42

Bläulich soll er ausgesehen haben, jemand sagte grünlich, also bläulich-grünlich, wahrscheinlich eher grau und das Krankenhauslicht machte dann daraus, was es wollte, also bläulich-grünlich-grau sah er aus, ganzheitlich farblich gestresst, dabei ruhend und ohne einen Vorwurf zu üben, er, der Eins-zu-zehn-Millionen-Junge, der Einer-unter-zehn-Millionen-Grauton, blieb zwei Stunden betrachtet und greifbar, blieb festgehalten in zitternden Armbeugen, blieb dokumentiert in drei, vier verbotenen Bildern, die niemand sich anschauen darf, die also inexistent, er wurde zum Nicht-Jungen, die Großeltern hatten keinen Enkel, die Tanten keinen Neffen, die Paten kein Patenkind, die Eltern hatten einen Grauton und nur die Eltern versuchen das Nicht-Vergessen, das Nicht-Nichtnennen, das Nicht-Verwerfen, die Grauton-Eltern ohne Kind und ohne Bilder und ohne Kind und doch mit Kind im Kopf, er, die Eine-von-zehn-Millionen-Geburt, er war nicht so, wie erwartet, er war so klein wie und so nicht-war wie, er hatte doch aber nichts vergessen, nichts nicht-erledigt, war vollständig als Außen, war am Stück und war doch im Innen nicht fertig geworden, war zu beschäftigt, die Hülle zu bauen und hatte keine Zeit mehr, aber auch mehr Zeit, mehr Zeit hätte nicht, mehr Zeit wäre nicht, mehr Zeit hätte er nicht, hatte er nicht, der Plan war fehlerhaft, der Bauplan, nach dem er arbeitete, die Anleitung machte Sprünge, er war ohne alternativen Plan aufgebrochen und hatte sich verbaut, der Eins-zu-zehn-Millionen-Junge, kein Grauton, kein Schatten, er, der nicht vergessen wird, weil.

Lew Weisz

 

 

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41

Listen…do you hear that? It’s a phone ringing in an almost empty apartment. Almost nobody is there to pick it up. Nobody will hear Matt’s mother’s story. Nobody will hear how ‘troubled’ Matt killed himself. Nobody will feel the two invisible hands wringing their stomach, twisting it this way and that like an old cloth.

Nobody will have to remember him whizzing around the flat. Always in fast-forward compared to the slomo the rest of us exist in. He was our Fiery Jack, a trail of gleaming light writhing between the dull, lustreless, inanimate objects that were the human beings he shared the earth with. Nobody will need to mourn the loss of that bright point of light.

No-one will read the letters he wrote, that fizzled and buzzed and hummed off the page; devoid of punctuation; full of repetition; always asking, ‘Where are you? When are you coming home?’

‘I’m so sick of it all,’ he had scrawled. ‘I need more than this,’ he wrote.

Nobody will hear his mother’s soft voice. Nobody will have to say, ‘Oh Norma, I’m so sorry, I’m so sorry,’ over and over again till the tears come. Nobody will have to be comforted by a dead boy’s mother’s soft voice.

‘It’s alright, love. You don’t have to be sorry. He’d had enough. He’d suffered enough. Matthew was in so much pain.

I saw him, you know, after they’d found him. There wasn’t a mark on him. It must have been very quick. Derek sends his love. No, no he can’t come to the phone. Yes, I’ll send you the details of the funeral, I’ll do that. It won’t be for a while. The railway has to have its own inquiry when someone throws themselves under a train and so technically he’s property of the railway company for the time being. I wasn’t allowed to touch him.’
And then, you see, nobody will have to hear her voice crack and then her tears won’t flood the line and make it real.

And so let the phone just ring and ring in the almost empty apartment and nobody will pick up and then none of this would have happened and Matthew would still be with us, wouldn’t he?

