005: Die Ärzte haben nun die endgültige Diagnose und unser Sohn überbringt sie uns. Julius hat NCL – Neuronale Ceroid-Lipofuszinose. Ein seltener Gendefekt, eine Hirnabbauerkrankung – Alzheimer bei Kindern. Derzeit noch nicht heilbar. Julius wird blind werden, die Krampfanfälle werden sich häufen, er wird nach und nach alle bisher erlernten Fähigkeiten verlieren, er wird vielleicht noch zwei Jahre leben.

Der Himmel stürzt ein, die Welt bricht zusammen. Trauer, Wut, Ohnmacht, Verzweiflung, Tränen sowieso. Meine Beine werden zu Blei, meine Arme werden zu Pudding. Irgendwann wenigstens eine SMS an die Schwiegertochter: „Wir drücken dich – wir sind für dich da!“

Im Radio läuft bald unentwegt: „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg ist steinig und schwer.“ Ja, das wissen nun auch wir. Die eigene Traurigkeit muss jetzt unwichtig sein. Wir werden erst einmal stets für Julius, seinen Bruder und ihre Eltern da sein. Die beiden leben schon seit einem Jahr getrennt – alles wird noch komplizierter werden – „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg ist steinig und schwer.“

Die Krankheit läuft wie vorhergesagt, der Abbau geht schnell. Kann Julius in einer Woche noch einen Keks greifen und zum Mund führen, so greift er in der nächsten Woche schon mühsam ins Leere. Ich gebe ihm den Keks und er steckt ihn in den Mund. In der dritten Woche findet er seinen Mund erst beim dritten Anlauf.

Es tut so weh.

Die Familie, die eigentlich keine mehr ist, rückt wieder mehr zusammen. Alle wollen nur noch eins: Julius soll es gut gehen. Wir machen neue Erfahrungen: Alte Freunde gehen verloren – sie können mit unserem Unglück nicht umgehen. Neue Freunde werden gewonnen – sie finden die richtigen Worte – sie fragen einfach. „Wie geht es dem Kind?“ Ich ziehe mich in mich zurück – sinnloses Geschwätz in meiner Nähe kann ich nicht mehr ertragen. So viel wird unwichtig – weniges wirklich wichtig.

Es tut so weh.

Die Familie schafft den Alltag nur noch mit Unterstützung durch einen Pflegedienst. Julius hat eine Magensonde, sitzt im Rollstuhl. Einmal in der Woche hole ich seinen großen Bruder von der Schule ab. Danach ist Julius dran – dann ist Kuschelstunde und ich singe ihm mein ganzes Kinderliederrepertoire vor. Er ist dement, aber er weiß, dass Oma da ist und gleich singen wird. Er bebt wie ein Baby vor lauter Freude.

Einmal legt die Mama ihn anders als gewohnt auf die Couch zu mir – sein rechtes Ohr ist nun fast taub und er soll mich besser hören. Er ist unruhig – so will er nicht liegen! Dann tut er etwas, was er schon jahrelang nicht mehr getan hat: Er versucht mitzusingen. Es geht nicht, er weint – er hat aber auch schon lange nicht mehr geweint. Was will er mir sagen? Ich verspreche ihm, nächste Woche kann er wie gewohnt auf seiner rechten Seite liegen.

Sechs Tage später kommt der Anruf – Julius ist tot!

Wir haben ihn alle noch einmal gesehen: seine Eltern, sein Bruder, Großeltern, Tante, Onkel und die Betreuer. Er war so kalt und so klein. Ein bisschen roch er noch nach Julius. Er hatte es geschafft. Wir noch nicht. Wie viel Trauer wird noch in uns sein? Wir hatten schon dreieinhalb Jahre lang getrauert.

Jeder von uns ist in dieser Zeit tausend kleine Tode gestorben und jeder von uns hat in dieser Zeit unendlich viele Momente des vollkommenen Glücks empfunden – immer dann, wenn Julius uns angelächelt hat


Karola Sasse

 

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