 

Georgina Pascoe

 

 

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40

Der Tag ist mild, wattige Wolken an einem Himmel wie von Plaka-Farbe, ich bin achtzehn und der Tod ist die winzige Frau Sievering in ihrem viel zu großen Bett. Sie muss noch geschrumpft sein, durch das Sterben, weiß und reglos, den Flaum von Haaren um das runzlige Gesicht, die Decke bis zum Kinn gezogen. Die gläserne Schiebetür ist geöffnet, helles Birkenlaub flirrt in der Sonne, es riecht nach gemähtem Gras und nach Flieder, ich bin achtzehn und Frau Sievering ist tot, der Himmel so blau, wie Kinder ihn malen, die Luft frisch und voller Versprechungen und Frau Sievering ebenso reglos wie der Sekretär mit ihren Papieren und der wuchtige Sessel mit der verstellbaren Lehne. Ich sehe mich um in diesem Zimmer, in dem niemand mehr wohnt, wenn man nicht Frau Sievering als jemanden betrachten will, mit den Möbeln aus den 60ern und dem Blick in lauter Gärten.

Nichts davon wird sie mehr mitbekommen. Nicht den Himmel oder die Birke oder den Flieder. Auch nicht, dass ich mir ein weiteres Ohrloch habe stechen lassen. Nie wird sie das erfahren. Nie mehr. Ich versuche, etwas zu fühlen. Das Nie Mehr zu fühlen. Soll ich Frau Sievering anfassen, soll ich jetzt traurig sein, aber ich habe ihr nur zweimal in der Woche das Abendbrot gebracht und sie hat gefragt, warum hat denn das Fräulein eine zerrissene Hose, hat es kein Geld für eine neue?

Frau Sievering ist verstorben, hat die Chefin gesagt, als ich mir morgens die Schürze umgebunden habe. Verstorben, um der Würde willen. Niemand würde das von seinem Hund sagen. Nur Menschen können das: versterben. Und immer in der Vergangenheit. Ich beuge mich zu ihr, halte den Finger unter ihre Nase. Tatsächlich atmet sie nicht. Ich denke mir: das ist meine erste Leiche. Der Tod ist viel kleiner, als ich ihn mir vorgestellt habe, mir wird er nichts anhaben können. Aber Frau Sievering schon. Da liegt sie, alt und unzufrieden, meine erste Leiche, ließ regelmäßig ihr Marmeladenbrot aufs Gesicht fallen, sagte zu meinem achtzehnten Geburtstag, nun kann die sogar einen Neger heiraten, wenn die will, Witwe eines Ministerialbeamten und Mutter eines nach Australien ausgewanderten Sohnes, wie auch meine Mutter vielleicht eines Tages Witwe eines Ministerialbeamten sein wird, aber nach Australien werde ich bestimmt nicht auswandern. Außerdem bin ich kein Sohn. Sie war zu alt, um zu verstehen, dass man weder Neger noch Fräulein sagt, die Frau Sievering, sie war zu alt, um zu verstehen, dass Risse in der Jeans Absicht sind und auch, um mit einem Flugzeug auf die andere Seite der Erde zu fliegen. Sie war für alles zu alt, und nun ist sie tot, aber ich, ich bin achtzehn, ich habe mir ein neues Ohrloch stechen lassen und von draußen duftet der Flieder.

Sibylle Luithlen

 

 

 

 

 

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39

„Lebst du auch noch?“, begrüßte mich S. naiv freudestrahlend.

Sicher wusste ich, wie er es meinte – S. war kein guter Freund, jedoch ein Mensch, den ich sehr mochte, und lange nicht mehr gesehen hatte. Genau sechs Monate: Meine Zeit auf der Kinderkrebsstation von Pfaundler in der Freiburger Uni-Kinder-Klinik.

„Frag das nie einen Krebser!“, erwiderte ich streng, wohl damit rechnend, dass ihm die Kinnlade herunterklappte.

Es war mehr eine Frage des Prinzips, ihm so etwas entgegen zu schleudern, vielleicht eine Art Statuieren eines Exempels – damit er und die Freunde um uns herum ihrer Sprache bewusster werden. Und natürlich des Todes, der Teil unseres Lebens ist und überall lauert. Auch auf junge Menschen, die sich noch nichts haben zu Schulden kommen lassen. Nein, ich wollte ihn nicht diffamieren, ich wollte ihn nicht abweisen, zum Beweis lächelte ich ihn an, sagte, dass ich nur scherzte, und drückte ihn fest an mich. Ich hatte doch bemerkt, dass seine Freude nicht gespielt war, sondern ernst gemeint, und sein Michnichtmehrloslassenwollen bewies dies erst recht.

So viele Dinge passierten mit mir in diesen sechs Monaten: Ich nahm meinen Körper ganz anders wahr, mein Geschmackssinn spielte verrückt, ich roch anders, ich veränderte gar meine Weltsicht – und die Sprache, die wir täglich nutzen, wurde mir plötzlich fremd. Ich hinterfragte einzelne Floskeln, Allgemeinplätze, Worte, die ich tausende Male gedankenlos gebraucht hatte, brannten plötzlich lichterloh in meinem Kopf, wollten in ihrem ganzen Ausmaß verstanden werden.

Ein anderes Missverständnis hatte bereits zuvor in der Klinik noch mehr Bestürzung hervorgerufen: Ich hatte mir etwas zu trinken aus der Küche geholt, schwer humpelnd, eine Flasche und ein Glas balancierend, immer bedacht, dass weder der Apfelsaft noch ich auf dem Boden landeten. An meinem Zimmer, das am anderen Ende des Flurs lag, angekommen, wurde mir mitgeteilt, dass ich Besuch habe und dieser im „Fischzimmer“ wartete. Ohne mein Getränk abzustellen, humpelte ich also weiter, platzierte Flasche und Glas auf dem Tisch und begrüßte meine Freunde. Diese schauten abwechselnd das Getränk und mich an, verwirrt, was mich dazu brachte ihnen giftig zu erklären:

„Krebs ist übrigens nicht ansteckend!“

Wieso war ich so gereizt? Mir war bewusst, dass sie nichts Böses von mir wollten, lediglich überrascht waren und ich etwas hinein interpretierte, was gar nicht da war. Durch meinen Ton verletzte ich sie. Durch meine Sprache grenzte ich mich von ihnen ab.
Ich bekämpfte als einziger den Krebs, führte ich, führte ich hier stellvertretend Krieg gegen ihn? Sprache. Ein Tumor ist eine „böse Masse, die wuchert“, gegen die ein Arzt mit einem Skalpell als „Streitaxt“ angeht, der Körper wird zum „Schlachtfeld“. Nicht nur Susan Sontag verweist auf Krebs als Metapher und darauf, dass häufig Kriegsmetaphern im Sprechen über Krebs benutzt werden. Bin ich „dem Tod von der Schippe gesprungen“, als ich den „Krebs besiegte“?

Ich lebe noch, schreie ich S. entgegen, obwohl ich nicht schreie. Meine Sprache hat sich verändert, ebenso mein Bewusstsein. Der Tod lauert mir überall auf. Noch. Immer.

 

Jannis Plastargias

 

 

 

 

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38

 

 

 

 

bis

Der Tod kam vorbei
wir haben uns unterhalten
bis er wieder ging

 

David Wagner

 

 

 

 

 

 

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37

 

 

 

 

 

ich kann diese stelle nicht wiederfinden

 

 

 

 

nur schemen nur ihre blanken gesichter
überbelichtet sie richteten lampen aus
ich kannte die hand nicht

die mich ans bett band linke hand rechte hand
linker fuß rechter fuß fixiert mit versiertem griff dann
die maske der schlauch das schneidende
licht ich lag hinter den scheiben sah stirnen
gestalten mit mundschürzen die mich meinten
die meine entzweiung begingen geschäftige finger
trainierter begriff während ich schlief und ich schlief
lang

jahre als hätte ich niemals davon gesprochen was
wächst denn wenn schweigen wächst wie das gras
vor den scheiben was bedeutet dir hoffnung sag
war ich je so voller hoffnung wie da ich
ihr unterlag

 

 

 

 

ich kann diese stelle nicht wiederfinden ich weiß nicht
erinnere ich mich oder stelle ich mir ihre gesichter bloß vor
und was sag mir machte den unterschied

habe ich eingewilligt in meine entzweiung hat mich wer oder
war ich dann vorbereitet und müssten meine hände nicht
immer noch zittern dass die fixierung sich endlich löst

 

 

 

 

dieser schmerz kennt keinen anfang
kein ende nicht dreißig sekunden
bäumen des munds dann ruhe
nur runde um runde hinüber

über die schwelle dessen
was möglich schien

taubheit in rücken und füßen
gerüche spürbar als übelkeit
willen versiegt schließlich stimme
kein ich verfügt über mich

aber verstand setzt nicht aus
angst setzt nicht aus ich

kann sich nicht dahin bringen in ohnmacht zu sinken
kein bewusstsein zu haben noch bewusst
zu sein

 

 

 

 

kannte ich denn die hand die die maske führte das schweigen
das atemlos schlafen macht warten wachen
wann kannte ich dich und erkannte dich nicht schlaf
im schlaf

die meine hände banden als bänden sie mich begründeten nicht
das war ich als ich schlief mit zitternden fingern als wären es meine hände
die dies begingen als begriffen sie mich

ich kann diese meine hände nicht wiederfinden warten sie noch
schlafend das wachen zu lernen das lösende wort
in ihrer mitte

 

 

 

 

nie hielt ich dich
nicht als ich schlief
nicht als durch mich
und durch mich hindurch
ging tod
dein tod
und mich übrigließ

 

 

 

 

wie kann ich die lampen löschen die stellungen lösen ich höre
mein heiseres jauchzen das wächst wie das gras
vor den scheiben wie sollte ich schweigen wollte ich schlafen bein
an bein als wüsst ich zu weinen als wär keine schwerkraft
mich zu halten mich zu entbinden vom fall
ins erwachen

 

 

 

 

sie könnten ruhig etwas mithelfen warum ist die noch wach
jahrelang diese fordernde stimme der schwester
im ohr den vorwurf der ärztin an den anästhesisten

als sei es das leichthin gesagte mit dem man nicht fertig wird
winziger stachel aus demütigung schuld scham was tun wir
einander lächelnd an ich frage noch einmal was tun wir
einander gutes und wann

 

 

 

 

steh ich auf vom tisch der kein bett war und finde das wort
für tod

 

 

 

 

sag es sags noch mal markier diese stelle da
das reißende mich übersteigt nenn schwerkraft
was mich weinen lässt atmen
atmen

markier wiederholung als ort wohin ich
zurückkehren kann der empfindlichkeit
bindet

 

 

 

 

habe entzweite zwei hände entzweite zwei füße
augen zu sehen beine zu gehen höre dich atmen
im schlaf erwachend erinnere ich mich
und erinnere von dieser stelle das gras

 

 

 

daniela seel

 

 

 

 

 

 

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36

Draußen: Frühsommer. Die täglichen Routinen gingen in der Vorfreude auf den Sommer, der vor der Tür stand, leicht von der Hand: Aufstehen, Kind wickeln, Zähneputzen, Kaffee kochen, Frühstück für zwei machen, das Kind in die Kita bringen, Büro, nach Hause kommen. Kurz vor Pfingsten war es tagsüber schon so heiß, dass sich in den Nachmittagsstunden die Hitze im Treppenhaus staute. Mit einem zweijährigen Kind an der Hand nach ganz oben zu steigen, nahm Zeit in Anspruch und in diesem Frühsommer – wie in allen anderen zuvor und wahrscheinlich vielen, die noch folgen würden, waren die Nachbarn, denen man beim Aufstieg im Treppenhaus begegnete, aufgekratzt.

Eines Tages fiel mir auf, dass er im Hausflur fehlte: der Nachbar aus dem zweiten Stock links. Jetzt, da ich diesen Text schreibe, fünf Jahre nach seiner Beerdigung, fällt mir auf, dass ich keine Erinnerung mehr an ihn habe. Ich stelle mir vor, dass sein Gesicht eingefallen war, denn er war Alkoholiker. Das Klappern der Bier- und Schnapsflaschen begleitete seinen Gang. Das letzte Mal war ich ihm vor dem Discounter mit zwei Plastiktüten, die mit Schnaps und Spaghetti Mirácoli gefüllt waren, begegnet. Wir begrüßten uns, fanden kein Gesprächsthema und verabschiedeten uns kurz darauf. Der Anrufbeantworter, um dessen Installation er mich gebeten und die ich nicht hinbekommen hatte, wäre Gesprächsstoff gewesen, fiel mir später ein.

Ich fragte die anderen Nachbarn. Nein, niemand hatte ihn gesehen – und niemand öffnete seine Tür, wenn man klingelte. Vielleicht war er im Urlaub? Bei Verwandten? Hatte er überhaupt Verwandte? Doch dann wurde seine vermeintliche Abwesenheit zur Anwesenheit, sie wurde ganz langsam Gewissheit. Nahm man die Treppen schnell, bemerkte man den Geruch gar nicht. Aber das Kind hatte noch kurze Beine und wir mussten auf jedem Treppenabsatz eine Pause einlegen. Zunächst hing der Geruch nur kurz süß und schwer in der Nase. Doch mit jedem heißen Nachmittag wurde er unausweichlicher.

Es war am Donnerstag vor den Pfingstfeiertagen als ich bei der Hausverwaltung darauf bestand, die Tür zu öffnen. Ich wusste nicht, ob sie meiner Bitte Folge leisten würden. Die Bestätigung erhielt ich am Abend vor dem Fernsehgerät, als eine neue Folge von Germany’s Next Topmodel begann. Die Menschen in Heidi Klums Modelvilla wachten gerade auf, als sich der Verwesungsgeruch durch die Türritzen drängte und sich in unserer Wohnung breitmachte. Ich saß wie versteinert mit einem Spucktuch des Kindes auf der Couch und presste es mir vor die Nase.

Zu seiner Beerdigung kam der Nachbar aus dem zweiten Stock rechts und sagte: „Mir wird es einmal genauso gehen.“ Der Nachbar aus dem vierten Stock rechts kam auch und sagte: „Er hatte eine Tochter, die wollte nicht kommen.“ Ich kam auch und ich weiß nicht mehr, was ich sagte. Und sonst sagte niemand etwas. Wir waren nur zu dritt.


Michaela Maria Müller

*

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35

Wenn man selbst Gast auf einer Beerdigung ist, stellt man sich beinahe automatisch die Frage, wie die eigene Beerdigung wohl sein würde. So ging es mir jedenfalls das letzte Mal, und der Gedanke hat mir Unbehagen bereitet. Ich möchte jetzt nicht sagen, dass ich ein Kontrollfreak wäre, aber ich richte meine Feiern schon gerne selbst aus.

Zuallererst plane ich, erst im hohen Alter zu sterben. Das hat u. a. den Vorteil, dass meine Freundinnen mit der Planung meiner Bestattung betraut würden. Das würde mich freuen, denn ich traue ihnen in jedem Fall ein ganz grandioses Fest zu. Sie würden weder Kosten noch Mühen scheuen, und ganz sicher würde alles perfekt aussehen, und auch die Rede wäre passend und zugleich herzergreifend. Nichtsdestotrotz erfüllt mich diese Vorstellung nicht unbedingt mit Freude, und das hat zwei Gründe.

Erstens: Ich bin sehr geizig und mich schmerzt allein der Gedanke an das investierte Geld. Die Kränze, der Sarg, die Urne, der Grabstein! Meine Güte! Der Leichenschmaus! So hohe Ausgaben! Das möchte ich nicht.

Noch schwerwiegender ist der zweite Grund: Alle müssten Rotz und Wasser heulen, die Schminke verliefe, Taschentücher würden verschwendet und das ist ein sehr trauriger Gedanke.
So bleibt am Ende nur eines: Ich möchte bitte gerne meine Beerdigung kostengünstig selbst planen.

Alles fängt mit der Wahl des idealen Ortes an. Ich habe lange über den optimalen Bestattungsort für mich nachgedacht. Es müsste ein Ort sein, an dem ich mich wohl fühle und gleichzeitig ein Ort, den meine Angehörigen möglichst ohne großen Aufwand besuchen können. Berlin wäre eine Option, weil ich hier lebe – aber es gibt einen zweiten Ort, an dem lebe ich auch und ehrlich gesagt, liebe ich den noch mehr: Es ist das Internet.

Ich fühle mich bereit für eine digitale Bestattung. Ich finde das zeitgemäß und gemessen an der Zeit, die ich lebend im Internet verbracht haben werde, wäre das nur konsequent. Für die eigentliche Zeremonie schwebt mir eine Art Splitscreen vor. Links ein Videostream, der meine Urne zeigt. So müsste niemand anreisen und alle können es sich in Jogginghosen bequem machen.

Neben dem Videostream rechts werden die Tweets meiner Gäste eingeblendet. Vom Social TV (beispielsweise sonntags beim Tatortschauen) kennt man das. In meinem Fall würde unter einem speziellen Hashtag getwittert: Wir trauern um Patricia, kurz #wtuP.

Eine Stunde lang darf jeder ein paar Erinnerungen twittern.

„Ich kannte sie aus dem Internet und sie war so wunderschön. #wtuP“

„Patricia war einfach nur zauberhaft. #wtuP

„So klug!!! #wtuP“ und diejenigen, denen nichts einfällt, die retweeten einfach +1 ‚Patricia war so zauberhaft. #wtuP’“ oder etwas wortkarger „#wtuP“.

Sollte die Stimmung kippen, möchte ich, dass der Bestatter das Prozedere unterbricht und ankündigt, dass nun mir zum Gedenken mein Lieblingslied gespielt wird. Ich möchte, dass mein Lieblingslied von einem Kassettenrekorder gespielt wird, der hinter meinem ausgedruckten und gerahmten oder auf einem Screen gezeigten letzten Selfie steht.

Es soll eine dramatische Pause geben und dann drückt der Bestatter Play. Es rauscht und knistert und mit 120 dB erklingt „Ding dong, die Hex ist tot“. Und zwar das Original aus dem Zauberer von Oz-Musical von 1939 und nicht die Version, die der Pianist in Die nackte Kanone 2 1/2 spielt.

Ding! Dong! The Witch is dead!
Which old witch? The Wicked Witch!
Ding! Dong! The Wicked Witch is dead!
Let’s all laugh and sing.
And ring the bells now!
Hey ho, the Merry-O!

(Wiederholung)

Danach kommt jemand, holt meine Asche und verteilt sie in einem Ruheforst. Ein schöner Gedanke. Physisch werde ich Baumdünger und mein Geist und alle Gedanken an mich sind Teil des Internets. Am Ende bin ich überall und immerda.

Patricia Cammarata

*

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34

Das Telefon klingelt, und Marie ist dran.

„Das Klavier ist runtergefallen“, sagt sie leise.

„Was sagst du da?“

„Das Klavier. Es ist runtergefallen.“

Meine Mutter macht eine Pause, bevor sie weiter spricht.

„Ich wollte es dir nur sagen, sagt sie, damit du Bescheid weißt. Dass es das Klavier nicht mehr gibt.“

„Es ist von der Galerie auf den Steinboden gefallen? Fünf Meter tief?“

„Vier“, sagt sie, „es sind nur vier Meter, aber nein. Es war nur ein Meter. Sie wollten es Stück für Stück machen. Mit Flaschenzug und versetzten Ebenen. Auf dem letzten Meter ist es dann passiert.“

„Und jetzt?“

„Zahlt natürlich keine Versicherung. Nachbarschaftshilfe, das ist mein eigenes Risiko. Aber ich bin nur froh, dass es niemandem auf den Fuß gefallen ist. Es ist, letzten Endes, nur ein Klavier. Es gibt Wichtigeres.“

„Und es ist – Schrott?“

„Davon gehe ich aus. Der Tischler hat gesagt, er macht mir das Holz neu an der Ecke, wo es abgesplittert ist. Er denkt, damit wäre es getan.“

„Es ist nicht in tausend Teile zerfallen?“

„Nein, nur an einer Ecke ist das Holz abgesplittert. Aber hör mal.“

Aus dem Telefon kommen ein paar schiefe Töne.

„So hören sich jetzt alle Tasten an. Die gesamte Mechanik ist verzogen. Weißt du, was Großmutter gesagt hat?“

„Was hat sie gesagt?“

„Gut, dass du nicht daran hängst.“

„Was meint sie damit?“

„Das weiß ich auch nicht. Von Paul dem Polen habe ich das damals gekauft. Er rief an und sagte, ich habe ein Klavier für dich. Es ist ein Broadwood. Eine alte englische Marke. Ich weiß noch, wie Silvesters Klavierlehrerin, wie hieß sie noch, die mit der Tochter Carla, also, wie die rumänische Klavierlehrerin sich damals ransetzte und spielte, und sie sagte, für einen Klavier ist er sehr gut, sie war ja Konzertpianistin, ist es immer noch, und spielt sonst immer auf einem Flügel, sie sagte jedenfalls, für einen Klavier ist er sehr gut.“

„Sascha“, sage ich.

„Stimmt“, sagt sie. „Sascha. Jedenfalls war er ein guter Klavier.“
Wir schweigen, und ich denke an das Wohnzimmer im alten Haus. Ein Nachmittag im Sommer, die Tür zum Garten steht offen, die Luft ist warm, und sie sind da. Carla, die Tochter, Sascha, die rumänische Klavierlehrerin, und, am Klavier, von hinten, Silvester.

„Und du kannst das so locker sehen“, sage ich. „Du bereust nichts? Dass du keine Profifirma beauftragt hast, die versichert gewesen wäre? Bist du nicht wütend?“

„Nein“, sagt sie. „Mich nervt, was da jetzt auf mich zukommt. Versicherungen recherchieren, Klavierbauer ausfindig machen, Transport organisieren, Reparatur veranlassen, Rechnungen bezahlen. Mich nervt der Rattenschwanz an Organisation, der damit verbunden ist, aber sonst, nein.“

„Und der Tischler?“

„Dem geht es wahrscheinlich schlechter damit als mir. Ich möchte auch nicht mit ihm tauschen. Ich hatte ihm ja angeboten, eine professionelle Firma zu beauftragen, und er sagte, nein, nein, das machen wir schon.“

„Und was hat er dann gesagt?“

„Nicht viel. Die haben alle nicht viel gesagt. Vier große Männer standen um das Klavier und es war sehr, sehr still, nachdem das Geräusch abgeklungen war.“

„Es muss ein wahnsinniges Geräusch gewesen sein.“

„Zuerst war es schon hässlich, es krachte und das Holz splitterte, aber als der Knall vorbei war, tönte durch das ganze Haus ein wirklich wunderschönes Geräusch.“


Johanna Straub

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33

Der Mann hinter dem Vorhang starb, ich aber zählte die Löcher in den Deckenpaneelen. Siebzehn quer, fünfunddreißig längs. Graue Deckenpaneele, zwölf Stück bis zum Vorhang. Sie hatten gesagt, dass keine Hoffnung mehr sei. Seine Lunge verpilzt, sein Körper in Auflösung. Es mache keinen Sinn, weitere Maßnahmen zu ergreifen, Angehörige sollten benachrichtigt werden.

Der Vorhang war hellgrau mit weißen Streifen, er trennte die beiden Behandlungseinheiten in Raum 2 der Neurointensiv. Ich hoffte, dass der Vorhang die Pilzsporen davon abhalten konnte, in meinen gelähmten Körper einzudringen. Ich hoffte, dass der alte Mann bald sterben würde, damit sie ihn und die Pilze fortbrächten.

Sie hatten meine Spritze vergessen. Ich zählte die Löcher ein letztes Mal, dann schob ich die Klammer vom Finger, der Alarm fiepte. Normalerweise brauche hier keiner eine Klingel, hatte die Stationsärztin gesagt. Ihr Blick über den Rand der Brille, eine Augenbraue hochgezogen.

Schwester Hedda kam an mein Bett. Sie legte die Hand auf mein schweißnasses Laken und sah mich fragend an.

„Einmal wenden und einschläfern bitte.“
Sie lachte. Ich konnte nicht mehr viel, aber jemanden zum Lachen bringen, das würde gehen bis kurz vor dem Koma.

„Eigentlich müssten Sie mal wieder ein frisches Laken bekommen, aber das geht jetzt gerade schlecht.“

Sie deutete mit dem Kinn in Richtung Vorhang, dann fasste sie mich an Schulter und Hüfte, drehte mein Fleisch in Rückenlage. Das reglose, rohe Fleisch. Ich schrie nicht, ihr zuliebe. Schwester Hedda konnte die Kissen unter meinen Kniekehlen so knuffen, dass sie stundenlang die Form hielten.

Dann schoss sie den Schmerz ab. Erst spürte ich nur ein Ziehen im Oberschenkel rings um die Einstichstelle, danach hoben meine Beine ab, der Rumpf, der Rest, auf die Zuckerwatte Insel Wolke. Der gestreifte Vorhang flatterte im Wind, mein Schiff nahm Fahrt auf, der Chefarzt ernannte mich zum ersten Offizier, an seiner blauen Kapitänsuniform fehlte ein Knopf. Ich winkte und segelte ins Nichts.

Der Schmerz wachte als erster wieder auf. Ärzte und Schwestern waren hinter dem Vorhang versammelt, das hörte ich, aber sie waren still, es gab nichts mehr zu sagen oder zu tun. Es war, als würden alle den Atem anhalten in professioneller Beklommenheit.

Tropfen, Pumpen, Piepen, immer langsamer, immer lauter. Immer leiser der Rest. Kein Todeskampf, kein letzter Atemzug mit großer Geste. Der Tod war banal und bestand im Wesentlichen aus dem Ende des Lebens.

Sie hatten einen Paravent zwischen mein Bett und den Rest der Welt gestellt, aber er hielt die seltsam bleierne Stimmung nicht ab. Schlurfende Schritte, kein Schluchzen, wer sollte bei einem alten Mann schluchzen, Worte, gemurmelte Satzfetzen, nicht länger leiden, an einem besseren Ort, Zeit.

Als die letzten Angehörigen des alten Mannes gegangen waren, machten sich die Schwestern hinter dem Paravent zu schaffen, der Tote wurde weggebracht, das Pilzvernichtungskommando räumte ab, warf weg, desinfizierte, dann wurde ein neues Bett hereingeschoben mit einem neuen Patienten.

Ich selbst bin dann doch nicht gestorben, aber ich weiß eines ganz sicher über meinen Tod: Er wird banal sein.


Ute Weber

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